Patrick Viol

Kunst, die an Zukunft erinnert

Worpswede. Die Gesellschaft steckt in einer Krise. Um sie zu überwinden, braucht es zuvorderst radikale Fragen. Auffinden lassen sie sich u. a. in der Kunst und entdecken will man sie in Worpswede im Rahmen des für fünf Jahre angelegten Projekts „Zeitenwende.“

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Kultur, selbst da wo sie zu beschönigender Begleitmusik schlechter Verhältnisse verkommt, bildet allein aufgrund ihrer teilweise vom Verwertungsprozess unabhängigen Existenz ein kritisches Korrektiv zur Gesellschaft. Weil sie keine bloß nützlichen, konsumier- und verwertbaren, sondern Dinge mit einem Zweck an sich selbst produziert, enthält Kultur „das Gegengift ihrer eigenen Lüge“, wie es bei dem Philosophen Theodor W. Adorno heißt. Kultur und Kunst kommen ihrerseits nie ganz ohne ein utopisches Moment aus und sollte es auch nur ein verschwommenes Schielen auf eine bessere Zukunft sein.
Ebenso Künstler:innen: Sie sind im besten Sinn des Wortes der Gesellschaft entrückt, ihrem Funktionsgefüge nicht vollends integriert, d. h. erlegen und stehen im Konflikt mit ihr, mit dem sich ihre Erfahrung sättigt und aus dem sich ihre Kunst im besten Falle speist.
 
Krise als Normalvollzug
 
Jener gesellschaftskritischen Aufgabe der Kultur mitsamt ihres utopischen Gehalts wollen Beate C. Arnold, Direktorin des Vogeler-Museums Barkenhof und Matthias Jäger, Geschäftsführer des Worpsweder Museumsverbundes, mit ihrem Projekt „Zeitenwende - Kunst im Aufbruch in einer Welt im Umbruch“ neuen Nachdruck verleihen. „Wir sind der Überzeugung, dass Kultur nicht nur als Produkt des Konsums funktioniert“, so Jäger, sondern als „Gegenpart zur Gesellschaft“, ergänzt Arnold.
Zugrunde liegt diesem Projekt die Ansicht, dass der Wandel „und vermutlich auch die Krise“ den gesellschaftlichen Normalzustand abgeben (werden), dem sich die Künste und der Kulturbetrieb zu stellen hätten, „wenn sie relevant bleiben wollen.“ Dabei müsse die Frage, welchen Beitrag Kunst und Kultur zur „Gestaltung unserer Zukunft“, die nicht mehr auf „Wachstum, ungezügeltem Konsum und verantwortungsloser Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gründet, sondern auf einer Vernunft und Werten, die ein Fortbestehen der Menschheit ermöglichen“, zu einem zentralen Thema der inhaltlichen Arbeit von Kulturinstitutionen werden.
 
Das gute Leben für alle
 
Dass das Projekt am 27. März 2022 mit der Jubiläumsausstellung „Heinrich Vogeler - Der Neue Mensch“ zum 150. Geburtstag des Künstlers beginnt, ist nur konsequent.
Der Pazifist und Kommunist Vogeler, der nach dem Ersten Weltkrieg der Gesellschaft, in der lebte und die ihn in den Krieg schickte, entrückt war und nicht nur metaphorisch mit ihr in Konflikt geriet, widmete sein Werk dem Traum von einem neuen Menschen und der Verwirklichung der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft. Dieser Impetus stecke im Übrigen, wie Vogeler-Expertin Arnold bemerkt, nicht nur in seinen späten explizit sozialistischen Komplexbildern, sondern bereits auch in seinem Frühwerk. Das „gute Leben für alle“ war für Vogeler stets kritischer Leitgedanke.
Die Vogeler Ausstellung, die sich auf den Barkenhoff, die Große Kunstschau, das Haus im Schluh und die Worpsweder Kunsthalle verteilt, sei jedoch kein Versuch, Vogelers Antworten abstrakt auf gegenwärtige Probleme zu übertragen. Es gehe um eine Erinnerung der radikalen Fragen, die Vogelers Werk an die Gesellschaft richtet, um an ihnen eine mögliche Perspektive auf gegenwärtige Probleme zu gewinnen. Vogeler sei gerade „in seiner Radikalität der Mann der Stunde“, so Jäger - in seiner Radikalität für ein „neues Denken“ einzutreten, dessen unabdingbarer Inhalt die Überzeugung darstellt, dass ohne eine Veränderung der Gesellschaft sich ihr Krisenzustand nicht überwinden lasse.
 
Kultur der Zukunft
 
Dieser Rückgang auf die Ideen und Fragen der Kunst am Anfang des 20 Jahrhunderts, um an ihnen Perspektiven für eine bessere Zukunft zu gewinnen, bildet nur ein von insgesamt drei Formaten, die im Rahmen des Projekts „Zeitenwende“ statthaben sollen. Neben diesem Format, das „Anschauung“ heißt und in das auch die Jubiläen von Bernhard Hoetger (2024), Paula Modersohn-Becker (2025/26) und das der der Großen Kunstschau (2027) fallen, sind noch die Formate „Vergegenwärtigung“ und „Diskurs“ geplant.
Im zweiten Format soll es darum gehen, dass sich Gegenwartskünstler:innen in ihrer Arbeit der an Vogeler, Hoetger und Modersohn-Becker gewonnenen Fragen annehmen. Die Resultate werden jeweils zeitgleich ausgestellt.
Im dritten Format soll anhand der Resultate der ersten beiden eine Diskussion über die Zukunft der Kultur bzw. über Entwürfe für eine Kultur der Zukunft geführt werden.
 
Neue Leitung der Großen Kunstschau
 
Mit dem avancierten Projekt werden in Worpswede auch personell neue Wege gegangen. Nach dem Weggang von Jörg van den Berg an das Museum Morsbroich in Leverkusen übernimmt Beate C. Arnold zusätzlich zum Barkenhoff auch die Leitung der Großen Kunstschau. Arnold hatte 2001 den Barkenhoff übernommen und ihn in einen überregional bekannten und vielfach prämierten Ausstellungsort verwandelt. Ihre Arbeit habe Worpswede zu einem sehr großen Teil zu dem gemacht, was es heute ist, so Landrat Bernd Lütjen bei Arnolds offizieller Vorstellung als neue Leiterin der Großen Kunstschau. „Die Qualität ihrer wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit hat Standards gesetzt“, so Lütjen. Allen an der Entscheidung Beteiligten sei von daher klar gewesen: Die Besetzung ergebe absolut Sinn.
Mit der Erweiterung von Beate Arnolds Zuständigkeit soll zum einen eine weitere Verzahnung der inhaltlichen Arbeit der Museen erreicht werden. Zum anderen möchte Arnold der Kunstschau mehr Profil geben. Das sei eine Herausforderung und dafür brauche es Zeit. - Nicht nur Anbetracht ihrer Entwicklung des Barkenhoffs, sondern auch angesichts von Arnolds Überzeugung, Worpswede sei „ein Schatz, dem man der Menschheit präsentieren muss“, kann man sicher sein, dass Beate C. Arnold die Herausforderungen nicht nur meistern, sondern das Künstler:innendorf Worpswede auf ein neues Niveau heben wird, das für die kritische Rolle der Kultur einstehen wird.


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