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Gästepflege statt Geldverdienen: Über die Situation in der Gastronomie

Bremervörde (pvio/jm).  Die Corona bedingten Auflagen unter Vorbehalt erschweren die Wiedereröffnungen in der Gastronomie. Der ANZEIGER hat sich mit den Gastronomen Holger Gehrmann und Edo Neumann unterhalten.
 

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Gastronomisches Idyll: Das Haus am See in Bremervörde hat seit dem 15 Mai wieder geöffnet.  Foto: eb

Gastronomisches Idyll: Das Haus am See in Bremervörde hat seit dem 15 Mai wieder geöffnet. Foto: eb

„Wirtschaftlich macht das keinen Sinn, brauchen wir gar nicht drüber reden“, bewertet Holger Gehrmann, der erste Vorsitzende des DeHoGa Kreisverbandes Bremervörde und Betreiber des Selsinger Hofs die Regel, dass man seinen Gastrobetrieb nur bis zu 50 Prozent auslasten darf. Für Betriebe in Städten könne das vielleicht noch funktionieren, aber nicht auf dem Land. „Wir freuen uns natürlich, dass wir aufmachen dürfen. Aber die 50 Prozent sind eine ganz schwierige Geschichte.“ Im Grunde sei das „Gästepflege statt Geldverdienen.“ Darum gehe es im Gastrogewerbe ja primär, aber eben nur solange, wie das Geldverdienen funktioniere. Umso mehr freut sich Gehrmann über die Freude der Gäste: „Wir haben jetzt seit drei Tagen wieder auf. Die Gäste haben ein Strahlen im Gesicht. Da sind Ehepaare, die sind 20 Jahre verheiratet - ich wette, die haben noch nie so lange in einem Restaurant gesessen und geredet.“
Auf die Freude seiner Gäste und auf gute Stimmung in seinem Haus am See in Bremervörde freut sich auch Edo Neumann. Das öffnet am 15. Mai wieder seine Türen. Bei ihm finden aufgrund der Auflagen noch 120 Gäste einen Platz, rechne man draußen und drinnen zusammen. Die Menge sei aufgrund der großzügigen Räume möglich. Daran scheitern in der Tat viele Kolleg*innen. Der Tischabstand von zwei Metern lässt bei vielen die 50-Prozent-Auslastung unterschreiten.
Dennoch gebe es auch für Neumann einen Wermutstropfen: Normalerweise hätte er den Sommer über regelmäßig Feiern mit 200 Gästen gehabt. Die fielen nun weg.
 
Gastronomische Verantwortung
 
Die Freude auf den Start ist bei Neumann umso größer, weil das Haus am See die letzten Wochen komplett geschlossen war. Sein Team hätte den „Außer-Haus-Haus-Verkauf“ zwar ausprobiert, habe aber einsehen müssen, dass sich das nicht lohne: „Wir haben das ein paar Tage versucht, aber mussten feststellen, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Das ist was für Betriebe, die schon einen Lieferdienst etabliert haben, das kann man nicht so schnell auf die Beine stellen. Da gehört schon ein bisschen mehr dazu.“ Das unterstreicht auch Gehrmann. „Die Außer-Haus-Geschichte, die einige Kollegen versucht haben, war mehr Kundenpflege; dafür sorgen, dass Stammgäste mal wieder mit uns reden können. Da steht man dann mit zwei ausgebildeten Köchen einen ganzen Abend lang in der Küche und hat am Ende 200 Euro Umsatz gemacht.“ Aber nun ist die Situation eine andere und nicht letzt versuche man als Unternehmer das Beste aus einer gegebenen Situation zu machen. „Uns von der DeHoGa und den Kollegen aus der Branche geht es darum, der Gesellschaft jetzt zu zeigen: Es geht vorwärts. Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, nicht zuletzt auch unseren Mitarbeitern gegenüber“, so Gehrmann überzeugt.
Verantwortung übernimmt Neumann auch für seine Gäste. So hat er im Vorfeld der Öffnung seine Hygienekonzept mit dem Ordnungsamt abgesprochen und die zu dessen Absegnung eingeladen. „So sind wir sicher in dem, was wir tun. Das ist auch gut für unsere Gäste, einige werden sicher nach den Vorschriften fragen. Die Situation ist hier bei uns sehr klar.“
 
Unterschiedliche Erfahrungen
 
Klarheit hätte sich Gehrmann auch von der Politik gewünscht, vor allem in der Kommunikation mit den Betreiber*innen des Gastgewerbes. „Wir wussten am Sonntagabend noch nicht einmal die genauen Vorschriften, die für die Wiedereröffnung am Montag gelten sollten.“ Gehrmann verstünde nicht, wie man ein Gewerbe acht Wochen schließen könne, sich innerhalb der acht Wochen aber keine Gedanken darüber machen kann, wie es danach weitergehen soll. Er fühle sich - ebenso wie Tim Melzer es formuliert hat - von der Politik „definitiv“ stiefmütterlich behandelt.
Neumann habe eine andere Erfahrung gemacht. Die habe er vor allem dem CDU-Bundestagsabgeordneten Marco Mohrmann aus Zeven zu verdanken, den er vorher gar nicht kannte. Neumann habe ihn bezüglich der „Soforthilfe“ einfach angerufen, er ging ran und habe sich danach umgehend mit dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium in Verbindung gesetzt. „Am nächsten Morgen hieß es dann, dass wir 20.000 Euro bekommen sollen. Als das offiziell war, habe ich einen Antrag gestellt und drei oder vier Tage später war das Geld da“, berichtet Neumann weiter. Auch die Zusammenarbeit mit dem Landkreis und dem Ordnungsamt sei gut gewesen. „Ob die Maßnahmen nun sinnvoll sind oder nicht, weiß ich nicht, ich bin kein Virologe. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich mich im Stich gelassen fühle.“
Gehrmann hingegen bewertet die Abwicklung als eine „Katastrophe. Ich habe Kollegen, die haben Anspruch auf 20.000 Euro. Bekommen haben sie dann auf einmal 10.000 Euro, ohne ein Anschreiben oder irgendeine Auskunft. Niemand weiß, wo diese 10.000 Euro herkommen und ob da noch was kommt, oder nicht.“ Zudem sei fraglich, wie die Hilfen steuerrechtlich ausfallen werden. Die Politik teile Dinge mit, spreche aber nicht mit den Gastronom*innen. „Ich fühle mich von der Politik allein gelassen“, sagt der Gastwirt.
Das würden Kneipen- und Barbetreiber*innen bestimmt unterschreiben. Die dürfen weiterhin nicht öffnen. „Das ist eine Katastrophe, dass man die einfach sterben lässt“, sagt Gehrmann enttäuscht. „Auch Kneipen könnten sich arrangieren und Konzepte erstellen. Der Sommer kommt, warum sollen die nicht draußen ihre Tisch ein bisschen weiter auseinanderstellen?“


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