Patrick Viol

Kommentar: Kritisch im Ausnahmezustand

Kritik oder bloßes Storytelling? Warum die Corona-Pandemie von Redaktionen nicht nur Homeoffice, sondern auch mehr Selbstreflexion verlangen sollte.

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Manchmal kommt das Brett vorm Kopf als Kritik daher.  Foto: Ilya Chashnik/wiki commons

Manchmal kommt das Brett vorm Kopf als Kritik daher. Foto: Ilya Chashnik/wiki commons

Freier und kritischer Journalismus ist ein, wenn nicht der Grundpfeiler einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Es ist daher auch kein Wunder, dass sie von jenen, die unter Gesellschaft nur eine homogene, folg- und fügsame Gemeinschaft verstehen, als Lügenpresse angegriffen wird.
Und in katastrophalen Zeiten wie diesen, im Ausnahmezustand, der weitgehende Einschränkungen der Freiheitsrechte erfordert, ist es umso wichtiger, dass die politischen Prozesse und Entscheidungen umso kritischer begleitet und kommentiert werden. So ist es richtig, dass die Presse kontinuierlich hinterfragt, ob sie sich noch kritisch zum politischen Geschehen verhält oder ob sie nur noch „Hofberichterstattungen“ betreibt und als verlängerter Arm der Exekutive fungiert.
Aber seien wir ehrlich: Journalismus ist auch Teil der Unterhaltungsindustrie, weshalb so manche, vermeintlich kritische Perspektive auf die Dinge letztlich nur dazu dient, die Leser*innen bei der Stange zu halten. Und je mehr eine Story droht, sich totzulaufen und die Leser*innen anzuöden, wie derzeit die alles beherrschende Story der Corona-Pandemie, desto mehr tendieren Redaktionen dazu, Bullshit als Kritik zu verkaufen. Exemplarisch steht hierfür das in die Überschriften großer Zeitungen geworfene Narrativ, die Politik habe ihre Entscheidungsmacht an die wissenschaftlichen Expert*innen abgegeben. So heißt es in der NZZ: „Die Virologen regieren, die Politik hat abgedankt“. Oder die Bild: „Wir hören zu viel auf Virologen“. Ebenso die Zeit: "Alle Macht dem Virus". Problematisch sei, dass die Expert*innen nicht gewählt seien. Dieser Vorwurf soll nun besonders kritisch sein? Mitnichten.
Kritisch ist es, die Unvernunft einer Sache darzulegen, ihre Widersprüche. Aber was an der Beratung durch Expert*innen ist unvernünftig? Oder anders: Verbürgt die bloße Wahl von Politiker*innen, dass sie in dieser Situation vernünftig handeln? Garantiert ihre Wahl, mit einer Naturkatastrophe richtig umzugehen? Und warfen die kritischen Redaktionen (die Bild ausgenommen) der Politik nicht noch bis vor Kurzem vor, sie höre bezüglich des Klimawandels zu wenig auf die Wissenschaft?
Die intensive Beratung durch Expert*innen zu kritisieren, heißt zudem, die derzeitige Transparenz der Politik zu bemängeln. Denn selten war man aufgrund der sich auch an die Öffentlichkeit wendenden Expert*innen an Entscheidungsprozessen- wie schwierigkeiten beteiligt wie zurzeit. Und das ist schließlich auch eine Kernaufgabe des Journalismus: Politische Entscheidungen transparent machen, um sie kritisieren zu können und politische Partizipation zu ermöglichen. Fatal an der Kritik der Expert*innenberatung ist auch, dass darin mitschwingt, es sei ein Problem, wenn sich die Politik an der Verfolgung eines vernünftigen Zwecks ausrichtet. Klar, die Mittel müssen stets kritisch betrachtet werden, aber genau das zeichnet die Arbeit guter wissenschaftlicher Expert*innen aus: die stete Selbstreflexion über die Mittel. Die stünde auch einigen Redaktionen derzeit gut an. Während die Corona-Story unerbittlich anhält, könnte man sich ja mal fragen, warum man sich im gesellschaftlichen Normalzustand gegenüber den übergeordneten unvernünftigen Zwecken staatlichen Handels so gänzlich unkritisch verhält.(Erweiterte Fassung)


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