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Patrick Viol

Kommentar: Niemand leidet wie die Armen

Warum zum 1. Mai auszusprechen, dass während der Corona-Krise nicht alle "im selben Boot" sitzen, auch eine Form der Solidarität ist.
Die einen stehen sicher auf dem Deck eines Flugzeugträgers, die anderen sitzen in Schlauchbooten. Bild: Malevich

Die einen stehen sicher auf dem Deck eines Flugzeugträgers, die anderen sitzen in Schlauchbooten. Bild: Malevich

Keine Frage: Die Entscheidung der Gewerkschaften, nicht zu öffentlichen Demonstrationen am 1. Mai aufzurufen, ist rücksichtsvoll. Weil sie dem Schutz der Gesundheit aller dient. Aber sie ist ebenso bitter. Erstens, weil gerade jetzt, da sich die strukturelle Ungerechtigkeit und Ausbeutung unserer Produktionsweise als unmittelbare Angst und materielles Elend Ausdruck verschaffen, Protest unbedingt nötig ist. Damit die Lockerungen des Shutdowns nicht einfach eine Rückkehr zum Primat der Ökonomie in allen Lebensbereichen einleiten. Weil sich doch zeigt, wie fragil er das Leben der meisten Menschen gestaltet und sein Normalvollzug für die meisten die Krise in Permanenz bedeutet.
Und zweitens, weil man mit dem Verzicht auf Demos die Straßen den Sozialdarwinisten unter uns überlässt, für die die Seuche nur ein Mittel in der Verschärfung der Konkurrenz ist, in der nun einmal nur die Stärksten bestehen. Entsprechend rufen rechtsradikale Parteien zu öffentlichen Demonstrationen auf.
Natürlich, die Gewerkschaften verzichten nicht darauf, ihre Forderungen in der Krise kundzutun und ihren Protest auszudrücken. Man hat ihn ins Netz verlegt. Aber so bekommen nur jene ihn mit, die sich sowieso für ihn interessieren und die entsprechenden Seiten am 1. Mai besuchen. Und das ist ein Unterschied ums Ganze. Denn beim öffentlichen Protest geht es auch darum, dass man Menschen mit Forderungen konfrontiert, die nicht unmittelbar ihre eigenen sind.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde die Rücksicht der Gewerkschaften in der Pademie richtig, aber die Umsetzung der Alternative ist dann doch etwas zu zahm. Beispielsweise wäre doch gegen zentrale Autokorsos nichts einzuwenden gewesen. So hätte man über Lautsprecher die Forderungen der Beschäftigten, der Prekären und Armen dieser Gesellschaft an die Öffentlichkeit herangetragen können. Das wäre wichtig gewesen. Denn deren spezifische Sorgen und Ängste gehen derzeit im Diskurs der Seuchen induzierten Volksgemeinschaft nach dem Motto: ‚Egal ob arm oder reich, die Krise ist, was uns zusammenschweißt‘ ziemlich unter. Woran sich die entsolidarisierende Wirkung der Gemeinschaftserzählung zeigt.
Solidarität hieße hingegen, sich gegen diese Deckvorstellung zu verwehren und den Blick unverstellt darauf zu richten, dass die Krise offenbart, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sich Menschen im Produktionsprozess in zwei Klassen gegenüberstehen. Und in dem die meisten, wenn die Produktion in die Krise gerät, um ihre materielle Existenz fürchten müssen. Solidarität hieße, zu zeigen, dass die Krise offenbart, dass wir zwar alle auf dem Meer kapitalistischer Unsicherheit treiben, aber mitnichten alle im selben Boot sitzen. Die meisten halten sich auf einem überfüllten Floss gerade mal über Wasser, während die anderen auf einem Flugzeugträger, ohne Angst unterzugehen, an ihnen vorbei schippern.
Klar, alle leiden. Aber niemand leidet wie die Armen, wie Mickey Rourke es als Charles Bukowski in dem Film Barfly treffend formuliert. Ihr gesellschaftlich produziertes Leiden zu beseitigen, war einst die zentrale Forderung gewerkschaftlicher Solidarität. Als Gewerkschaften nicht nur für gerechten Lohn kämpften, sondern zudem kritisierten, dass Armut, Ungerechtigkeit und Ausbeutung untrennbar mit Lohnarbeit einhergehen. Eine Kritik, die nicht nur die Alle-in-einem-Boot-Phantasie als ideologische Durchhalteporale entlarvt, sondern die zum 1. Mai  in Erinnerung zu rufen, ein Akt der Solidarität mit den Ausgebeuteten und Armen dieser Welt wäre.
(korrigierte und erweiterte Fassung 1. Mai)


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