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Patrick Viol

Wider die Voreingenommenheit: Der internationale Frauentag in diesem Jahr gilt dem Gender Bias

(pvio). In diesem Jahr macht der Weltfrauentag auf das Problem aufmerksam, dass Frauen unbewusst mit bestimmten Stereotypen assoziiert werden und dadurch Nachteile erfahren
Break the Bias - so lautet das Motto des diesjährigen Internationalen Frauentages.

Break the Bias - so lautet das Motto des diesjährigen Internationalen Frauentages.

Ursprünglich von Kommunistinnen wie Clara Zetkin ins Leben gerufen, um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen und die (allgemeine) Emanzipation voranzutreiben, hat sich die Bedeutung des Internationalen Frauentages - nicht zuletzt auch durch Errungenschaften der Frauenbewegung - mit den Jahren etwas verschoben. Im Mittelpunkt stehen nun eher die Rolle der Frau in der Gesellschaft und damit verbundene Themen wie Chancengleichheit, Gewalt gegen oder Benachteiligung von Frauen.
 
Gender Bias
 
Von gleichen „Verwirklichungschancen“ für Frauen und Männer kann in vielen Bereichen nämlich immer noch nicht die Rede sein. Vor allem am Arbeitsmarkt und bei der Fürsorgearbeit - im privaten wie im öffentlichen Bereich - sind Frauen häufig von Benachteiligungen und Ungerechtigkeit betroffen. Die gingen unter anderem - der internationalen Kampagne des diesjährigen Frauentags zufolge - auf einen sogenannten Gender Bias, auf eine Bevorzugung des männlichen Geschlechts gegenüber dem weiblichen zurück - auf Sexismus. Diese Bevorzugung sei Resultat einer unbewussten Voreingenommenheit (Bias) gegenüber dem weiblichen Geschlecht, in der es mit Stereotypen assoziiert wird, die Frauen für gewisse Ebenen der Arbeitswelt als ungeeignet und für die Fürsorgearbeit als besonders qualifiziert erscheinen lassen.
 
Geringere Erwerbsbeteiligung
 
Das zeigt auch die jüngst veröffentlichte Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Zwar hätten Frauen in Bildung und Job aufgeholt, doch „traditionelle Strukturen“ bremsten weiterhin die Bemühungen um eine Gleichstellung der Geschlechter, wie es in der Studie heißt. So erreichten 2019 etwa 41 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter Abitur oder Fachhochschulreife. Bei den Männern waren es nur 39 Prozent. Umgekehrt hatten Männer häufiger einen Hauptschulabschluss. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen lag hingegen Ende 2020 noch um rund sieben Prozentpunkte niedriger: Bei den Männern im Alter zwischen 15 und 64 lag die Erwerbstätigenquote bei 79 Prozent, bei Frauen bei 72 Prozent. Im Jahr 1991 hatte die Differenz noch bei 21 Prozentpunkten gelegen.
 
Seltener in Spitzenpositionen
 
Auch wenn 2021 das sogenannte Zweite Führungspositionen-Gesetz verabschiedet worden ist, das börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten und mehr als drei Vorständen dazu verpflichtet, bei Nachbesetzungen in der Top-Management-Etage sicherzustellen, dass mindestens eine Frau im Vorstand vertreten ist, befinden sich Frauen nach wie vor deutlich seltener als Männer in Top-Positionen der Wirtschaft. So waren 2020 elf Prozent aller Vorstandsposten der 160 größten deutschen börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt. Anders sieht es der WSI-Analyse zufolge auf der zweiten Führungsebene aus: Da ist der Frauenanteil mit 40 Prozent nur etwas niedriger als der Anteil an allen Beschäftigten (44 Prozent). Die sogenannte gläserne Decke hat sich in die vorletzte Etage verschoben.
 
Mehr geringfügige Arbeitsverhältnisse
 
Darüber hinaus unterscheiden sich die Erwerbsverhältnisse zwischen Frauen und Männern nach wie vor erheblich: Frauen stellen mit 60 Prozent den weitaus größeren Anteil an den ausschließlich geringfügig Beschäftigten, aber nur ein Drittel aller Selbstständigen in Deutschland (bei allerdings starker Zunahme) und darunter einen überproportionalen Anteil an den Solo-Selbstständigen.
 
Schlechter bezahlt
 
Die unterschiedlichen Erwerbsverhältnisse schlagen sich auch in großen Unterschieden beim Verdienst nieder. Laut WSI lag der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen zuletzt mit 18,62 Euro brutto in der Stunde um 18,3 Prozent oder 4,16 Euro unter dem der Männer. Eine weitere Rolle beim Verdienstrückstand von Frauen spielen verschiedene Interessen bei der Berufswahl. So finden sich im Pflege- und Gesundheitsbereich oder im Handel verstärkt weibliche Beschäftigte. Diese Tätigkeiten werden aber schlechter bezahlt als die meist von Männern ausgeübten handwerklichen und technischen Berufe.
Auch wenn sich der Gender Pay Gap in den letzten Jahren verringerte - mit 18 Prozent liegt er weiterhin über dem europäischen Durschnitt. Mit weitergehenden Folgen: Über das gesamte Erwerbsleben hinweg kumulierten sich die aufgezählten Nachteile für Frauen zu einem in der Studie konstatierten hohen Gender Pension Gap, der im Jahr 2019 - trotz einer deutlichen Abnahme seit 1991 - immer noch 49 Prozent beträgt. Das heißt, in Deutschland beziehen Frauen um 49 Prozent geringere eigene Alterssicherungseinkommen als Männer.
 
Care und Pandemie
 Bitter ist eine solche Zahl gerade vor dem Hintergrund, dass Frauen die meiste Zeit ihres Lebens mit einer Doppelbelastung zu kämpfen haben. Sie leisten nach wie vor einen deutlich höheren Anteil der Kinderbetreuung und übernehmen häufiger Pflegeaufgaben. Dies hat sich auch während der Pandemie fortgesetzt. Aber in einem negativen Sinne: Nach einem vorübergehenden Anstieg der Kinderbetreuung durch die Männer verschlechterte sich die Arbeitsteilung bis zum Juni 2021 wieder. Bei 71 Prozent der Familien übernahmen die Mütter überwiegend die Kinderbetreuung, bei sieben Prozent die Väter. Nur noch 22 Prozent der Paare teilten sich die Betreuung annähernd gleich auf, wie es in der Studie heißt. So habe die Pandemie einige Fortschritte Richtung Gleichberechtigung wieder kassiert. Oder - anders gesagt: Die Pandemie hat letztlich die Hartnäckigkeit unbewusster stereotyper Einstellungen offengelegt, dass sie sich auch dann halten, wenn sie nicht aktiv gelebt werden. Entsprechend gilt der Kampf am Frauentag der Bewusstwerdung stereotyper Voreingenommenheit auf allen gesellschaftlichen Ebenen - von der Liebe bis zum Management.


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