Katja Hofmann

Mehr als Selbsthilfe

Im Jahr 2016 rief Ilka Christin Weiß Trans*NET OHZ ins Leben, um trans*Menschen auf dem Land einen Raum für Beratung und Hilfe anzubieten. Uns das mit Erfolg. Das Netzwerk hat vielen Menschen geholfen und wird das weiterhin tun.

Als Ilka Christin Weiß im Januar 2016 die Facebook-Seite von Trans*Net OHZ online stellt, ist das mehr als ein digitaler Testballon. Es ist der Beginn eines Angebots, das es so im Landkreis Osterholz bisher nicht gab: eine Selbsthilfegruppe und ein Netzwerk für trans* Menschen auf dem Land – niedrigschwellig, nahbar und vor allem sichtbar. Zehn Jahre später ist aus dieser Idee eine feste Größe geworden, regional verwurzelt und überregional anerkannt.

Weiß selbst lebt seit 2013 offen als Frau. In dieser Zeit sammelte sie Erfahrungen in Selbsthilfegruppen in Bremen und Leipzig – und stellte fest, dass dort kaum Menschen aus ländlichen Regionen vertreten waren. „Auf dem Dorf sind die Bedingungen andere als in der Stadt“, erklärt sie. „Man ist sichtbar, man kann nicht anonym bleiben. Wenn es schlecht läuft, wird man aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt.“

Der entscheidende Impuls kam 2015 bei einem Seminar in der Akademie Waldschlösschen in der Nähe von Göttingen. Dort reifte der Entschluss, nach Abschluss der eigenen Transition nicht leise zu verschwinden, sondern aktiv zu bleiben – politisch, beratend, unterstützend. Anfang 2016 entwickelte Weiß das Konzept für Trans*Net OHZ, suchte Öffentlichkeit, knüpfte erste Kontakte und fand mit der Volkshochschule Osterholz-Scharmbeck von Beginn an eine engagierte Partnerin. Zum ersten Gruppenmeeting 2016 kamen neun Personen – für eine neu gegründete Gruppe im ländlichen Raum ein überraschend starker Start. Die folgenden Monate verliefen wechselhaft: Mal kamen viele, mal nur zwei oder drei. Doch Aufgeben war keine Option. „Ich habe einen langen Atem“, lacht Weiß. „Und ich wusste, dass es Zeit braucht.“

Und die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Über die Jahre wuchs nicht nur die Gruppe, sondern auch das Vertrauen in das Angebot. Menschen aus kleinen Ortschaften im Landkreis, aus dem Umland und vereinzelt sogar aus Bremen fanden den Weg zu Trans*Net OHZ – manche nur für einen Abend, andere über Jahre hinweg.

Mehr als Selbsthilfe

Trans*Net OHZ ist mehr als eine Selbsthilfegruppe. Die monatlichen Gruppentreffen folgen einem klaren, geschützten Rahmen: Anmeldung im Vorfeld, ein persönliches Vorgespräch, ein Verhaltenskodex für den respektvollen Umgang miteinander. Die Themen entstehen aus der Gruppe heraus oder werden von der Leitung eingebracht. Inhaltlich reicht das Spektrum von ganz persönlichen Fragen bis zu großen politischen Entwicklungen – etwa zur Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes oder den Hürden im Gesundheitssystem. Nach wie vor müssen trans* Personen für geschlechtsangleichende Maßnahmen umfangreiche psychologische Gutachten vorlegen. Für die meisten ist das eine große Belastung. Ilka Christin Weiß hält dieses Verfahren für überholt. „Die Menschen haben bereits lange Zeit mit sich selbst für ihr inneres Coming-Out gekämpft. Es ist ziemlich schlimm, sich dann so einer Zwangstherapie unterziehen zu müssen.“ Bis zu einem Jahr psychologische Beratung kann nötig sein, um die Leistungsfähigkeit der Krankenkassen auszulösen.

„Viele der Menschen, die zu uns kommen, haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich – besonders ältere trans* Personen, die sich erst mit 40 Jahren oder später outen“, berichtet Ilka Christin Weiß. „Jahre, manchmal Jahrzehnte, lebten sie im Versteck, aus Angst vor oder konkreter Bedrohung durch Ablehnung und Konsequenzen.“ Entsprechend häufig werden Erfahrungen von Diskriminierung besprochen: zerbrochene Familienkontakte, Ausgrenzung im sozialen Umfeld oder Probleme am Arbeitsplatz. „In einem Fall wurde einer trans* Person sogar nahegelegt, zu kündigen, weil ihr Coming-Out auf dem Land nicht passe. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das ein nahezu absurder Widerspruch.“ Trans*Net OHZ unterstützte die Betroffene dabei, eine Abfindung auszuhandeln und einen neuen Arbeitsplatz zu finden – ein Beispiel dafür, wie konkret Hilfe aussehen kann.

Zusätzlich entstand in den vergangenen zehn Jahren ein dichtes Netz an Kooperationen: Institutionen, Behörden, Bildungseinrichtungen, Beratungsstellen, Vereine. Trans*Net OHZ ist heute Anlaufstelle und Vermittlerin zugleich. „Seit 2016 konnten wir so insgesamt 250 Personen beraten. Das sind im Durchschnitt rund 27 pro Jahr“, sagt Ilka Christin Weiß. Mit dieser Quote ist sie sehr zufrieden. „In jedem Fall hatte ich nie das Gefühl, mit Trans*Net OHZ etwas falsch gemacht zu haben“, betont sie. „Das Angebot ist wichtig und ich möchte jede Sichtbarkeit schaffen, die ich kann. Ich bereue nichts.“

Fortschritt statt Feindbild

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Sichtbarkeit von trans* Menschen insgesamt deutlich erhöht – auch im ländlichen Raum. Der Grund: queerer Aktivismus und moderne Medien. Gleichzeitig wachsen gesellschaftliche Spannungen und politische Angriffe. Ilka Christin Weiß beobachtet diese Entwicklung mit Sorge, besonders mit Blick auf die zunehmende Feindbildrhetorik gegenüber trans* Personen. Umso wichtiger sei Aufklärungsarbeit, gerade dort, wo persönliche Begegnungen selten sind. „Die meisten Menschen verbreiten Hass, ohne jemals mit einer trans* Person gesprochen zu haben. Wie kann das Sinn ergeben?“ Wenigstens im Landkreis Osterholz haben Ilka Christin Weiß und ihre Mitleitung bislang kaum direkte Anfeindungen erlebt. Das Netzwerk wirkt hier offenbar präventiv – durch Information und durch Präsenz.

Für die kommenden Jahre wünscht sich Ilka Christin Weiß vor allem Kontinuität: stabile Gruppenarbeit, weitere Vernetzung und eine Gesellschaft, in der trans* Menschen ohne Angst leben können. Sie hofft auf den Abbau weiterer Hürden – und vor allem auf politische Fort- keine weiteren Rückschritte.

2017 wurde Trans*Net OHZ vom Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt als vorbildliches Projekt ausgezeichnet. Gefördert wird die Arbeit unter anderem durch die IKK classic und die AOK Niedersachsen. Seit Juli 2024 leiten Ilka Christin Weiß und Kai M. Becker gemeinsam das Netzwerk. Zum Jubiläum richtet Weiß ihren Dank besonders an die Volkshochschule Osterholz-Scharmbeck für die langjährige Unterstützung, an Förderer und Kooperationspartner – und vor allem an die vielen trans* Menschen, die das Angebot mit Leben gefüllt haben. „Ohne sie wäre das alles nicht das, was es heute ist.“


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