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U. Mathias Gerr

Kommentar zum 8. Mai: Jetzt ist "wieder"

U. Mathias Gerr kritisiert angesichts des ausgreifenden Antisemitismus die Entkontextualisierung der Losung "Nie wieder" und denkt sie mit dem 7. 10. zusammen.

Am 8. Mai hat Nazi-Deutschland kapituliert.

Am 8. Mai hat Nazi-Deutschland kapituliert.

Bild: Wiki commons

Am 8. Mai 2022, einige Monate nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, hat Bundeskanzler Scholz zwei Worte zum Kern seiner Rede gemacht, zwei Worte, die man dieser Tage aller Orten hört: „Nie wieder.“ Auch am 9. November 2023, einige Wochen nach dem antisemitischen Pogrom der Hamas und zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938 sprach Scholz sie aus. Und am 27. Januar diesen Jahres, zum Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz, sagte er: „Nie wieder ist jeden Tag“. Hier ist der Kontext eindeutig: Nie wieder ohnmächtig gegenüber dem Judenhass.

Der Kontext 8. Mai, die Kapitulation von Nazideutschland, dagegen kann weiter gefasst und leider: komplett entleert werden.

Meint „Nie Wieder“ - wie es derzeit aus Zeltlagern vor deutschen Unis erklingt - kategorisch das Ende aller Kriege - ein schöner, aber die Realität ignorierender Imperativ - dann heißt es, wie z.B. im Fall der Ukraine oder Israel, sich nicht gegen autoritäre oder faschistische Angreifer zu verteidigen. Damit wird die Forderung „Nie wieder“ zu einer ohnmächtigen Haltung, die nie wieder zuzulassen sie einst aufgestellt wurde. Oder es wird perfide gegen jene gewendet, die sich im Sinne von „Nie wieder“ verteidigen, wodurch die Überfallenen zu den neuen Nazis gemacht werden. So machen es Russland mit der Ukraine und die Antizionisten nach dem 7. Oktober mit Israel.

Hatte der einzige jüdische Staat auf der Welt nach dem bestialischen Überfall auf seine Bürgerinnen und Bürger passenderweise die Losung „Nie wieder ist jetzt“ ausgerufen und ist zur militärischen Verteidigung übergegangen, so wurde „Nie wieder“ schnell zum Motto von antizionistischen Demonstrationen, von denen die größte geschmackloserweise auf den 27. Januar gelegt wurde, um letztlich einer aktualisierten Form des Judenhasses das Wort zu reden.

Möglich wurde diese Wendung ins Gegenteil dadurch, dass „Nie wieder“ seinem historischen und ideologischen Kontext - der von antisemitischem Hass ins Werk gesetzten Vernichtung von Jüdinnen und Juden - entrissen wurde. Auch und nicht zuletzt durch deutsches Gedenken zum 8. Mai, dessen zivilgesellschaftliche Varianten abstrakt auf Entmenschlichung hinweisen, die es im Keim zu ersticken gelte, die aber kaum eintreten für die Verteidigung lebender Juden und ihres staatlichen Schutzraums - für Israel.

Ein Kapitel im aktuellen Buch des Publizisten Michel Friedman heißt deswegen auch genau umgekehrt: „Wieder“. Das soll den Slogan „Nie Wieder“, auch mit seinem Zusatz „ist jetzt“, als faktisch falsch entlarven. Der 7. Oktober und der international rasant steigende Hass gegenüber Jüdinnen und Juden sind Indiz dafür, dass Friedman leider auf der richtigen Spur ist. „Nie wieder“ ist leider nicht „jetzt“, sondern jetzt ist „wieder“: Jüdinnen und Juden, die aus Angst vor Übergriffen aus antizionistischen Zeltlagern heraus nicht mehr in die Universitäten gehen, Häuser, die mit einem Davidstern markiert werden, Fotos von Gebäuden und Menschen, die mit einem roten Dreieck versehen werden, um sie - wie die Hamas es tut - zum Abschuss freizugeben, Hausbesuche bei denjenigen, die sich nicht einreihen - all das ist jetzt. Und die antisemitische Straftaten rasant steigen lassenden Täter sagen sich auf die Schulter klopfend: „Nie wieder“.

Soll dieser Verkehrung des „Nie wieder“ in sein Gegenteil - in Judenhass und Stimmungsmache für die Vernichtung Israels von zivilgesellschaftlicher Seite Einhalt geboten werden, so wäre ein Anfang damit gemacht, den 8. Mai zum einen als Tag des bewaffneten Sieges über den Nationalsozialismus und ihren Antisemitismus festzuhalten und ihn zum anderen mit dem 9. November und dem 27. Januar, mit Pogrom und dem Willen zur Vernichtung zusammenzudenken. Dann würde stets unmissverständlich klar, dass „Nie wieder“ auf die Bewahrung des Sieges über den Nationalsozialismus zielt und das heißt: „Nie wieder Judenhass“ und - nach dem barbarischen Überfall der Hamas: Nie wieder 7. Oktober.

 


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