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Widerstand aus dem Glauben an Gerechtigkeit

80 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto und die Geschichte zweier jüdischer Kämpferinnnen.

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Es ist April 1943. Eine junge Frau bereitet sich im Warschauer Ghetto mit anderen Mitgliedern der „Jüdischen Kampf-Organisation“, u. a. ihrem Lebenspartner Mordechaj Anielewicz, auf einen Widerstand vor. Ihr Name - Mira Furcher. Sie wurde, wie viele andere Juden auch, 1940 in das Ghetto gesperrt. Um sich das Leben zu finanzieren, arbeitete sie als Schneiderin. Im Geheimen war sie jedoch als Kommandoverbindungsperson der „Jüdischen Kampf-Organisation“ aktiv. Während sie den Plan des Aufstandes kurz vor dem 19. April 1943 noch einmal durchgeht, befindet sich zur gleichen Zeit die Jüdin Vladka Meed außerhalb der Mauer des Ghettos.

Geboren als Feigele Peltel lebte sie mit ihrer ganzen Familie ab 1940 in dem Ghetto. Nachdem ihre Mutter und Geschwister vom Ghetto aus in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet wurden, wurde ihr klar, dass die Gerüchte um ermordete Juden stimmen. Sie fing an, ihre Wut und Trauer zu nutzen und gegen die Nazis vorzugehen. Mit ihrem „typisch arischen“ Aussehen und ihrem fließenden Polnisch gab sie sich als Christin aus und konnte das Ghetto unter dem Namen Vladka Meed wieder verlassen. Sie bekam die Möglichkeit, sich einen Namen als Untergrundkurierin zu machen. Sie schlich durch die Ghettos und schmuggelte alle möglichen Waren. Beispielsweise gab sie der „Jüdischen Kampf-Organisation“ Waffen für den geplanten Aufstand, half jüdischen Kindern aus dem Ghetto zu fliehen und half denen, die sich bereits außerhalb der Mauer versteckten.

 

Warschauer Ghetto

 

Das Warschauer Ghetto wurde am 16. November 1940 auf Befehl von Gouverneur des Distrikts Warschau Ludwig Fischer errichtet. In kürzester Zeit wurden über 450.000 Menschen auf einem Gebiet von lediglich knapp drei Quadratkilometer von der Stadt abgeschirmt. Im Durchschnitt lebten 7,2 Personen in einem Zimmer. Ziel war es, die jüdische Bevölkerung wegzusperren. Um die Juden von den nichtjüdischen Menschen fernzuhalten, wurde eine drei Meter hohe und 18 Kilometer lange Mauer gebaut. Ihrer täglichen Arbeit konnten die meisten Bewohner:innen nicht länger nachgehen. Einige verrichteten Zwangsarbeit. Für viele war jedoch der Schmuggel von Waren die einzige Möglichkeit ,zu überleben.

Insgesamt war das Leben im Ghetto elend und menschenverachtend. Überwachung, Terror, Hunger und Krankheiten standen an der Tagesordnung. Als Folge der Lebensbedingungen starben zwischen November 1940 und Juli 1942 schätzungsweise mehr als 800.000 Menschen. Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, befahl 1942 die Umsiedlung in die Vernichtungs- und Arbeitslager, dorthin wo die Nazis ihre „Endlösung der Judenfrage“ in brutale Tat umsetzten. Zwischen Juli und September 1942 wurden 250.000 bis 280.000 Bewohner:innen verschleppt, mehr als 10.000 wurden dabei getötet.

 

Der Aufstand

 

Nachdem bis Ende 1942 die meisten Menschen aus dem Ghetto deportiert und ermordet wurden, lebten dort noch zwischen 35.000 und 60.000 Bewohner:innen. Mit ist aus den einzelnen jüdischen - meist sozialistisch-zionistichen - Organisationen, wie etwa „Freiheit“, „Junge Wächter“ und „Jüdische Kampf-Organisation“ unter der Leitung von Mordechaj Anielewicz eine große Sammelorganisation geworden. Durch Kontakte zum polnischen Untergrund kamen sie an Pistolen und Sprengstoff, doch das war bei weitem nicht genug.

Den ersten größeren Widerstand vollzogen sie am 18. Januar 1943, bei dem sie gegen weitere Deportationen vorgingen. Der kleine Aufstand kam für die NS-Besatzer so überraschend, dass sie die laufende Deportation abbrechen mussten. Die Mitglieder der Bewegung waren von ihrem Erflog überzeugt und so konkretisierten sie ihre Pläne für einen Massenaufstand.

Am 19. April 1943 um 6 Uhr marschierten SS-Soldaten in das Warschauer Ghetto. Der Aufstand unter dem Kommando von Anielewicz begann mit selbst gebauten Granaten. Als die Deutschen Besatzer am ersten Tag bis vor die Mauer gedrängt wurden, reagierten sie am fünften Tag, indem sie das Ghetto niederbrannten und Gebäude sprengten. Die Aussicht auf Erfolg seitens der Aufständischen war gering, um nicht zu sagen: kaum mehr vorhanden. Trotz allem schafften sie es, den nur für drei Tage angesetzten Aufstand über vier Wochen hinweg aufrecht zu erhalten und sich zu wehren. In diesem einen Monat wurden mehr als 56.000 Jüdinnen und Juden von SS-Soldaten ermordet oder in Vernichtungslager geschickt. Nur einigen Wenigen gelang die Flucht. Am 16. Mai erklärte die SS die Aufstände für beendet und zerstörte die Synagoge, um ein Zeichen zu setzen.

 

Das Ende

 

Die Jüdin Mira Furcher kämpfte als aktives Mitglied der „Jüdischen Kampf-Organisation“ im zentralen Sektor des Ghettos. Als sie sich am 8. Mai mit ihrem Freund und etwa 120 weiteren Kämpferinnen in einem Bunker wiederfand und dieser von Nazis entdeckt wurde, begingen die meisten von ihnen, inklusive Mira, Selbstmord anstatt sich zu ergeben.

Im Jahr 1948 wurde ihr post mortem vom damaligen polnischen Präsidenten das Silberne Kreuz des Militärordens Virtuti Militair verliehen. 2006 wurde ihr Name auf den Obelisken am Anielewicz Hügel, der an der Stelle des ehemaligen Bunkers steht und nach Mordechaj Anielewicz benannt wurde, zusammen mit 50 weiteren Namen eingraviert.

Die Untergrundkurierin Vladka Meed befand sich während des Aufstandes außerhalb des Ghettos. Während die SS-Leute das ganze Ghetto in Brand steckten, sah sie von außen den Rauch aufsteigen und hörte die Schüsse. Ihr Herz blutete für die Jüdinnen und Jüden des Ghettos, und sie beschloss ihre Lebensaufgabe, den Jüdinnen und Juden der Welt zu helfen, weiterzuführen. Der Kampf für die Gerechtigkeit war nicht vorbei.

Später sagte sie über den Aufstand: „Der bewaffnete Widerstand war möglich, weil es sich um einen ethischen, moralischen Widerstand handelte [...] Die jungen Leute kamen aus den Häusern der Eltern, die in die Gaskammern transportiert wurden, aber die Häuser waren voller Glauben, voller Hoffnung, des Glaubens an die Menschlichkeit, der Gerechtigkeit.“ In ihrem Buch „On both Sides of the Wall“ von 1948 hat sie ihre Geschichte als Kurierin niedergeschrieben. 1993 wurde die englische Ausgabe mit einem Epilog „33 Years later“ veröffentlicht. Am 21. November 2012 verstarb Vladka Meed.

 

 

Quellen: bpb, Yad Vashem, Jewish Women‘s Archive, Judy Batalion: Sag nie, es gäbe nur den Tod, Piper Verlag 2021.


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