

Osterholz-Scharmbeck. Ein voller Saal im Rathaus zum zweiten bundesweiten Veteranentag sei für Bürgermeister Torsten Rohde ein gutes Zeichen. „Ein Zeichen der Anerkennung, des Respekts und der Verbundenheit mit den Soldatinnen und Soldaten, den Menschen, die in der Bundeswehr gedient haben. Die Bundeswehr gehört zu Osterholz-Scharmbeck“, sagt Rohde und zeichnete kurz die Geschichte der Lucius-D.-Clay-Kaserne, dem Zuhause der heutigen Logistikschule der Bundeswehr, nach. Heute habe uns jedoch eine Realität eingeholt, die wir uns vor einigen Jahren nicht vorstellen konnten. „In einer Zeit der internationalen Krisen und Kriege, auch in Europa, ist es wichtig, die Freiheit und Demokratie zu schützen. Frieden ist nicht selbstverständlich. Die zentrale Aufgabe der Bundeswehr ist die Sicherung und die Verteidigung der freiheitlichen Grundordnung.“ Daher freue er sich über dieses würdige Programm des Veteranentages.
Zeichen der Anerkennung
Gastredner Thomas Röwekamp, Mitglied des Bundestags und des Verteidigungsausschusses, schloss sich dem herzlichen Dank Rohdes an. „Diese Wertschätzung ist die Idee des nationalen Veteranentages.“ Bräuchten wir so viel Militär, wenn wir doch Frieden wollen? „Nur weil wir uns verteidigen können, werden wir uns nicht verteidigen müssen“, verdeutliche Röwekamp das Prinzip der Abschreckung als Grundsatz der europäischen Sicherheitspolitik. Einige Jahre glaubte man, dass Frieden aus Vernunft dauerhaft Bestand hätte. „Jetzt sehen wir, dass diese Vernunft nicht jeder zu seinem Maßstab macht. Wir müssen über krieg und Frieden neu nachdenken und lernen, dass Frieden und Freiheit oberstes Prinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens sein müssen.“
Eigentlich hätte man gedacht, dass das wirtschaftliche Netz, Freundschaft und multinationale Bündnisse Verbindungen schaffen würden, „doch überall auf der Welt lodern Feuer, sie sehr gefährlich sind für unseren Frieden.“ Breit angelegte Desinformationskampagnen, Manipulationen von Wahlen im europäischen Umland, der Versuch der Beeinflussung von deutscher Politik durch russische Propaganda – das alles habe eine klare Botschaft: „Vertraut nicht zu sehr dem Frieden – und das ist keine schöne Botschaft“, sagte Röwekamp. Jeder zehnte Mensch habe seinen Dienst in der Bundeswehr geleistet und damit Verantwortung für Deutschland übernommen. „Sie haben einen Dienst geleistet für den Frieden und die Freiheit – und das ist einer der wertvollsten Dienste, die man leisten kann.“
Frieden braucht Verteidigungsfähigkeit
Mit der sogenannten Zeitenwende habe die deutsche Sicherheitspolitik die richtige Umstellung vorgenommen, „aber auch das muss jetzt noch gesellschaftlich unterfüttert werden“, sagte Röwekamp. Mit 108 Milliarden Euro würde 2026 fast doppelt so viel wie noch vor wenigen Jahren für die Verteidigung in Deutschland ausgegeben werden, „aber mit Geld kann man keinen Krieg führen.“ Eine multidimensionale Art der Bedrohung erfordere eine multidimensionale Antwort. Soldatinnen und Soldaten zu gewinnen sei militärisch notwendig. „Um die gestiegenen NATO-Ziele zur Friedenssicherung und Verteidigung zu erfüllen, muss die aktive Truppe auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Das sind 50 Prozent mehr als jetzt“, erklärt Röwekamp. „200.000 Reservisten werden benötigt, um unsere der NATO zugesagten Friedenssicherungsfähigkeiten zu erhalten. Wir haben zurzeit 60.000 Reservisten zur Verfügung, das müssen wir mehr als verdreifachen.“ Röwekamp verglich Deutschland mit Finnland: „Finnland ist mit 4,5 Millionen Einwohnern in der Lage, innerhalb von 24 Stunden eine million Soldaten zu aktivieren. Wir sind 84 Millionen Menschen und schaffen insgesamt nur 230.000 Soldaten zu mobilisieren.“
Zunächst werde man weiter an der Freiwilligkeit des Wehrdienstes festhalten – „ich habe allerdings Zweifel daran, dass das reicht.“ Wenn es nicht gelinge, genügend Freiwillige für den Wehrdienst zu rekrutieren, dann werde die Wehrpflicht wieder eingesetzt. „Aus meinen Besuchen an den Schulen kenne ich die Frage ‚Wofür willst du meine Freiheit einschränken?‘ Darauf muss man mit der Gegenfrage antworten: ‚Woher kommt diese Freiheit? Wer hat sie erkämpft? Wer stellt sie sicher, wer verteidigt diese Freiheit?‘“ Freiheit sei eben auch die Pflicht, diese Freiheit für andere und gegen Bedrohung von innen und außen zu verteidigen. Deutschland habe im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eindeutig Nachholbedarf darin, füreinander Verantwortung übernehmen zu wollen. „Am Ende kommt es auf die Einstellung der Menschen an. Russland soll wissen, es macht keinen Sinn das deutsche Volk anzugreifen bei einem so großen zivilen Widerstand. Es ist unsere Aufgabe, daran zu arbeiten. Deutschland hat industriell und volkswirtschaftlich enorme zivile Fähigkeiten – es muss doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir das nicht in den militärischen Fähigkeiten hätten.“ Jeder und jede könne sich fragen, wie könne man seinen einzelnen Beitrag zur Resilienz gegen die Bedrohungen leisten. „Lassen Sie uns Gemeinsinn entwickeln und unseren Dienst, unsere Arbeit und unser Wissen in den Dienst der Gesellschaft stellen.“
Keine Glorifizierung des Krieges
Brigadegeneral Holger Draber von der Logistikschule der Bundeswehr in Garlstedt wollte den Veteranentag nicht charakterisieren für militärische Ziele oder als importierter Patriotismus, „schon gar nicht als Heldenkult, sondern als Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft, die Verantwortung anerkennt.“ Deutschland, so zitierte er Boris Pistorius, brauche eine neue Kultur der Anerkennung, „für die Soldatinnen und Soldaten im Auslandeinsatz, Entscheidungen unter Druck, getragene Verantwortung weit weg zu Hause.“ Dieser Veteranentag sei wichtig, nicht um Krieg zu glorifizieren, sondern um die Menschen sichtbar zu machen. „Dieser Tag soll nicht trennen, sondern verbinden.“
General Draber, der Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, könne den US-amerikanischen Veteran‘s Days nicht mit dem deutschen Veteranentag vergleichen. „Deutschlands historische Geschichte verlangt Sensibilität mit militärischen Gedenken.“ Aber schön wäre, wenn sich eine Selbstverständlichkeit und Respekt für die Soldatinnen und Soldaten entwickeln würden. In einer offenen Demokratie müsse auch Kritik an einem solchen Tag möglich bleiben. Dennoch gehörten Veteraninnen und Veteranen nicht an den rand der Gesellschaft, sondern in deren Mitte, „denn aus unserer Mitte kommen die Soldaten.“ Der Blick auf die Bundeswehr verändere sich angesichts des fragilen Friedens. „Es bedarf der Menschen, die Verantwortung übernehmen.


