Sarah Lenk

Sarahs Nachtgeschichten: Die innere offene Gesellschaft

Nachtbeobachtungen durch die philosophische Brille, mit dunklem Witz und Kritik - unsere Kolumne von Sarah Lenk.

Bild: Wiki commons

22:37h in einer alternativen Kneipe. An einem Samstag in Norddeutschland. Es ist ein entspannter, freudiger Abend. Die Stimmung ist gut, aber nicht überschwänglich.

An der Bar hat ein Pärchen Platz genommen, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie eigentlich nicht hier hergehören. Wahrscheinlich zufällig, oder vielleicht auch mit Absicht, um mal etwas anderes zu machen, haben sie sich zu uns ins alternative Nachtleben gewagt. Sie fühlen sich sichtlich wohl, werden freundlich willkommen geheißen, mit guten Getränken versorgt. Die beiden schauen sich um, halten Schwätzchen mit andern Gästen und freuen sich über ihren etwas exotischen Abend. Sie wissen, dass sie hier nicht zu Hause sind. Aber heute Abend, da gehören sie hier her. Ein angenehmer Samstag im Sommer.

Bis die Gruppe von Männern den Raum betritt, sie sind Mitte 30 und vor allem eins: ein bisschen zu laut. Ein bisschen zu aufgedreht. Ein bisschen zu viel. Read the Room, möchte man ihnen zurufen und lässt es dann doch, weil sie das gar nicht oder falsch verstehen würden und man schlimmstenfalls in ein längeres Gespräch verwickelt wird, welches irgendwo zwischen unangenehm und todlangweilig changiert.

Es ist klar, warum sie so sind: Weil sie alle mittlerweile ein Haus in der Vorstadt abbezahlen, Kinder haben, anstrengende Berufe, Sorgen und Verpflichtungen. Und nun dürfen sie ausgehen. Endlich. Jetzt muss etwas passieren. Heute muss es besonders werden. Dadurch bekommt das ganze eine Verkrampftheit, sodass etwas fehlt.

Es fehlt genau das, was das nette Pärchen mitbrachte: eine Offenheit der Welt gegenüber. Dies möchte ich die innere offene Gesellschaft nennen. Es meint eine Offenheit für seine soziale Umwelt. Eine Offenheit in der Haltung und der Begegnung mit der Welt außerhalb meiner eigenen Blase. In der Psychoanalyse gibt es den Begriff des inneren Auslands, daran schließend möchte ich den Begriff der inneren offenen Gesellschaft vorschlagen. Auf der Ebene zwischen Gesellschaft und Psyche erscheint mir der Begriff sehr produktiv angewendet. Jeder kann seine eigene Blase bevorzugen. Sollte das sogar, sonst stimmt etwas nicht. Aber die Fähigkeit, Andersartigkeit nicht nur aushalten, sondern manchmal schätzen zu können, einfach zur Abwechselung, die ist wichtig.

Damit meine ich keine multikulturelle Utopie, sondern etwas viel Altmodischeres: nämlich eine innere Haltung. So viel Vertrauen in das Eigene legen können, sodass eine offene Begegnung mit der Welt um mich herum möglich wird. In bestimmten, ausgesuchten Momenten (zum Feiern wird niemand gezwungen). Menschen brauchen nicht nur Neues, Fremdes. Sondern natürlich auch Gewohntes. Ein Territorium, eine eigene Bubble. Einen Ort, an dem man weiß, wie es läuft, in dem man seine gewohnten Handlungen, Rhythmen und Begegnungen hat. Etwas, in dem man zu Hause ist. Aber wenn es tagein, tagaus nur das ist, dann fehlt etwas. Dieses etwas, das erreicht man nur durch eine innere offene Gesellschaft.

Die Männergruppe hat eigentlich das Bedürfnis, eine Erfahrung zu machen. Aber das einzige, das ihnen zur Umsetzung einfällt, ist, sich möglichst stark und schnell und laut zu betrinken. Das funktioniert aber einfach nicht. Das liegt nicht primär am vielen Alkohol oder an der Lautstärke, die sind nur Symptome. Es ist die mangelnde innere Offenheit, die allem zugrunde liegt und Erfahrungen und Begegnungen verhindert. Dasselbe Scheitern ist auch ohne Alkohol denkbar. Der Klassiker ist der klimatisierte Reisebus im Urlaub, der selbst beim physischen Verlassen im Inneren mitgeführt wird. Das Schnitzel Wiener Art in Italien. Oder die jährliche Reise aufs immergleiche Festival.

Gegen all das ist prinzipiell nichts einzuwenden. Der Reisebus kann Transportmittel sein, er darf nur nicht zur ewigen inneren Haltung werden. Die Nächte im Vollsuff, oder das Schnitzel in Italien sind genau dann ein Problem, wenn man dasselbe wie immer macht, nur an einem anderen Ort: Das sind nicht die Erinnerungen, an die man lächelnd auf dem Sterbebett zurückdenkt. Das kann mir keiner erzählen.

Kolumne von Sarah Lenk

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