Sarah Lenk

Sarahs Nachtgeschichten: Kant im Mixer

Nachtbeobachtungen durch die philosophische Brille, mit dunklem Witz und Kritik - unsere Kolumne von Sarah Lenk.

Bild: Wiki commons

4:38h in einer Bar. Eine kleine Gruppe von heute Nacht zusammengewürfelten Personen. Ein paar verbliebene Gäste, ein paar Barkeeper aus anderen Bars, die ihren Feierabend genießen.

Es ist diese seltsame Zwischenzeit: Die Nacht ist vorbei, aber der Tag hat noch nicht begonnen. Nüchternheit schleicht sich ein, die Zurechnungsfähigkeit nimmt zu, ohne wirklich bemerkt zu werden. Die deepen Themen sind allmählich abgehandelt – Politik, Glaubenssätze oder Kindheitstraumata wurden eingehend diskutiert. Nun ist es Zeit für die kleinen Themen, die ich aber nicht als Smalltalk bezeichnen will, weil dies implizieren würde, dass sie zugleich auch unwichtig oder beliebig sind. Das sind sie nicht. Gerade in den kleinen Themen und Bemerkungen über die Welt kann sich Großes zeigen.

Wir sprechen über Mixer. Keine Stabmixer, auch keine zum Kuchenbacken. Sondern Standmixer und Mixbecher mit scharfen Klingen am Boden. Gespräche über Werkzeug führen auch Barkeeper gern. Standmixer aus dem Profibereich sind fast nicht zu vergleichen mit Modellen für den Hausgebrauch, da sind sich alle schnell einig. Ist erstaunlich ähnlich zu den Äußerungen von Handwerkern, wenn sie über ihr Werkzeug sprechen, denn sogleich fällt der Einwand, dass für zu Hause die Hobbymodelle ja allemal reichen würden.

Das ist der Moment, an dem ich vehement widerspreche. Das Thema sogar so wichtig finde, dass ich nicht nur immer wieder mal daran denke, sondern auch noch eine Kolumne dazu verfasse. Ich besitze einen Profi-Standmixer für zu Hause. Einen einfachen, der sich aufschrauben und reparieren lässt. Der darauf ausgelegt ist, Stunden am Stück benutzt zu werden. Er ist schwer, kompakt, schwarz. Hat einen Kippschalter aus Metall, der sich auf lediglich drei Einstellungen stellen lässt: 0, 1, 2. Das ist alles, was man braucht. Was aber noch viel wichtiger ist und mich diesen Mixer absolut lieben lässt, sind seine fehlenden Sicherungsfunktionen. Mixer für den Heimgebrauch müssen korrekt aufgesetzt sein und verschlossen, sonst gehen sie nicht an. Praktisch, sicherlich. Das Profigerät hingegen kann ich ohne Mixbecher anstellen. Es gibt lediglich ein Piktogramm von einer arg zerquetschten Hand, das mich auf drohende Gefahr hinweist, aber nicht davor schützt. Wenn ich das Ding ohne Deckel anschalte, dann geht es halt an und meine Küche sieht dann böse aus – tja, selber schuld.

Genau diese Freiheit, mich selbst verletzen zu können und dumme Entscheidungen treffen zu dürfen – dieser unsichere Aspekt macht mich ein wenig glücklich bei jeder Benutzung. Es lässt mir die Freiheit, schlechte Entscheidungen zu treffen. Es lässt mir die Freiheit, eigenverantwortlich zu handeln und zu lernen. Oder eben auch nicht. Das gehört dazu, zur Freiheit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Ich glaube, das geht uns ein wenig verloren und sollte bewahrt werden, wo es nur geht. Und das beginnt bei Küchengegenständen. Beim Mixer, der mich keinen Mist bauen lässt. Beim Kühlschrank, der nervig piept, wenn er zu lange offen steht. Es gilt darum, die Ideale der Aufklärung auch in der Küche zu verteidigen: persönliche Freiheit, Eigenverantwortung und Verstandesfähigkeit sollten nicht im Namen der Sicherheit geopfert werden.

Schauen Sie sich in Ihrer Küche um, überall werden Sie Geräte finden, die Sie schützen, aber zugleich bevormunden. Ich möchte von meinen Küchengeräten gerne wie ein mündiger Bürger behandelt werden und das heißt immer auch: das Recht, Fehler machen zu können und durch diese zu lernen.

Wo man dieses Konzept seltsamerweise begriffen hat, sind deutsche Spielplätze. Diese sind nie darauf ausgelegt, dass die Kinder sich nicht wehtun können. Sondern eher darauf, dass sie sich nicht umbringen oder schwerere Verletzungen zuziehen können. Sie sollen Risiken eingehen können, um Selbstverantwortlichkeit zu lernen. Warum hören wir bei Erwachsenen damit wieder auf? Ist Selbstverantwortung wirklich etwas, das wir im Kindesalter üben und dann ist es einfach da? Alles, was wir lernen, bedarf der Wiederholung, sonst verschwindet es langsam. In diesem Sinne sollten wir Erwachsene ein bisschen mehr wie Kinder behandeln und abwägen zwischen tragbarem Risiko und Schutz. Damit Sicherheit nicht mündiges Handeln und Freiheit verhindert.

Kolumne von Sarah Lenk

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