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Patrick Viol

Kommentar: Bonus oder Schweigegeld?

„Hier sind 500 Euro, dann muss aber auch gut sein!“  - Warum eine Einmalzahlung an Pflegekräfte keine Anerkennung ihrer Leistungen, sondern ein Versuch ist, eventuelle Forderungen nach mehr Lohn nach der Krise im Vorfeld abzuwürgen.
Nicht nur ist die finanzielle  Aufwertung der Arbeit der Pflegekräfte längst überfällig. Auch ist es die Debatte darüber, warum sie bisher ausblieb. Bild: I. Kliun/wiki commons

Nicht nur ist die finanzielle Aufwertung der Arbeit der Pflegekräfte längst überfällig. Auch ist es die Debatte darüber, warum sie bisher ausblieb. Bild: I. Kliun/wiki commons

Unter anderen Bedingungen wäre die Überlegung der Politik, von Pflegekassen und Arbeitgeber*innen, medizinischen Pflegekräften eine Bonuszahlung als Ausdruck der Wertschätzung ihrer Arbeit in der Pandemie zukommen zu lassen, begrüßenswert. Aber wie gesagt: Unter anderen Bedingungen. Wenn die Pflegekräfte zum Beispiel bereits ausreichend bezahlt würden. Wenn sie nicht seit Jahren mit einer rationalisierten Personaldecke zu kämpfen hätten. Wenn sie nicht in einem System der Ökonomisierung des Medizinsektors zerrieben würden. Schließlich: Wenn man den Pflegekräften, die man nun Held*innen des Alltags nennt, während von Alltag nicht die Rede sein kann, angemessen zugehört hätte, als sie derlei Missstände bereits angesprochen haben. Weil man das aber nicht tat und weil man auch jetzt im Zuge der Überlegungen über eine Form der Wertschätzung des medizinischen Pflegepersonals nicht davon spricht, an den miserablen Arbeitsverhältnissen etwas zu ändern, wirkt diese Bonuszahlung wie eine Form von Schweigegeld.
Es ist bereits schändlich genug, dass erst eine Naturkatastrophe losbrechen muss, an der massenhaft Menschen sterben, damit die Arbeit von Pflegekräften, deren Alltag auch jenseits des Ausnahmezustands, kräftezerrend und psychisch belastend ist, in den Augen der Politik als wertvoll erscheint.
Aber nun zu versuchen, mit einer Bonuszahlung die Leistungen des Pflegepersonals als eine Ausnahme erscheinen zu lassen, die man mit vielleicht 500 Euro meint, abgelten zu können, ist verwerflich. Denn die Strategie dabei ist mehr als offensichtlich: „Hier sind 500 Euro, dann muss aber auch gut sein!“ So sollen die Pflegekräfte und ihre Verbände nach der Krise ja nicht auf die Idee kommen, dass sie in Anbetracht ihrer unleugbaren Leistungen von der Politik eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern verlangen. Sprich: Mehr Geld, mehr Personal und weniger Druck.
Man sollte nach der Corona-Pandemie aber noch weiter gehen. Damit sich wirklich an der Situation von Menschen in Pflegeberufen etwas ändert, bedarf es einer gesellschaftlichen Debatte. Es braucht eine Selbstreflexion der Gesellschaft darüber, warum sie die Arbeit von Menschen, die andere Menschen pflegen, finanziell so geringschätzt. Warum genießt eine Pflegekraft so wenig Prestige? Und machen wir uns nichts vor: Diese Fragen lassen sich nicht ehrlich beantworten, ohne über die Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis zu sprechen. Nicht nur, weil in den meisten Pflegeberufen hauptsächlich Frauen arbeiten. Sondern weil die Tätigkeit, Menschen zu pflegen, nach wie vor weiblich konnotiert ist. Und „Frauenarbeit“, egal ob in der Familie, der Pflege oder im Vortand, erfährt in dieser Gesellschaft eine finanzielle Geringschätzung.
Ein finanzielle Aufwertung der Pflegekräfte würde daher nicht nur die Arbeitsbedingungen und damit die Pflege verbessern; sie würde nicht nur helfen, dem Fachkräftemangel zu begegnen; sie wäre auch ein Anfang, sexistische Ungerechtigkeiten und Frauenfeindlichkeit abzubauen.


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