Patrick Viol

Der Beginn einer neuen Ära? - Tag der Pflege am 12. Mai

Landkreis Osterholz/Rotenburg (Wümme). In das Internationale Jahr der Pflegenden 2020 fällt die Corona-Krise. Pflegekräfte bekommen ungeahnte Aufmerksamtkeit. Aber reicht das für echte Veränderungen?

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Aktuell kommt Pflegenden durch die Corona-Krise eine neue, ungeahnte gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu. Der Tag der Pflege hingegen ist nicht neu: Er findet jedes Jahr am 12. Mai statt.   Foto: adobestock/ake1150

Aktuell kommt Pflegenden durch die Corona-Krise eine neue, ungeahnte gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu. Der Tag der Pflege hingegen ist nicht neu: Er findet jedes Jahr am 12. Mai statt. Foto: adobestock/ake1150

Pflegekräfte arbeiten ununterbrochen am Limit: Das beklagen Beschäftigte und Gewerkschaften schon lange. Im Internationalen Jahr der Pflegenden 2020, das von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufen wurde, belastet die Coronapandemie die Helfer*innen im Gesundheitssystem zusätzlich. Ob die ungeahnte gesellschaftliche Aufmerksamtkeit, die den Pflegeberufen nun zukommt, auch zu Veränderungen führt, bleibt abzuwarten.
In der HBO-Serie „Die Sopranos“ wird in den ersten Folgen der ersten Staffel wiederkehrend ein Streit zwischen dem Mafiaboss Toni Soprano und seiner Mutter verhandelt: Während der Sohn, nachdem seine Mutter beim Kochen fast ihre eigene Wohnung in Brand setzte, der Überzeugung ist, sie müsse betreut werden und sollte in ein Pflegeheim ziehen, wirft die Mutter dem Sohn vor, er schiebe sie zum Sterben in ein Heim ab. Dorthin, wo alle nur noch sabbern und vor sich hinvegetieren würden. Dementsprechend wehrt sie sich gegen den Umzug, während der Sohn mit schweren Gewissensbissen kämpft. Dieser Serienstreit trifft etwas an der Realität: Das Senioren-, Alters- oder Pflegeheim ist ein Angstbild für viele alte Menschen. Die Vorstellung, aus dem eigenen Haus oder der eigenen Wohnung auszuziehen, in der man meist Jahrzehnte seines Lebens verbrachte, fühlt sich im ersten Moment bedrohlich an.
Wie ein Abschied vom Leben oder die Begrüßung des eigenen Todes. Dass es dann ganz anders kommen kann; dass das Leben sich im Pflegeheim wie ein neuer Lebensabschnitt und nicht wie sein langsames Ende anfühlt, dafür sorgen in erster Linie: die Pflegenden. Es ist ihr Engagement, ihre Professionalität, ihre Empathie und ihr respektvoller Umgang, der den Senior*innen ein Altern in Würde ermöglicht und den Angehörigen Sorgen und ein schlechtes Gewissen erspart.
Ebenso die Krankenpfleger*innen in den Krankenhäusern. Während Ärzte und Ärztinnen - stets im strukturell bedingten Stress - zur Visite nahezu bloß durch die Zimmer huschen, ist es das Pflegepersonal, das sich, wenngleich ebenso mit hohem Zeitdruck im Nacken, den Patient*innen ein größeres Maß an Zuwendung zukommen lassen. Ihre Arbeit verhindert, dass das privatisierte Krankenhaussystem vollends zu einer unpersönlichen Krankenabfertigungsmaschinerie verkommt.
Unverzichtbare Arbeit leisten auch die ambulanten Pflegedienste. Mehr als eine halbe Millionen Menschen werden täglich von ambulanten Pflegekräften betreut und unterstützt. Ihre Arbeit hilft alten Menschen wie Menschen mit Behinderungen dabei, ihr Leben so selbstbestimmt wie möglich zu führen.
 
Jahr der Pflegenden
 
Um die besondere Bedeutung der Arbeit und der unverzichtbaren Leistungen der Pflegekräfte für die Gesellschaft herauszustellen und ihre Professionalität allgemein sichtbar zu machen, findet jedes Jahr am 12. Mai der Tag der Pflegenden statt. Der Ehrentag fällt auf dieses Datum, da am 12. Mai vor 200 Jahren die Pionierin der Krankenpflege, Florence Nightingale, geboren wurde. Dieses runde Jubiläum gab zudem den Anstoß, dass die Weltgesundheitsorganisation gleich das ganze Jahr 2020 zum internationalen Jahr der Pflegenden, aber auch der Hebammen erklärte. Dieses Jahr der Wertschätzung dieser für das Gesundheitssystem unverzichtbaren Berufe soll zugleich helfen, den Mangel an Pflegekräften und Hebammen und die Missstände im Gesundheitswesen zu bekämpfen, die nicht zuletzt jetzt, in der Pandemie, schmerzlich bemerkt werden.
 
Pflege in der Krise
 
Als die WHO beschloss, das Jahr 2020 zum internationalen Jahr der Pflegenden zu ernennen, haben die Verantwortlichen sicherlich nicht mit dem Ausmaß der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerechnet, das den Pflegenden, aber auch den strukturellen Defiziten in der Pflege derzeit widerfährt.
Denn seit der Corona-Pandemie sind auf der einen Seite die Leistungen der Pflegekräfte; die Verdienste der sogenannten „Held*innen des Alltags“ in aller Munde. Und auf der anderen Seite hat die Pandemie ein kritisches Licht auf die Mängel im privatisierten Gesundheitswesen, auf die Sparpolitik seit den 90er Jahren, auf die schlechten Personalschlüssel und die Arbeit über die Belastungsgrenzen der Angestellten hinaus geworfen.
Weltweit kursieren Bilder von übermüdeten, erschöpften Krankenpflegenden in den Medien und in Parlamentssitzungen der Länder, in den das Virus besonders stark ausgebrochen ist, werden die Namen jener verlesen, die sich bei ihrer Arbeit im Krankenhaus aufgrund mangelnder Schutzkleidung mit Covid 19 ansteckten und an der Erkrankung gestorben sind. Ja, die Aufmerksamkeit für die Pflege ist wichtig. Der Grund dafür grausam.
 
Gute Arbeit unter schweren Bedingungen
 
Das Pflegepersonal arbeitet aber - egal ob in Heimen, ambulant oder im Krankenhaus - strukturell und nicht erst seit Corona an der physischen und psychischen Belastungsgrenze bei geringem Lohn. Das beklagen seit Jahren Pflegeverbände wie der Deutsche Pflegerat e. V., aber auch die Gewerkschaft verdi. Und auch die Beschäftigten selbst. So schreibt die examinierte Krankenschwester Ilka Christin Weiß aus Lilienthal in einem Brief an den ANZEIGER: „Personal wurde abgebaut, Gehälter und Urlaub gekürzt, die Arbeitsbedingungen verschlechtert und tausende Ausbildungsplätze wurden gestrichen. Pflegekräfte arbeiten oberhalb ihres Limits, immer mit dem Anspruch, ihre Patient*innen gut zu pflegen und nicht im Stich zu lassen, so wie es die Politiker*innen der Parteien, die in der Vergangenheit regiert haben, es taten.“
Gerade, weil den Pflegekräften ihre Patient*innen so wichtig sind; gerade weil sie ihren Job von ganzen Herzen aus tun, wie es auch die Pflegenden der OsteMed Klinik in Bremervörde durchweg betonen, geraten Pflegekräfte in diesem System an ihre Belastungsgrenzen. Sie können die Pflegebedürftigen nicht nebenbei abfertigen.
So gaben in einer Studie der AOK von 2016 Beschäftigte in der Pflege eine deutlich höhere Belastung durch Leistungsdruck, schweres Heben und ein hohes Arbeitstempo an, als Beschäftigte anderer Wirtschaftszweige. Daran ändert auch ein Bonus nichts. Dementsprechend wünscht sich Yvonne Hinck, Abteilungsleiterin des AWO Seniorenzentrums am Hang in Bremervörde zum Tag der Pflegenden allgemein bessere Arbeitsbedingungen: „Ein Bonus wäre schön, aber viel wichtiger ist eine Verbesserung der Rahmenbedingungen wie beispielsweise einer besserer Stellenschlüssel.“ Derzeit kämen auf eine Pflegekraft sechs Bewohner*innen. Unter der Belastung der Pflegenden leiden natürlich auch die Patient*innen.
 
Die Situation in den Pflegeheimen
 
Vor dem Hintergrund der strapazierenden Belastungen im Pflegealltag ist es leicht nachvollziehbar, dass die Pandemie und die Besuchseinschränkungen die Pflegeheime, sowohl die Patient*innen wie die Mitarbeiter*innen, in eine fast unaushaltbare Situation versetzt hat. Christa Wöhler, die Leiterin vom Haus am Barkhof in Osterholz-Scharmbeck, sagt entsprechend, dass „es in den Pflegeeinrichtungen immer schwieriger wird.“ Dabei hätten sie am Barkhof noch Glück gehabt, da es bisher zu keinem Corona-Fall kam. Aber die Bewohner*innen bauten zunehmend ab, weil ihnen die Nähe zu den Angehörigen fehle. „Wir machen alles, damit es unseren Bewohnern gut geht, aber Angehörige können wir nicht ersetzen.
Ich habe Anrufe von Angehörigen, die in Tränen ausbrechen und uns fragen, ob wir nicht eine Ausnahme machen können. Aber genau das ist das Dilemma. Lassen wir einen rein, müssen wir alle rein lassen. Und das ist im Moment unmöglich.“
Auch Hinck berichtet davon, dass der Mangel an sozialen Kontakten die „psychische Gesundheit der Bewohner“ belastet. Bisher habe Videotelefonie etwas Abhilfe leisten können, aber ausreichend sei das nicht. In diesem Sinne forderte letzte Woche bereits der Seniorenbeirat Osterholz, dass das Besuchskonzept einer Revision bedarf.
Die wurde nun im Zuge allgemeiner Lockerungen unternommen. So haben die Bundesregierung und die Länder beschlossen, dass es in Pflegeheimen ab sofort erlaubt sein soll, dass ein enger Angehöriger zu Besuch kommen darf.
 
Perspektiven für die Zukunft
 
Die Beschäftigten in der Pflege versprechen sich von den Erfahrungen und der Aufmerksamkeit in der Krise, dass die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen weitreichend verbessert werden, wie auch Ilka Christin Weiß. Das heißt für sie: Mehr Lohn, mehr Urlaub und weniger Druck, wie sie schreibt. Damit würde man auch in die Zukunft der Pflege investieren. Denn die derzeitigen Arbeitsbedingungen lassen den Beruf Pflegekraft auf junge Menschen, die eine Ausbildung suchen, nicht sehr attraktiv erscheinen. So habe es die AWO in Bremervörde sehr schwer, Auszubildende zu finden, so Hinck, die für den August wieder Ausbildungsplätze anbietet.
 
Aufwertung der Pflege
 
Erste Schritte in Richtung bessere Bezahlung wurden bereits unternommen. Eine Kommission von Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen hatte Ende Januar beschlossen, dass der Mindestlohn für Pflegehilfskräfte bis 1. April 2022 in vier Schritten von heute 10,85 Euro (Ost) und 11,35 Euro (West) auf 12,55 Euro pro Stunde in Ost- und Westdeutschland steigen soll. Ab dem 1. Juli 2021 soll es zudem erstmals einen Mindestlohn für Pflegefachkräfte von 15 Euro pro Stunde geben.
Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob diese Anhebung des Lohns der Anfang einer „neuen Ära“ der gesellschaftlichen Bedeutung der Pflege und ihres Stellenwerts, wie sie Annette Kennedy, die Präsidentin des International Council of Nurses (ICN) zum Tag der Pflege fordert, gewesen sein wird.


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