Patrick Viol

Die Zäsur im deutschen November 1938

Osterholz-Scharmbeck. Die Geschichte des Osterholzer Pogroms und der Zerstörung des jüdischen Lebens vor Ort.

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„Eine klare Haltung gegen Antisemitismus und Rassismus sollte uns stets im Alltag begleiten“, so Bürgermeister Torten Rohde.  Foto: eb

„Eine klare Haltung gegen Antisemitismus und Rassismus sollte uns stets im Alltag begleiten“, so Bürgermeister Torten Rohde. Foto: eb

1933 lebten in Osterholz-Scharmbeck noch um die 40 Juden und Jüdinnen. 1938, im Jahr der Novemberpogrome, waren es noch 30. Das jüdische Leben vor Ort war, bevor es in der Nacht vom 9. auf den 10. November vollends zerstört wurde, bereits unsichtbar geworden. Die NSDAP erhielt zunehmend Zulauf und das jüdische Leben wurde durch Ausgrenzung verdrängt. Plakate, die den „Judenboykott“ propagierten, hingen in Osterholz-Scharmbeck, woraufhin jüdischen Geschäften die Kund*innen wegblieben.
Dem jüdischen Arzt Dr. Cohen zum Beispiel wurde die Kassenzulassung entzogen und die Patient*innen blieben fern. Und der letzte Rabbiner der Synagoge in Scharmbeck, Leo Löwenstein, verlor seine Stenografieschüler.
Infolge der Ausgrenzung kam es unter der jüdischen Bevölkerung, die kurz zuvor noch zum öffentlichen Leben selbstverständlich dazugehörte, zu Nervenzusammenbrüchen und Selbstmordversuchen.
 
Das Erstarken der Nazis
 
1938 gab es in der Stadt 26 aktive SS-Männer und der hier ansässige „SA-Sturm 25/411“ hatte 217 Mitglieder.
Angesichts des allgemeinen Erstarkens der Nazis und des offenen Judenhasses flüchteten immer mehr jüdische Familien aus Osterholz-Scharmbeck. Damit verlor die Synagoge zahlkräftige Mitglieder, weshalb Rabbi Issak ter Berg am 2. November die Bitte an den Regierungspräsidenten in Stade richtete, die Synagoge verkaufen zu dürfen.
Ein Teil des Inventars wurde an die jüdische Gemeinde in Hannover entsandt, die Akten der Scharmbecker Gemeinde gingen ans Gesamtarchiv der Juden in Deutschland in Berlin, wo sie die Zeit des NS überstanden.
War der Grund des Verkaufs auch bitter, er rettete die Thorarolle vor den Flammen der Pogromnacht am 9. November.
 
Die Zäsur
 
In der Nacht auf den 10. November brachen lokale SA- und NSDAP-Männer zur Synagoge in der Bahnhofstraße 105 auf. Am Pogrom beteiligt waren auch Einheiten aus Bremen und Umgebung. Direkte Befehle gab der Sturmbann 3/411.
Die SA-Truppe und Parteifunktionäre zerschlugen die Scheiben der Synagoge, brachen die Tür auf, zerschlugen das übrige Inventar zu Feuerholz, stapelten es inmitten der Synagoge und zündeten es an.
Auch die Häuser und Wohnungen jüdischer Gemeindemitglieder wurden verwüstet und sie selbst angegriffen. Siegmund Cohen wurde von SA-Leuten derart schwer verletzt, sodass er bettlägerig wurde und ein Jahr später an den Folgen der Verletzungen verstarb.
Das Ehepaar Goldberg wurde in der Nacht von SA-Leuten in ihrer Wohnung überrascht und erschossen. Leopold Sinasohn aus Platjenwerbe überlebte diese Nacht ebenfalls nicht.
Die örtliche Polizei griff nicht ein und die Feuerwehr hatte den Befehl, nicht zu löschen. Sie sollte lediglich dafür sorgen, dass die Flammen nicht auf umliegende Häuser übergriffen. Oberbrandmeister Fritz Torbohm widersetzte sich dem Befehl und versuchte den Brand zu löschen. Daraufhin wurde er als „politisch unzuverlässig“ aus seinem Ehrenamt entfernt.
Auch nach der Pogromnacht hielt die Gewalt gegen Juden an. Am 10. No­vem­ber wur­den Ernst Da­vid­sohn und sein Cou­sin John wie vie­le an­de­re Os­ter­hol­zer Jü­din­nen und Ju­den, in „Schutz­haft“ ge­nom­men. Während die Frauen wieder freigelassen wurden, verschleppte man die Männer anschließend in Konzentrationslager.
Das klei­ne Ma­nu­fak­tur- und Mo­de­ge­schäft der Fa­mi­lie Ro­sen­hoff wur­de un­mit­tel­bar nach der Po­grom­nacht ge­schlos­sen. Ein paar Tage spä­ter wur­den die Töch­ter Ruth und Clä­re un­ter „Po­li­zei­schutz“ aus dem Un­ter­richt der Finn­dorf­schu­le ge­holt.
In der Folgezeit wurde das Leben der noch im Landkreis Osterholz verbliebenen Juden und Jüdinnen immer weiter eingeschränkt: Es wurden Ausgehverbote verhängt sowie Einkaufs- und Verkehrsbeschränkungen (Entzug des Führerscheins) auferlegt und Bücher beschlagnahmt. Sie wurden sogar dazu gezwungen, selbst für die Schäden der Pogromnacht aufzukommen und ihre Geschäfte zu schließen oder zu „arisieren“, sofern sie noch in jüdischem Besitz waren.
 
Stilles Gedenken in OHZ
 
Auch die lokale Geschichte zeigt: Der November 1938 bildet die „Zäsur in der systematischen nationalen Vernichtungspolitik in Deutschland“, wie das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus die Bedeutung der Pogromnacht zusammenfasst. Ingesamt wurden in der Zeit vom 7. bis zum 13. November nahezu die Hälfte aller Synagogen deutschlandweit zerstört, 1.500 Jüdinnen und Juden ermordet, und etwa 300 nahmen sich in der Folge das Leben. So begann der in der Bevölkerung verbreitete Antisemitismus, sich in offener tödlicher Gewalt der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu manifestieren.
Der Opfer dieses Pogroms wurde am 9. November - aufgrund der Pandemie - im Stillen im Landkreis Osterholz gedacht. Bürgermeister Torsten Rohde legte Blumen am Osterholzer Mahnmal nieder. „Auch wenn wir dieses Jahr im stillen Gedenken den Opfern der Reichspogromnacht gedacht haben, hat dieser Tag nicht an Bedeutung verloren. Wir müssen das Gedenken am Leben halten, damit wir die Verbindung zu nachfolgenden Generationen aufrechterhalten und sich solche Schreckenstaten in diesem Ausmaß in der Zukunft nicht wiederholen. Eine klare Haltung gegen Antisemitismus und Rassismus sollte uns stets im Alltag begleiten - nicht nur an diesem speziellen Tag im Jahr.“


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