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Jörg Monsees

Sportbegeistert seit 1924

TSV Wallhöfen feiert 100-jähriges Jubiläum

Wallhöfen (red). Am 20. Januar 2024 wird der TSV Wallhöfen 100 Jahre alt. Der Verein mit fast 900 Mitgliedern bietet heute viele Möglichkeiten, gemeinsam Sport zu treiben. Der Blick zurück zeigt, was aus Freude am Sport, Zusammenhalt und Gemeinsinn entstehen konnte.

Die Initiative zur Gründung des TV Wallhäfen - zunächst als reiner Turnverein - ging von Nikolaus und Hinrich von Glahn und Johann Gerken aus. Bei Petroleumlicht gab Lehrer Ropeter in Hausschuhen die ersten Turnstunden an selbst gefertigten Turngeräten auf dem Saal der Gaststätte Jacobs. Die Gaststätte ist heute noch baulich kaum verändert und stark in die Jahre gekommen am Ortsausgang zu sehen. Zu Beginn wurde die Teilnahme an den Übungen noch gründlich dokumentert: Im ersten Jahr sind 36 Männer namentlich aufgeführt. Die Liste der Turnerinnen liegt nicht vor, allerdings wurde die Anzahl der Teilnehmerinnen notiert. Beim Treffen am 17. September 1924 nahmen 29 Herren, 18 Jugendliche und zwölf Damen teil - eine beachtliche Anzahl, da damals die Einwohnerzahl der selbstständigen Gemeinde Wallhöfen deutlich geringer war als heute. Aus einem alten Kassenbuch, das der Verein bis heute besitzt, geht außerdem hervor, dass es im Gründungsjahr bereits ein Sommerfest und eine Werbeveranstaltung gab. Mit dem Erlös wurden unter anderem Magnesium, Holz sowie Trommeln und Pfeifen gekauft.

Neue Abteilungen und Nazi-Zeit

Zwei Jahre nach der Gründung entstand eine Faust- und Fußballabteilung. Im Sommer spielte man auf einen mit Lehm gehärteten Sportplatz Faustball, in den Wintermonaten stand Fußball auf dem Programm. Die Abteilung erfreute sich großer Beliebtheit. 1932 bot der Verein im Faustball zwei Herren- und eine Jugendmannschaft auf, die Fußballer traten mit einer Herren- und einer Jugendmannschaft an. 1933 gründete sich dann die erste Frauenfaustballmannschaft. Es gab keinen Ligabetrieb. Alle sportlichen Auseinandersetzungen trug man freundschaftlich aus. Die gastgebende Mannschaft stellte den Schiedsrichter - Otto Thiele erledigte für die Wallhöfener lange Zeit die Aufgabe.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden die Vereine schnell gleichgeschaltet - allen voran der Deutsche Turnerbund, dessen enge Verbindung zu den Nazis gut dokumentiert ist. Das Führerprinzip wurde auch auf den Sport übertragen. Statt Vereinspräsidenten gab es nun Vereinsführer. Widerstand seitens der Vereine war kaum zu erwarten. Einerseits galt seit Urzeiten das Motto, Politik habe im Sport nichts zu suchen, andererseits gab es in den Vereinsführungen Menschen, die Hitler gewählt hatten.

Die Vereinsarbeit und der Sportbetrieb wurden in Wallhöfen zunächst fortgesetzt - bis 1939 alle sportlichen Aktivitäten auf die Unterstützung des Krieges ausgerichtet wurden. Bis auf eine Einladung zum Gruppenturnfest am 25. Mai 1933, die mit nationalsozialistischen Parolen durchsetzt ist, existieren kaum Dokumente aus der Zeit des Dritten Reichs - vermutlich wurden sie vernichtet. Ein Foto, vermutlich von der selben Veranstaltung, zeigt einen Aufmarsch des TV Wallhöfen mit SA-Männern.

Aus dem Turnverein wird der TSV

Nach dem Zweiten Weltkrieg - einige Männer aus dem Verein waren eingezogen worden und mussten ihr Leben lassen - bekam der TV Wallhöfen einen neuen Namen. Seit März 1946 heißt er nun „Turn- und Sportverein Wallhöfen“. Diese Namensänderung war überfällig - es wurde schon lange nicht mehr ausschließlich geturnt. Faustball und Handball gehörten bereits zum festen Inventar und man wollte sich so auch für weitere, moderne Sportarten öffnen.

So wurde 1950 der Fußballclub Wallhöfen, der sich ein Jahr zuvor gegründet hatte, als Sparte in den TSV aufgenommen. Das erste Spiel fand im Juni 1950 statt. Die Fußballer siegten mit 1:0 gegen Blau-Weiß Bornreihe. Handball wurde bereits vor dem Krieg gespielt - etwa 20 Frauen gründeten gegen Ende der 40er-Jahre unter dem Banner des TSV Wallhöfen wieder eine Mannschaft. Überliefert ist eine Begegnung gegen Worpswede in Neu-Helgoland. In Viehspecken startete man mit Torfkähnen und guten Mutes. Die Wallhöfenerinnen mussten sich dann mit 0:23 geschlagen geben. Man munkelt, dieses Ereignis habe dazu beigetragen, dass sich die letzten verbliebenen Handball-Männer dem Fußball zuwendeten.

TSV belebte Traditionfeste wieder

Geselligkeit und Sport gehören auch in Wallhöfen zusammen. So ist es keine Überraschung, dass der TSV die Geschichte der Erntefeste mit geprägt hat. Von 1950 bis 1953 wurde das Wallhöfener Erntefest vom Verein ausgerichtet. Ewald Bielefeld, Spartenleiter des TSV Wallhöfen und Gastwirt der Gaststätte Mühlenberg, richtete im August 1950 das erste Erntefest nach dem Krieg auf dem Mühlenberg aus. Da das Fest ein gutes Geschäft für alle ortsansässigen Gastwirte darstellte, gab es in der Folgezeit Streitigkeiten über den Austragungsort. 1952 fand das Fest bei der Gaststätte Jacobs statt, der Festplatz befand sich auf dem Hof Puckhaber. Um die Streitigkeiten fair zu lösen, gründete man 1954 ein Erntefestkomitee, das bis heute besteht. Das Komitee beschloss eine Wechselregelung - jede Gaststätte sollte zum Zuge kommen. Weil nur der Schützenhof genügend Platz für das immer umfangreichere Fest anbieten konnte, wird das Erntefest seit 1957 dort ausgerichtet.

Das wichtigste Bauprojekt

Im gleichen Jahr wechselte das Vereinslokal von Jacobs zu Büggel. Der Umzug brachte auch einen neuen Sportplatz mit sich: Die Wiese hinter dem neuen Saal war schon vom Nachbarverein SV Bornreihe hergerichtet und bespielt worden. Es wurde lediglich eine Sprunggrube für Leichtathletik und eine Trainingsflutlichtanlage hinzugefügt. Die Benutzung des Platzes erfolgt durch zwei Gruppen: Am Wochenende durch die Fußballer und an den übrigen Wochentagen durch die Kühe des Vereinswirtes. Der Platzwart Peter Woitzik hatte seine liebe Not, die schaften der Kühe rechtzeitig vor den Spielen zu beseitigen.

1969 begann dann der Bau des Waldstadions, wo der TSV Wallhöfen bis heute zuhause ist. Der Bau war eine Mammutaufgabe. Planung und Umsetzung dauerten sechs Jahre, erforderten außerordentliche Tatkraft, Mut und viel Schweiß. Über 4.000 freiwillige Arbeitsstunden leisteten Vereinsmitglieder, schweres Gerät der Bundeswehr kam zur Unterstützung. Bei den Erdarbeiten legte man urgeschichtliche Gräber frei. Man unterbrach die Arbeiten und unterstützte die Denkmalschützer bei der Bergung der sensationellen Funde. Im Mai 1974 war es endlich soweit. Das Ergebnis der Gemeinschaftsarbeit kann sich sehen lassen: Zwei große Sportplätze, Laufbahnen, eine Rodelbahn, Umkleidekabinen, eine Mehrzweckhalle und eine hochmoderne Schießanlage werden nun schon seit 50 Jahren intensiv genutzt.

Badminton, Tennis, Rhönrad

Das sportliche Angebot wurde in den folgenden Jahren erweitert. 1975 eroberte Badminton den Ort - über 100 Mitglieder konnte die neue Sparte schon bald verzeichnen. 1980 kamen 43 Tennisbegeisterte zusammen, um sich unter dem Banner des TSV Wallhöfen zusammenzuschließen. Boris Becker und Steffi Graf begeisterten ganz Deutschland und der Tennissport boomte auch in Wallhöfen. 1987 nahmen sechs Mannschaften am Punktspielbetrieb teil und erreichten zwei Staffelmeisterschaften.

Eine weitere Erfolgsgeschichte begann im Jahr 1983, als die Übungsleiterinnen Dörte Sancken und Heike Koch von einem Lehrgang die Idee des Rhönradturnens mit nach Wallhöfen brachten. Der kleine Ort entwickelt sich zu einer Hochburg im Norden. Keine Veranstaltung kommt ohne eine Darbietung der Turner und Turnerinnen um Hartmut Sancken aus. Die Rhönräder drehen sich bis heute beim TSV.

Frauenfußball seit 1990

1990 begann die Geschichte des Frauenfußballs in Wallhöfen. 25 Sportlerinnen trafen sich zum ersten Training. Anfangs lief es holprig, doch über die Jahre wurden die Wallhöfener Fußballerinnen zur erfolgreichsten Damenmannschaft im Landkreis. Das erste Double schaffte das Team im Juni 1998.

Obwohl um die Jahrtausendwende die Frauenteams erfolgreicher waren als die Herrenteams, blieb die Wahrnehmung im von Männern dominierten Sport eine andere. Anders als bei den Herren war der Platz nicht immer gut vorbereitet, das Zuschauerinteresse blieb mäßig und der bei der Herrenmannschaft übliche Getränkeausschank mit Grillwurst fand nicht statt. Das sollte sich ändern: Bei der Jubiläumsfeier 10 Jahre Frauenfußball am 25. November 2000 überraschte das Frauenteam mit einem denkwürdigen Auftritt. Gemeinsam stimmten die Frauen mit dem Protestsong „Wir wollen Bratwurst“ an und hatten erkennbaren Erfolg.

Vereinsheim in Flammen

Einen Schock erlitten die Vereinsmitglieder im Mai 2003: Das Vereinsheim brannte bis auf die Grundmauern nieder. Der damalige Vorsitzende Wilfried Jokisch hörte das Heulen der Sirenen und war dabei, als die Feuerwehr mit einem Großaufgebot vergeblich versuchte, das Gebäude zu retten. Jokisch war es auch, der sich schnell wieder aufraffte und sich als gelernter Architekt Gedanken um einen Neubau machte. Nur ein Jahr dauerte es, bis das neue Heim, um das der Verein heute durchaus beneidet wird, eingeweiht werden konnte. Möglich machten das viele Spenden, finanzielle Unterstützung der Gemeinde Vollersode und nicht zuletzt der ehrenamtliche Einsatz der vielen Handwerker im Verein, die sich gemeinsam mit den beauftragten Firmen an die Arbeit machten.

Die modernen Räumlichkeiten braucht der TSV auch, denn der Sportverein hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Zertifizierte Gesundheitskurse, Lauftreff, Leichtathletik sowie Jugendfußball, 1. und 2. Herrenmannschaften machen eine Koordinierung in den Räumen des Vereinsheims zwingend erforderlich. Es finden immer wieder neue Sportarten Platz im Angebot des TSV. So wurde 2021 eine neue Boule-Anlage gebaut, die es ermöglicht, Liga-Spiele in Wallhöfen auszutragen. Zu den jüngeren Sparten gehört auch das Dart-Angebot. Die „Steelers“ nehmen an Turnieren in der Region teil, legen aber auch großen Wert auf die Gemeinschaft.


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