Patrick Viol

Kommentar: Der Entzivilisierung Einhalt gebieten

Dass sich im  Lockdown die Mehrheitsgesellschaft zunehmend entzivilisiert und Stimmung gegen Kritiker:innen der Pandemiepolitik macht, ist nicht gut für die Demokratie, kritisiert unserer Chefredakteur Patrick Viol

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Muss nicht immer immer alles einheitlich sein. Kurt Schwitters gab der Wichtigkeit des Risses künstlerischen Ausdruck. (Bild:wiki commons)

Muss nicht immer immer alles einheitlich sein. Kurt Schwitters gab der Wichtigkeit des Risses künstlerischen Ausdruck. (Bild:wiki commons)

„Die Lage ist besser, aber die Stimmung ist schwieriger“, so die Einschätzung von Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) auf der Pressekonferenz zum Bund-Länder-Beschluss. Auffällig dabei ist die euphemistisch-ausweichende Uneindeutigkeit von Söders letztem Wort: „schwieriger“. Was soll das heißen? Eine Stimmung, wenn man damit nicht die eines Klaviers meint, sondern eine Gemütsverfassung - auf die Söder eindeutig anspielt - kann überhaupt nicht schwierig sein. Eine Stimmung ist entweder heiter oder - dieser Tage - mies oder eben düster. Aber es geht hier nicht darum, Söders fragwürdigen Sprachgebrauch zu kritisieren. Es geht darum, zu verstehen, was ihm, der sonst gern mit klaren Worten auf den Tisch haut, mit diesem Satz rausgerutscht ist. Und das Naheliegendste ist, dass Söder schlicht und einfach die wirkliche Stimmung im Land nicht eindeutig benennen will.
Wer hingegen konkretes Zeugnis von der Stimmung im Land ablegt, ist Michael Theis in seinem Leserbrief. Und zwar mit dem Satz: „Ich leugne die Pandemie nicht - schlimm genug, dass wir in unserem Land mittlerweile soweit sind, dass man dies besonders betonen muss, um nicht als Antidemokrat zu gelten“.
Theis‘ Brief ist nicht nur Ausdruck einer düsteren Stimmung aufgrund realer, verzweifeln lassender Existenzängste. Der Brief, worin weder von Impfversuchen noch von Chipimplantaten die Rede ist, zeigt in Anbetracht des genannten Satzes auf, dass mittlerweile Stimmung gegen jene gemacht wird, die ihre Realängste aufgrund perspektivloser Pandemiepolitik zum Ausdruck bringen. So rückt an Theis‘ Brief der Gedanke nahe, dass nach den „Querdenkern“ nun auch Teile der Mehrheitsgesellschaft durchdrehen und nicht mehr nur der moralischen Selbstvergewisserung, zu den Rücksichtsvollen zu gehören, sondern der Feindbestimmung bedürfen, um sich auf der absurder werdenden Staatslinie zu halten. Wer nicht mehr mitmacht und kritisch ausschert aus dem zermürbenden „Wir-bleiben-zu-Hause-Kollektiv“ wird zum Antidemokraten. - Eine Entwicklung, die nicht zuletzt auf fehlende reale Perspektiven zurückgeht und der unbedingt Einhalt geboten werden muss.
Erstens, weil sie entzivilisierend ist: Man lässt mit gutem Gewissen die Aggressivität, die man im perspektivlosen Lockdown täglich unbewusst gegen sich selbst aufbringen muss, um die Versagung persönlicher Begehren zu bewerkstelligen, an Menschen aus, die eine solche Gewalt gegen sich selbst nicht mehr aufbringen können. Und zweitens, weil sie entdemokratisierend ist: Man übt sich darin ein, Kritiker:innen am Mehrheitsverhalten zu denunzieren, während es demokratisch ist, Kritik an der Mehrheit grundrechtlich zu ermöglichen.
Und ich bin ganz ehrlich: Dass diese unter der staatlichen Autoaggressivitätsanforderung sich entzivilisierende und entdemokratisierende Mehrheitsgesellschaft über die Pandemie hinaus Bestand haben könnte, macht mir mehr Angst als alle spinnerten „Covidioten“ zusammen. Und dass Söder keine Worte findet, dieser aggressiver werdenden Disziplinierungsstimmung Einhalt zu gebieten, sondern sie mit Uneindeutigkeit überdeckt, liegt nicht nur daran, dass sie der Politik dienlich ist. Daran, dass er Kritiker:innen der Maßnahmen damit begegnet, sie würden sich als Opfer „stilisieren“ und Corona mit Pest vergleicht, um sie als Lebensgefahr zu markieren, zeigt sich, dass er staatlicher Stimmungsmacher gegen Kritiker:innen der Staatslinie Nummer eins ist. Sollte man hinsichtlich der Wahlen dieses Jahr nicht vergessen.


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