Patrick Viol

Warum ist Unvernunft so akttraktiv? Interview über das potentiell faschistische Individuum

Landkreis. Warum unterwerfen Menschen sich einem agressiven Irrglauben? Eine Antwort gibt die Theorie des autoritären Charakters bzw. des konformistischen Rebellen, die die Frankfurter Schule entwickelte. Der ANZEIGER hat mit Andreas Stahl und Niklas Wünsch zum Thema gesprochen. Sie sind Mitherausgeber des Bandes „Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters.

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Foto: Patrick Viol

Am letzten Wochenende demonstrierten 20.000 sogenannte Coronrebellen in Berlin. Dabei postulierten sie allerhand Verschwörungsmythen und wetterten gegen „die da oben“. Warum aber unterwerfen Menschen sich einem agressiven Irrglauben? Eine Antwort gibt die Theorie des autoritären Charakters bzw. des konformistischen Rebellen, die die Frankfurter Schule entwickelte.
 
Anzeiger: Der von Ihnen herausgegebene und kürzlich im Verbrecher-Verlag erschienene Band heißt „Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters“. Zuerst also ganz grundsätzlich die Frage: Was ist ein konformistischer Rebell?
 
Das ist ein Mensch, der unzufrieden ist mit seiner Situation in der Gesellschaft und der deshalb rebelliert. Er richtet seine Rebellion gegen diejenigen, die er für sein Unglück verantwortlich macht: meistens politische und gesellschaftliche Eliten, „Fremde“, in mehr oder minder verklausulierter Form sehr häufig auch gegen Juden. Gleichzeitig ist dieser rebellische Charakter aber überaus konform mit den Autoritäten seiner eigenen Gruppe sowie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen insgesamt, so auch mit ökonomischer und sozialer Ungleichheit.
 
Anzeiger: Und wer ist ein autoritärer Charakter?
 
Mit diesem Begriff ist dieselbe Charakterstruktur gemeint, nämlich die des „potentiell faschistischen Individuums“. Menschen mit einer solchen Persönlichkeit tendieren dazu, sich freiwillig irrationalen Autoritäten zu unterwerfen. Zugleich wollen sie aber selbst Macht über andere ausüben, die sie als unterlegen und feindlich begreifen. Noch deutlicher wird das an am Begriff des sadomasochistischen Charakters. Damit sind nicht bestimmte sexuelle Präferenzen angesprochen, sondern ein Ineinandergreifen von Beherrscht-werden-Wollen und Selbst-Herrschen-Wollen innerhalb dieser psychischen Struktur.
 
Anzeiger: Die Forschung des Instituts für Sozialforschung (IfS) zum autoritären Charakter fand in den 40er Jahren statt. Wieso bzw. inwiefern sind die Ergebnisse von damals noch aktuell?
 
Aktuell sind sie insofern, als sie den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus im Allgemeinen betreffen. Da der Kapitalismus offenkundig fortbesteht, lässt sich die Theorie des autoritären Charakters zur Analyse möglicher faschistischer Tendenzen in der Gegenwart heranziehen. Zumindest die schon in den 1930ern zuerst von dem Psychoanalytiker Erich Fromm formulierten Grundgedanken scheinen jedenfalls wenig an Aktualität eingebüßt zu haben: Nach wie vor gilt, dass die Einzelnen den unbeherrschbaren Kräften des Marktes ohnmächtig gegenüberstehen und zugleich von ihnen abhängig sind. Nach wie vor lässt sich beobachten, dass aus dieser stets prekären Grundsituation heraus viele ihr Heil in der Unterordnung unter autoritäre politische Führungsfiguren und Bewegungen suchen. Und schließlich gehört es auch heute noch zu den wesentlichen Merkmalen solcher Massenbewegungen, dass die Aggressionen ihrer Anhänger sich gegen in ihren Augen verkommene Eliten, Migranten und andere richten, die sie für schwach halten.
 
Anzeiger: Das IfS bediente sich bei seiner Forschung eines interdisziplinären Ansatzes, in dem Soziologie, Philosophie, Ökonomie und die Psychoanalyse zusammenliefen. Inwiefern hilft die Psychoanalyse, autoritäre Bestrebungen zu verstehen?
 
Immer dann, wenn Menschen wider ihre eigenen objektiven Interessen handeln, sich also selbst schaden, oder auch anderen schaden, ohne davon selbst einen vernünftigen Nutzen zu haben, ist die Psychoanalyse am Zug: Solche Irrationalität ist ohne sie nicht zu erklären. Woher kommt die himmelschreiende Unvernunft autoritärer Politik? Und warum wirkt gerade sie auf viele Menschen so attraktiv? Wenn es eine wissenschaftliche Disziplin gibt, die Antworten auf derlei Fragen liefern kann, dann ist es die Psychoanalyse. Allerdings beruht die Theorie des autoritären Charakters auf einer kritischen Weiterentwicklung der Theorien Freuds. Dabei ging es den Theoretikern der sogenannten Frankfurter Schule maßgeblich darum, die ursprünglich allein am einzelnen Patienten interessierte Psychoanalyse auf ein gesellschaftstheoretisches Fundament zu stellen. Letzteres Grundverständnis war orientiert an Karl Marx, blickte also wie erwähnt zuallererst immer auf die ökonomischen Strukturen.
 
Anzeiger: Ist die Hervorbringung autoritärer Charaktere unzertrennlich mit unserem Wirtschaftssystem verbunden?
 
Diese Annahme liegt unseres Erachtens der Theorie des autoritären Charakters zugrunde: Die kapitalistische Produktionsweise betrifft die ihr unterworfenen Einzelnen nicht bloß unmittelbar äußerlich, sondern wirkt sich mittelbar auch auf ihre Psyche aus. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war diese Wirkung indes noch weitaus stärker über die bürgerliche Kleinfamilie vermittelt, als dies heute der Fall ist. Insbesondere der ökonomisch machtlose, in der eigenen Familie aber umso autoritärer auftretende Vater gehört im Großen und Ganzen eher der Vergangenheit an.
Manche ziehen aus der Liberalisierung der Erziehung nun den Schluss, dass die Theorie nicht mehr aktuell sein könne. Andere meinen, es habe sich lediglich die Art und Weise der Vermittlung zwischen den Zumutungen der Produktion und der Psyche der Einzelnen verändert. Sicherlich ist der autoritäre Charakter kein Phänomen für die Ewigkeit und sicherlich haben sich seine Entstehungsweise und Ausprägung über die Jahrzehnte verändert. Wenn es ihn aber gab und gibt, dann nur solange die Menschen nicht selbstbewusst über ihre gesellschaftliche Produktionsweise bestimmen.
 
Anzeiger: Hängen autoritäre Charaktere einer bestimmten Ideologie an bzw. kann man auch Antirassist oder „Fridays-for-Future“-Aktivist und zugleich autoritär sein?
 
Die Theorie über die autoritätsgebundene Persönlichkeit ist unter anderem deshalb so interessant, weil sie das Erfassen und Erklären autoritärer Einstellungen quer durch alle politischen Lager ermöglicht. Sie hilft zum Beispiel zu verstehen, warum Juden- und Israelfeindlichkeit nicht nur bei Rechten, sondern auch bei Linken, Islamisten und ganz in der „Mitte“ der Gesellschaft zu finden ist. Das lässt sich natürlich auf unterschiedlichste politische und gesellschaftliche Bewegungen übertragen: Die Selbstbezeichnung „progressiv“ muss keinesfalls zwingend mit dem entsprechenden Inhalt einhergehen. Gleichzeitig lässt sich etwa der teils offene Antisemitismus der „Corona-Rebellen“ in dieser Form sicherlich nur spärlich bei antirassistischen oder grünen Protesten in Deutschland finden. Allerdings liegt Autoritätsgebundenheit ja auch nicht immer offen zutage, sodass die Forschung bei „progressiven“ Bewegungen eher auf latente Autoritätsstrukturen abzielen müsste. Hierbei zeigt sich bereits, dass der Begriff „autoritärer Charakter“ nicht wahllos auf alles und jeden angewendet werden kann, sondern die Theorie vor allem ein begriffliches Instrumentarium zur weiterführenden Erforschung von Autoritarismus bietet.
 
Anzeiger: Der Band beginnt mit einem Vorwort des American Jewish Committe Berlin. Das American Jewish Comittee (AJC) war 1944 sowohl finanziell wie inhaltlich an der Erarbeitung der „Studien zum autoritären Charakter“ beteiligt. An Ihrem Band heben die Vertreter des Komitees als besondere Leistung der Autor*innen hervor, dass sie Antisemitismus nicht als bloßes Vorurteil und ebenso nicht als eine Form von Rassismus begreifen. Was ist Antisemitismus also, wenn er kein Vorurteil ist, und was unterscheidet ihn vom Rassismus?
 
Im Gegensatz zum Rassismus zielt der Antisemitismus letztlich auf die Vernichtung aller imaginierten Feinde ab. Während im Rassismus die abgewertete Gruppe als minderwertig gesehen wird, gelten Juden im Antisemitismus als übermächtig. Daher rührt auch die Überschneidung von Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Juden waren im völkischen Antisemitismus der Nationalsozialisten nicht bloß eine andere Rasse, sondern der Feind aller Völker und Rassen. Und so ist auch Israel im israelbezogenen Antisemitismus nicht bloß ein Staat unter vielen, sondern ein „künstlicher“ Staat, ein Störenfried unter den Staaten, der von der Landkarte getilgt werden muss. Auch der Rassismus trägt genozidale Momente in sich, fungiert allerdings nicht in gleicher Weise als allumfassende Welterklärung.
 
Anzeiger: In demselben Text steht, dass sich das AJC wie das IfS von den Studien zum autoritären Charakter Hinweise für die praktische Bekämpfung des Antisemitismus erhoffte und sie als einen Betrag zur Reeducation der nationalsozialistischen Deutschen sah. Was erhoffen Sie sich von Ihrem Band bzw. welchen Beitrag wollen Sie mit ihm leisten?
 
Nur wer Phänomene wie Autoritarismus und Antisemitismus, Faschismus und Populismus oder Rassismus und Sexismus richtig versteht, kann sie auch wirkungsvoll bekämpfen. Der Band soll einen Beitrag zum richtigen Verständnis leisten. Anknüpfend an dieses Verständnis können dann Strategien zur Bekämpfung entwickelt werden. Insofern hängen die adäquate theoretische Erfassung der Phänomene und ihre effektive praktische Bekämpfung untrennbar zusammen.
 Das Buch „Konformistische Rebellen“ ist im Verbrecher Verlag (24 Euro) erschienen. Niklas Wünsch und Andreas Stahl studieren an der Uni Oldenburg. Stahl hat im ANZEIGER den Gastkommentar „Von der Ohnmacht nicht irre machen lassen“ verfasst. Hier gehts zum Buch


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