Benjamin Moldenhauer

Versuch, reale Monster zu verstehen

Guillermo del Toros Film von den Erfahrungspotenzialen des fantastischen Horror und kindlichen Bearbeitungsweisen realen Grauens, erklärt Benjamin Moldenhauer in seiner Besprechung.

Ein reales Monster: Vater und Falangisten-Hauptmann Vidal und seine vor ihm in Schrecken lebende Tochter Ofelia.

Ein reales Monster: Vater und Falangisten-Hauptmann Vidal und seine vor ihm in Schrecken lebende Tochter Ofelia.

Bild: Senator

Jedes Genre ermöglicht es einem, sich die Welt durch den Geist seiner Filme zu erschließen. Horror ist in dieser Hinsicht ein ungemein wertvolles Genre. Nirgendwo sonst im Genrekino werden die Schrecken, die die Welt der Erwachsenen für einen bereithält, unermüdlicher erzählt. Pans Labyrinth erzählt von einem Kind, das auf diese Schrecken reagiert, indem es die Nähe zu fantastischen Wesen sucht. Guillermo del Toros Film erzählt damit auch von den Erfahrungspotenzialen des fantastischen Horrors für die, die sich auf seine Bilder einlassen.

Seine Heldin ist die elfjährige Ofelia (Ivana Baquero), die in eine fantastische Welt eintaucht, um den Horror der realen zu bewältigen. Die schönere Zeit ihres kurzen Lebens verbringt Ofelia in einer literarisch inspirierten Fantasiewelt, die von Feen, einer überdimensionierten Schildkröte, einem Mann mit augenlosem Gesicht und einem Faun bevölkert ist.

Zwei Lesarten

Die Realität der Erwachsenen ist in Pans‘s Labyrinth die Wirklichkeit des spanischen Faschismus, und so sehr sich die durchaus furchteinflößenden Monster auch anstrengen, es will ihnen nicht gelingen, in Sachen Grausamkeit mit ihrer Gewalt mitzuhalten. Sie, die Gewalt, bricht immer wieder willkürlich über die Menschen herein. Ihr Subjekt ist vor allem Ofelias Stiefvater, der Falangisten-Hauptmann Vidal (Sergi López). Ihr Objekt ist potenziell alles, was in seine Schlagweite gerät.

Die fantastischen Welten, in die Ofelia eintaucht, korrespondieren mit diesen Schrecken. Das Mädchen sieht sich als eine aus ihrer Welt verbannte Prinzessin, die in der Welt der Menschen eine Reihe von Prüfungen bestehen muss, um zurückkehren zu dürfen. Pans Labyrinth bietet zwei Lesarten an, eine, die der Logik des Kindes entspricht, und eine traurige, erwachsene. Aus der Perspektive des Kindes, das sich retten muss: Das Mädchen ist eine Prinzessin, deren Vater und Mutter in ihrem früheren Königreich auf sie warten. Aus der Perspektive des diagnostisch ruminterpretierenden Erwachsenen: Das Mädchen imaginiert sich als eine verbannte Prinzessin, deren Vater und Mutter in ihrem Königreich auf sie warten.

Fantastisch reale Welt

Der Film entscheidet sich nicht eindeutig für eine der beiden Möglichkeiten, sondern überlässt die Entscheidung dem Zuschauer.

Um in ihr Königreich zurückzugelangen, muss Ofelia drei von einem Faun gestellte Prüfungen bestehen. Ofelia ist eine Leserin, der Film verankert die Prinzessinnenerzählung in einem von ihr geliebten Buch. Dessen Buchstaben werden lebendig, später, kurz vor dem Tod von Ofelias Mutter (Ariadna Gil), die nach der Geburt von Vidals Sohn im Kindbett stirbt, laufen die Seiten voll mit Blut. Der voice over, der von einer fetten Kröte erzählt, die in einem alten Baum haust und dem Wald das Leben aussaugt, wird über Bilder von durch den Wald reitenden Soldaten gelegt. Und der kinderfressende, bleiche Mann, der seine Augen nicht im Gesicht, sondern in seinen Händen trägt, ist das zur Kenntlichkeit entstellte Alter Ego Vidals, der in einer vorangegangenen Szene ebenfalls vor einem reich gedeckten Tisch sitzt. Die fantastische Parallelwelt nimmt reale Geschehnisse auf und verwandelt sie.

Monster bannen den Schrecken

Die Wirklichkeit der Erwachsenen ist machtvoller als die der Kinder. Bis kurz vor dem traurigen Ende fungiert die fantastische Wirklichkeit als eine Art Rettungsanker in einer Umgebung, in der es nicht mehr möglich ist, die Kinder vor der Gewalt zu schützen. Man bekommt in ihr Prüfungen gestellt, die durch Mut und Aufrichtigkeit zu bestehen sind. Sie hat, trotz all ihrer Monstrosität, eine Struktur. Das ist der grundlegende Unterschied zur Wirklichkeit, in der Ofelia leben muss.

Indem Pans Labyrinth den märchenhaften Schrecken mit dem Horror der realen, drastisch inszenierten Gewalt konfrontiert, erzählt er von den Erfahrungspotenzialen des fantastischen Horrors und seinen Versprechen. Die reale Grausamkeit der Welt wird verkleidet und erzählbar, es gibt feste Topoi, etablierte Figuren und wiedererkennbare narrative Verläufe, man kann sich orientieren, egal wie schlimm die Bilder sein mögen. Die Monster halten den realen Schrecken vorübergehend auf Abstand und machen ihn verarbeitbar, indem sie ihn verkörpern und ihn zugleich, als phantastische Wesen, distanzieren.

Man sieht in Pans Labyrinth also einer Fantasy-Rezipientin bei ihrer Fantasietätigkeit zu; dabei, wie sie ihre eine reale und eine fantastische Welt zueinander in Bezug setzt. Der Welt, in der man leben muss, wird eine Bedeutung gegeben, auf deren Basis man sie sich erschließen und in ihr leben kann. Der fantastische Horror antwortet auf eine Not. Für Ofelia schafft er eine symbolische Ordnung in einer Welt, die von Gewalt bestimmt ist. Das ist der Schlüssel zu nahezu allen ihre Monster sehr liebenden Filmen del Toros. Sie alle versuchen, den kindlichen Blick auf die Welt wiederzuerwecken, der die Welt der Erwachsenen, ihre Geheimnisse und die sie bevölkernden Monster zu verstehen versucht.

 

Pan‘s Labyrinth wird am 6. Oktober im Central-Theater Osterholz-Scharmbeck (19.45 Uhr) und im


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