Patrick Viol

Mythos arbeitsunwillige Arbeitslose

Bremer Forscher liefern empirische Daten dafür, dass der arbeitsunwillige Arbeitslose ein Gespinst ist, das strukturelle Probleme individualisiert und einen rigiden Sozialstaatsumbau legitimieren soll.

Nicht Arbeitslose, sondern ihre Kritiker machen es sich zu bequem, wenn sie kontrafaktisch Strukturprobleme individualisieren.

Nicht Arbeitslose, sondern ihre Kritiker machen es sich zu bequem, wenn sie kontrafaktisch Strukturprobleme individualisieren.

Bild: Adobestock

Die Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen ist empirisch kaum haltbar, erfüllt jedoch eine zentrale politische Funktion: Sie legitimiert restriktive Reformvorschläge und verschiebt strukturelle Probleme des Arbeitsmarkts auf individuelles Fehlverhalten.

Zu diesem Ergebnis kommen die Sozialwissenschaftler René Böhme und Irene Dingeldey vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Universität Bremen. In ihrer aktuellen Untersuchung analysieren sie die Renaissance der Figur des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ im öffentlichen Diskurs – insbesondere im Zusammenhang mit der Debatte um das Bürgergeld.

Empirische Daten widersprechen pauschaler Kritik

„Die empirischen Befunde zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild als die öffentliche Debatte“, sagt René Böhme vom iaw. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bezogen im Dezember 2024 rund 5,7 Millionen Menschen Bürgergeld. Davon waren 1,7 Millionen nicht erwerbsfähig – überwiegend Kinder und Jugendliche.

Rund 825.000 Personen gingen einer Erwerbstätigkeit nach und erhielten ergänzende Leistungen. Von den 3,1 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten galten lediglich etwa 1,8 Millionen offiziell als arbeitslos. Der Anteil sogenannter Totalverweigerer lag demnach bei 0,4 Prozent.

Die Forscher weisen darauf hin, dass große Teile der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten mit strukturellen Vermittlungshemmnissen konfrontiert sind. 44 Prozent seien von mindestens einem statistisch erfassten Hemmnis betroffen, weitere 44 Prozent von mehreren zugleich. Dazu zählen Langzeitarbeitslosigkeit, fehlende Berufsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter oder familiäre Sorgeverpflichtungen.

Qualitative Studien zeigten zudem, dass sich Mehrfachbelastungen im Alltag überlagern und die Integration in den Arbeitsmarkt erheblich erschweren.

Politische Funktion einer Deutungsfigur

Vor diesem Hintergrund interpretieren die Autoren den „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ als politisch wirksame Deutungsfigur. „Der Mythos individualisiert soziale Risiken, verdeckt strukturelle Ursachen von Erwerbslosigkeit und stabilisiert ein Sozialstaatsverständnis, das stärker auf Aktivierung und Sanktionierung als auf Absicherung und Unterstützung setzt“, erläutert Böhme.

Nach Einschätzung der Forscher verstellt die Fixierung auf vermeintliche Arbeitsunwilligkeit den Blick auf strukturelle Reformbedarfe – etwa bei Qualifizierung, Armutsbekämpfung oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Statt Problemlagen differenziert zu adressieren, dominiere eine moralisch aufgeladene Verkürzung“, sagt Irene Dingeldey.

Die Studie plädiert daher für eine empirisch fundierte und sachliche Debatte über Erwerbslosigkeit. Sozialstaatliche Unterstützung solle „nicht als Instrument des Misstrauens verstanden werden, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität und gemeinsamer Verantwortung“, so Böhme.

Breite Datengrundlage

Methodisch basiert die Untersuchung auf einer Sekundäranalyse amtlicher Statistiken sowie quantitativer und qualitativer Forschungsarbeiten. Ausgewertet wurden unter anderem aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit zu Struktur und Umfang des Leistungsbezugs, zu Langzeitarbeitslosigkeit, Qualifikationsniveau und Vermittlungshemmnissen. Ergänzend flossen Panelanalysen, Evaluationsstudien zur Arbeitsmarktpolitik sowie qualitative Untersuchungen zu Stigmatisierungserfahrungen ein.


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