Lena Stehr

Die dramatische Lage der hiesigen Veranstaltungsbranche

Landkreis. Große Teile der Veranstaltungswirtschaft stehen nach über drei Monaten Corona-Zwangspause schon jetzt vor dem Abgrund - ein Ende ist nicht in Sicht. Der ANZEIGER spach mit Akteur*innen der Region.

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Alle Kinder dürfen zurück in die Kitas, Vereine können wieder Sitzungen abhalten, im öffentlichen Raum dürfen sich zehn Personen unabhängig ihres Hausstandes treffen, Hotel- und Beherbergungsbegrenzungen sind aufgehoben, die Tagespflege ist wieder geöffnet. Und auch für Einzelhandel und Dienstleister sowie in vielen anderen Bereichen gelten seit dem vergangenen Montag weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen.
Doch während nun viele in eine neue Normalität steuern, guckt die gesamte Veranstaltungsbranche weiter in die Röhre - und damit in eine düstere Zukunft. Unter dem Motto „Night of Light“ haben deshalb in der Nacht von Montag auf Dienstag bundesweit zahlreiche Unternehmer*innen aus der Veranstaltungswirtschaft gemeinsam mit Kulturschaffenden auf ihre dramatische Lage aufmerksam gemacht und ihre Spielstätten oder andere markante und öffentliche Bauwerke mit rotem Licht illuminiert.
 
Gebäude in der Region waren rot illuminiert
 
In der Region waren unter anderem das Bremervörder Rathaus, die Music Hall, der Barkenhoff und das Kaffee in Worpswede sowie die Mühle von Rönn und die Stadthalle in Osterholz-Scharmbeck rot beleuchtet. Die Farbwahl kommt dabei nicht von ungefähr. Die Veranstalter*innen wollen damit ausdrücken, dass ihre Branche auf der „Roten Liste“ steht und buchstäblich vom Aussterben bedroht ist. Hunderttausende Arbeitsplätze seien in Gefahr. Schließlich gehöre die Branche mit einem bundesweiten Jahresumsatz von rund 130 Milliarden Euro auch in Niedersachsen zu den zehn wichtigsten Arbeitgeber*innen. Angesichts des beschlossenen Verbots aller Großveranstaltungen bis voraussichtlich Ende Oktober herrsche Alarmstufe Rot. Die Farbe steht zudem aber auch für die Leidenschaft, mit der die Beschäftigten in der Veranstaltungswirtschaft ihrer Arbeit nachgehen.
 
Diskobetreiber aus Bremervörde fühlt sich alleingelassen
 
So wie Stefan Plambeck, Inhaber der Diskothek Haase in Bremervörde. Er hat sich zusammen mit dem Veranstaltungstechnikunternehmen Novasound aus Engelschoff an der „Night of Light“ beteiligt, um ein deutliches Zeichen zu setzen.
„Wir waren die ersten, die schließen mussten und werden die letzten sein, die wieder öffnen dürfen“, sagt der Diskobetreiber. Seit der letzten Fete am 7. März habe er keinerlei Einnahmen gehabt. Und die Soforthilfe, die er bekommen habe, sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen und bringe ihm gar nichts, klagt Plambeck.
Von der Politik fühlt er sich allein gelassen, weil es bisher nur Verbote, aber keine Entschädigungen gab. Wirklich helfen würden ihm und seinen Mitstreiter*innen nur Direktzuschüsse, die nicht zurück gezahlt werden müssten. Kredite würden das Problem nur verschieben, anstatt es zu lösen. Wenn sich nichts ändert, müssten deutschlandweit wohl die Hälfte aller Diskos, Clubs und Bars schließen, fürchtet Stefan Plambeck.
 
Zirkusdirektor steht vor der Pleite
 
In seiner Existenz bedroht ist auch Kalli Köllner aus Gnarrenburg. Der Direktor des „Classic Wintercircus“ erwirtschaftet vor allem mit seinen Auftritten im Frühjahr einen Großteil seiner lebenswichtigen Einnahmen. Seit Anfang Januar hat er nichts mehr verdient, während die Kosten für seine Tiere und die Familie natürlich weiterlaufen. „Spätestens Ende Juli bin ich pleite“, sagt der Zirkusdirektor.
Über Wasser halten ihn Spenden aus der Bevölkerung, die unter anderem nach einem Aufruf im Bremervörder Anzeiger bei ihm eingingen sowie Geld, das ihm etwas besser gestellte Schaustellerkolleg*innen geliehen haben. Doch dieses Leben auf Pump werde nicht mehr lange funktionieren. Schon jetzt sei der Gürtel mehr als eng geschnallt. Ob er Ende Juli seine Familie noch ernähren könne, wisse er nicht.
Enttäuscht ist Kalli Köllner darüber, dass er weder von der Gemeinde noch vom Landkreis finanzielle Unterstützung bekommen habe. Auch das Jobcenter sei keine Hilfe gewesen. Um einen Anspruch auf Grundsicherung zu haben, hätte er einen Großteil seiner Fahrzeuge oder die Zirkuszelte verkaufen müssen. Doch auf die sei er angewiesen, um hoffentlich bald wieder weiterarbeiten zu können. Eine Idee, wie er sich auch während der Krise über Wasser halten könnte, hat er bereits. Mehr dazu lesen Sie in einer kommenden Ausgabe des Bremervörder Anzeigers.
 
Hamme Forum verlegt Veranstaltungen auf die Terrasse
 
Neue Wege geht auch das Team des Veranstaltungszentrums Hamme Forum in Ritterhude. Weil man sich einen Sommer ganz ohne Live-Musik und Spaß einfach nicht vorstellen könne, habe man sich etwas einfallen lassen, wie trotz aller Einschränkungen ein sicherer Raum für kleine Konzerte, Lesungen und Comedy geschaffen werden könne, sagt Regine Schäfer vom Hamme Forum.
Veranstaltungen für bis zu 199 Besucher finden künftig auf der Terrasse des Hamme-Saals statt. Den Auftakt macht das Bremer Kaffeehaus-Orchester am Samstag, 4. Juli, um 19.30 Uhr. Nähere Infos zu dieser und anderen Veranstaltungen gibt es unter www.hammeforum.de.
 
Music Hall erhielt viele Spenden
 
Das Team der Music Hall Worpswede arbeitet derzeit ebenfalls fieberhaft an Alternativen. „Wir sind dabei, Sicherheitskonzepte aufzustellen, damit wenigstens im Biergarten wieder Konzerte stattfinden können“, sagt Vorsitzende Doris Fischer. Der plötzliche Stillstand sei für den gemeinnützigen Verein, der aus zehn ehrenamtlichen Mitgliedern sowie rund 50 weiteren Ehrenamtlichen besteht, ein großer Schock gewesen. Die Corona-Krise bedrohe die Existenz der 1994 gegründeten Music Hall wie keine andere zuvor.
Überaus dankbar sind die Kulturschaffenden deshalb über die große Unterstützung aus der Bevölkerung. Nach einer Spendenaktion im April sei genug Geld zusammengekommen, um den Fortbestand der Kulturstätte zumindest vorläufig zu sichern, sagt Doris Fischer.
Doch trotz aller Alternativen und Spendenaktionen: Dass alle Großveranstaltungen und traditionellen Volksfeste wie unter anderem das Ritterhuder Hammefest oder die Torfnacht, der beliebte Bier- und Herbstzauber in Harsefeld sowie die vielen Schützenfeste und Jahrmärkte in den Städten und Gemeinden in diesem Jahr ausfallen müssen, trifft die gesamte Region hart. Und ob im kommenden Jahr noch alle Schausteller*innen, Caterer oder Veranstaltungstechniker*innen zur Verfügung stehen, wenn viele Feste nachgeholt werden sollen, ist ungewiss.


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