Patrick Viol

Kommentar: Die falsche Abwehr eines glücklosen Lebens

Warum haben so viele Erstwähler:innen die FDP gewählt? Das fragt sich nicht nur das grüne Deutschland, sondern auch Patrick Viol in seinem Kommentar.

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In manchen jungen Menschen scheint noch die Erfahrung lebendig zu sein, dass Glück da zu haben ist, wo keiner einem vorschreibt, wie man leben soll. (Bild: Ernst W. Nay, Rofiguration, wiki)

In manchen jungen Menschen scheint noch die Erfahrung lebendig zu sein, dass Glück da zu haben ist, wo keiner einem vorschreibt, wie man leben soll. (Bild: Ernst W. Nay, Rofiguration, wiki)

Foto: Georgios Michaloudis

Ein ganzes Viertel der Erstwähler:innen hat die FDP gewählt. Also die Partei, die zwar behauptet, das „effizienteste und wirksamste Klimaschutzprogramm aller Parteien“ zu haben, aber in Wirklichkeit nur eine schlechte Wette anbietet. Ihr Vorhaben, durch Emissionshandel die Co2-Emissionen bis 2050 auf null zu bringen, bietet lediglich eine 33-prozentige Chance, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Gute Aussichten sind etwas anderes.
Entsprechend ließ das Wahlergebnis der FDP so einige aus den medial aufgebauschten Wolken fallen. Ging die breite Öffentlichkeit doch die letzten Jahre davon aus, dass jede:r Jugendliche Fridays For Future anhängt und entsprechend Grün oder Links wählt. Für ihre Zukunft, für die Welt, für das Überleben - Stichwort: Bundestagswahl ist Klimawahl. Nun ja, falsch gedacht. Auch in den Redaktionen, aus denen nicht zuletzt das Bild einer komplett durchgegrünten Jugend stammt. Folglich erschienen in der letzten Woche einige Artikel, in denen sich Verwunderung über die junge und solide Fanbasis der Liberalen breitmachte.
So fragt Markus Feldenkirchen z. B. im Spiegel: „Spinnen die jungen Leute?“ Soll heißen: Junge FDP-Fans wählen in Anbetracht des liberalen Klimaprogramms entgegen ihres langfristigen Eigeninteresses. Sie wählten nur das, was „später ihrem Geldbeutel helfen wird.“
Auch Zeit Campus wundert sich, kommt aber auf keine eigene Antwort und bittet FFF-Anführerin Luisa Neubauer um eine Erklärung. Die FDP würde halt von denen gewählt, die „Freiheit mit so einer Art Gewohnheitsrecht gleichsetzen“. Von solchen also, die nicht aufgeben wollen würden, woran sie gewöhnt sind, wie z. B. schnell Autofahren, so Neubauer. Und ein Schüler, der die FDP gewählt hat und in einem Beitrag für die Tagesthemen nach seiner Wahlmotivation gefragt wird, scheint ihr Recht zu geben: „Ich habe erst seit Kurzem meinen Führerschein gemacht und habe keine Lust in den nächsten Jahren nur noch 130 auf der Autobahn fahren zu dürfen.“
Nun kann man gemeinsam mit Luisa Neubauer und Markus Feldenkirchen über diese Antworten den moralisch schwer gewordenen Kopf schütteln und junge FDP:Wähler:innen für kurzsichtige Egoist:innen halten, deren Reflexionsvermögen von 12 bis Mittag reicht. Oder man nimmt den Impuls, welcher der FDP-Wahl zugrunde liegt, als eine falsche Abwehr der Kurzsichtigkeit und des Egoismus der Klimapolitik von Grün und FFF ernst.
Weil in manchen jungen Menschen anscheinend noch die Erfahrung lebendig ist, dass Glück da zu haben ist, wo keiner einem vorschreibt, wie man leben soll, wo also der Egoismus der anderen aufhört, spricht sie die Option auf eine grün getrimmte Marktwirtschaft nicht an. Denn die ist im Grunde - nimmt man deren Vertreter:innen beim Wort, das stets nur die Sorge ums kreatürliche Überleben, aber nicht ums Glück des Einzelnen ausdrückt - Kapitalismus ohne individuelles Glücksversprechen bei gleichzeitiger Ausweitung der politischen Herrschaft übers besondere Leben. Und damit - darin liegen die Kurzsichtigkeit und der Egoismus des grünen Engagements - stellt grüner Kapitalismus eine Verschlechterung des bereits jetzt für die meisten an individuellen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten total verarmten Lebens dar.
Eine klimapolitische Veränderung unserer Gesellschaft, die sich nicht an der Perspektive ausrichtet, dass die Freiheit des Einzelnen die Bedingung der Freiheit aller ist, sondern an ihrem Gegenteil, muss Menschen abschrecken, die noch einen emphatischen Begriff von individuellem Glück haben.
Dass ihnen aber auch die Wahl der FDP nicht dabei helfen wird, es zu erlangen, weil ihr der Einzelne schnuppe und Kapital alles und daher deren Freiheitsbegriff Kokolores ist, das steht auf einem anderen Blatt.
 
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korrigierte Version vom 11. Oktober


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