Patrick Viol

Grabkerzen und ein Pappkamerad

(pvio). Zur letzten Titelgeschichte „Solidarität statt Querdenken“ hat es einige Rückmeldungen von Leser:innen gegeben. Zur Förderung der öffentlichen Debatte werden wir die Reaktionen in einer ab dieser Ausgabe startenden, kleinen Reihe vorstellen und auf die Kritik eingehen.

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Grabkerze: Als Symbol durchaus doppeldeutig. Foto: AdobeStock/Jamrooferpix

Grabkerze: Als Symbol durchaus doppeldeutig. Foto: AdobeStock/Jamrooferpix

Um zwei Dinge zu Beginn klarzustellen: Die Story der Titelgeschichte waren nicht die Spaziergänge - darüber hatten wir schon in der Vergangenheit berichtet -, sondern der angesichts von deren Vermehrung sich formierende Gegenprotest in der Region und die Darstellung der Gründe seiner Organisator:innen. Und zweitens: Wenn es um einen Austausch und eine offene Debatte (runder Tisch) und die Meinungsfreiheit gehen soll, wie es auf Spaziergängen gefordert wird, dann muss sich zumindest darauf geeinigt werden, dass Argumente redlich und logisch zu sein haben und dass Meinungsfreiheit nicht die Freiheit bedeutet, medizinische oder biologische Fakten durch Gefühl und Halbwahrheiten ersetzen zu können. Klar, Statistiken und manche Fakten muss man auch interpretieren, aber dann eben auch auf der Grundlage von Logik.
Der erste Leserbrief stammt von Petra Spalek. Sie bezeichnet meinen Text als einen „einseitigen Bericht“. Die Tatsache, dass nicht nur Organisator:innen des Gegenprotests, sondern auch ein Kritiker der Corona-Politik zu Wort kommt und seine Gründe für seine Ablehnung der Maßnahmen darlegen kann, scheint Spalek übersehen zu haben. Entsprechend hinterfragt sie die Äußerung der Veranstalter:innen des Ritterhuder Gegenprotests, sie hätten auf den Spaziergängen Menschen beobachten können, die antisemitische und holocaustrelativierende Verschwörungstheorien verbreiten. Ob es dafür „Belege“ gebe, fragt Spalek. Nun, die Belege, dass unter den Spaziergänger:innen Menschen sind, die die Maske als Hakenkreuz empfinden und behaupten, die Impfung sei eine willentliche, das Ausmaß beider Weltkriege übersteigende Opferung von Menschen, stehen im Text.
 
Grabkerzen für Lebende
 
Interessant ist, dass Spalek, nachdem sie die Anwesenheit von Verschwörungstheoretikern auf den Spaziergängen hinterfragt hat, im nächsten Satz die Möglichkeit, dass sie mitlaufen, einräumt. „Es läßt sich grundsätzlich - und da sind wir uns hoffentlich einig - nicht verhindern, daß auch solche Personen auf Versammlungen, Demos, Kundgebungen auftauchen.“ Und ich muss sagen: Da sind wir uns leider nicht einig. Demonstrationen setzten sich durch die Kritik zusammen, die auf ihnen formuliert wird. Und wenn man, wie Spalek schreibt, als Mensch, der sich um die „Grundrechte aller (!)“ sorgt, nicht mit Rechtsextremen oder Verschwörungstheoretikern „in einen Topf“ geworfen werden will, muss man seine Kritik, aber auch seine Symbolik auf eine Weise äußern, dass sie gar nicht anschlussfähig für solche Leute ist. Z. B. die Grabkerzen. Weil Frau Wiechmann (Die Linke) sie als „staatsfeindliche Symbole“ bezeichnet hat, fragt Spalek nach: „Was bitte ist an Kerzen staatsfeindlich???“ Es ist schon bitter, wenn man seine eigene Protestaktion nicht versteht. Aber gut. Ich erkläre es gern. Wie jede Symbolik hat auch diese eine Doppeldeutigkeit. Grabkerzen vor staatlichen Institutionen sollen zum einen die Trauer um den scheinbaren Tod der Demokratie in den Institutionen ausdrücken. Aber weil die Demokratie nicht gestorben ist - die Gewaltenteilung existiert, Maßnahmen werden gekippt, Gesetze im Parlament diskutiert und jeder darf sagen, was er will - geht von den Grabkerzen zugleich eine Todesdrohung aus. Denn wer jemanden für tot erklärt, der zweifellos noch lebt, will denjenigen wohl tot sehen.
 
Nicht die Politik hat die Impfung entwickelt
 
Das heißt, nicht die Medien, oder mein Text, werfen Spaziergänger:innen mit Nazis in einen Topf. Man kann nur feststellen, dass die Spaziergänger:innen sich wenig darum scheren, das ihr Topf mit rechtsradikalen Zutaten gefüllt ist. Darüber hinaus fragt Frau Spalek, ob ich mich „jemals“ mit einem „Querdenker“ unterhalten hätte. Ob ich wisse, fragt sie weiter, „warum die Menschen von der Impfung nicht überzeugt sind?“ Zu ihrer zweiten Frage habe ich einen ganzen Kommentar geschrieben: „Das Unbehagen an der Impfung“, in dem ich im Übrigen auch die vorschnelle Verurteilung von Menschen, die der Impfung skeptisch oder ängstlich gegenüberstehen, kritisiere. Zudem kritisierte ich bereits seit Anfang der Pandemie, Maßnahmenkritiker:innen allesamt als „Covidioten“ oder gar als Nazis zu bezeichnen. Und nicht zuletzt bin ich selbst ein Kritiker der Pandemiepolitik - von Beginn an.
Auf Spaleks erste Frage kann ich nur antworten: Ja, habe ich und die meisten sagen oft, was auch Spalek - die These meines Kommentars, dass viele Skeptiker:innen ihr Unbehagen an Politik und Gesellschaft auf die Impfung verschieben, bestätigend - schreibt: Dass es ihnen schwerfiele, „Politikern zu glauben, die in diverse Skandale verstrickt sind - Wirecard, Masken...“.
Und dazu muss ich sagen: Die Glaubwürdigkeit von Politiker:innen und die Qualität von technischen Entwicklungen sind doch zwei ganz verschiedene Dinge ohne immanenten Zusammenhang. Eine angenommene oder tatsächliche Unglaubwürdigkeit von Politiker:innen sagt nichts über die Qualität eines Impfstoffes aus. Ebenso wenig wie die Qualität eines Staubsaugers deshalb schlecht ist, weil dessen Vertreter seine Frau betrogen hat. Er hat den Staubsauger nicht entwickelt, sondern bewirbt ihn lediglich.
Frau Spalek erklärt aber auch, dass nicht alle Spaziergänger:innen generelle „Impfgegner:innen“ seien, sondern viele Menschen nur die „‚Impfung‘ (von Frau Spalek in Anführungszeichen gesetzt) gegen Corona, die ja nachweislich keinen Schutz vor der Erkrankung (wie z. B. die Impfung gegen Masern oder Tetanus) bietet, infrage“ stellten. Und ja, da hat Spalek sicherlich recht: Es werden bestimmt nicht alle, die montags spazieren gehen, Impfungen generell ablehnen. Da hätte ich Coronaimpfungsgegener:innen schreiben sollen.
Aber während Spalek für mehr Differenzierung im Diskurs eintritt, stellt sie gleichzeitig einen Pappkameraden auf: Sie tut so, als ob es bei der Impfung um den Schutz vor der Infektion ginge, um sie in Anbetracht infizierter Geimpfter im ersten Schritt als wirkungslos hinzustellen, um im zweiten Schritt versteckte Interesse hinter der Impfung andeuten zu können. So schreibt sie: „Dazu ein einziges Beispiel: Impfquote in Bremen: 100,2%. Inzidenz in Bremen: über 1000 (das heißt, 1000 von 100.000 Menschen sind positiv getestet, nicht mal zwingend krank. Wo bitte ist bei einer Positivquote von 1% eine Pandemie?). Wenn die Impfung doch so toll wirkt, warum sind dann in Bremen so viele Menschen infiziert? Das darf doch gar nicht sein? Ich frage mich wirklich, warum da keinem ein Zusammenhang auffällt, nachdem sogar das RKI zugeben mußte, daß 85,6% aller Omikron-Erkrankten mindestens doppelt geimpft sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...“
Nun: Zum einen geht und ging es bei der Impfung von Anfang an primär nicht um die Vermeidung von Infektionen, sondern um die Verhinderung von massenhaften schweren, das - auf Kante genähte und deshalb auch zu kritisierende - Gesundheitssystem überlastenden Verläufen einer Corona-Infektion. Und diesen Zweck erfüllt die Impfung. Interessanterweise liefert Spalek dafür den Beweis aus Versehen mit. Weil sie darlegen will, dass „eine Pandemie nicht gegeben ist“ verweist sie darauf, dass die seit Januar 2020 114.207 Menschen, die „an oder mit Corona“ gestorben sind, bei 83 Millionen Menschen nur eine „Sterbequote von 0,001 %“ ergeben.
 
Willentlicher Logikverzicht
 
Eine geringe Sterbequote einer geimpften Bevölkerung als Argument gegen die Wirksamkeit einer Übersterblichkeit verhindernden Impfung anführen zu wollen - das ist schon willentlicher Logikverzicht - also ja: Ein Schelm, der dabei Böses denkt. Ich mache es aber auch noch einmal konkret für Bremen: Das Bundesland Bremen hat mit der höchsten Impfquote von 80,9% eine Übersterblichkeit von 1,44%, während in Sachsen mit der niedrigsten Impfquote von 58,7% die Übersterblichkeit bei 14,67% liegt, wie das Bundesamt für Statistik am 11. Januar mitteilte. (Die Analyse bezieht sich auf Daten vor dem dominanten Auftreten der Omikron-Variante. Aktuelle Bremer Impfquote liegt bei 84,7 %, die 100,2 % ist ein Wert, der Geimpfte aus anderen Städten einbezieht.)
Und ebenso unredlich ist es, zu versuchen, Omikron gegen die Impfung auszuspielen. Zum einen ist die Variante das Resultat einer weltweit schlechten Impfquote, wovor von Anfang an gewarnt wurde. Zum anderen bewahrt die Bremer Grundimmunisierung davor, dass die hohe Inzidenz eine Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen bedeutet. Das heißt: Die hohe Inzidenz bei lediglich 15 invasiv beatmeten Patient:innen auf Bremer Intensivstationen (in Sachsen 196) zeigt nicht die Unwirksamkeit, sondern die Wirksamkeit der Impfung.
Aber ich kann sie beruhigen, Frau Spalek: Auch wenn Sie glauben, es herrsche seit zwei Jahren ein „Verbot zu sterben“. In den Krankenhäusern sterben trotz Impfung immer noch Menschen. Z. B. an Krebs, weil man Operationen wegen unnötig belegter Intensivbetten verschieben musste.
 
Der ganze Leserbrief hier


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