Seitenlogo
bmo

Spannend, wunderschön & analytisch

Benjamin Moldenhauer hat sich in diesem Jahr mehrere Filme angeschaut und davon die fünf besten aus dem Jahr 2023 rausgesucht, die man gesehen haben sollte

Dave Batista, Abby Quinn und Nikki Amuka-Bird im Film „Knock at the Cabin.

Dave Batista, Abby Quinn und Nikki Amuka-Bird im Film „Knock at the Cabin.

Knock at the Cabin

 

Eine Hütte im Wald, eine Kleinfamilie in den Ferien, dann kommen die Psychopathen, brechen die Tür auf und beginnen damit, Eltern und Tochter zu traktieren. Aus dieser im Horrorfilm hundertfach genutzten Prämisse hat Regisseur M. Night Shyamalan einen seiner besten Filme gemacht. Was zumindest auf der Ebene des Drehbuchs auch keine große Kunst ist, mit der Romanvorlage von Paul G. Tremblay im Rücken kann man auch nicht viel versemmeln. Die Angreifer sehen sich als Kämpfer gegen die drohende Apokalypse. Ein Opfer muss erbracht werden. Die Eltern sollen entscheiden, wer von den dreien sterben und geopfert werden soll, nur so könne der Weltuntergang abgewendet werden. Zuerst erleben die beiden den Überfall als homophobes Hassverbrechen. Als dann aber der Fernseher von Tsunamis, Seuchen und abstürzenden Flugzeugen berichtet, kommen Zweifel auf. Die Frage, die „Knock at the Cabin“ formuliert, ist nicht, wer wem die nächste Kniescheibe zertrümmert, sondern ob der Film selbst sich am Ende auf die Seite der Apokalyptiker oder der Agnostiker schlägt. Und sauspannend ist er außerdem.

 

The Five Devils

 

Die achtjährige Vicky lebt zusammen mit ihrer Mutter Joanne und dem neben der Familie eher halb beteiligt herlaufenden Vater Jimmy in dem titelgebenden Ort Les Cinq Diables (The Five Devils). Vicky wird an der Schule gemobbt, wegen ihres Afros und vielleicht auch einfach, weil ihr Vater Schwarz und ihre Mutter weiß ist. Außerdem verhält das Mädchen sich wunderlich. Vicky kann Gerüche reproduzieren, die sie dann in Gläsern aufbewahrt. Den ihrer Mutter zum Beispiel. Das fällt ihren Mitschüler:innen auf, und wer seltsam ist, muss leiden. Die Atmosphäre, die Regisseurin Léa Mysius in der Konstruktion dieses zugleich erdrückend kleinbürgerlichen wie auch mystisch-offenen Ortes erzeugt, trägt einen durch den Film. Das Traumhafte verleiht diesen Bildern etwas seltsam Flüchtiges. „The Five Devils“ erzählt seine Geschichte nicht in einem gradlinigen Plotverlauf, sondern in ausfransenden Szenen. Das zentrale Ereignis und die zentrale Beziehung in der Jugend Joannes klären sich erst am Ende auf. Der Blick des Kindes auf die Vergangenheit der Mutter enthüllt die Versäumnisse und das Unglück der Eltern. Ein wunderschöner, schwermütiger Film.

 

Unruh

 

Weitgehend unbemerkt geblieben ist der Film „Unruh“ des Schweizer Regisseurs Cyril Schäublin. Der Film spiel in einem Schweizer Tal im Jahre 1877, die anarchistische Bewegung entsteht. Vor allem aber handelt er von Zeit. Konservatismus und Anarchismus stehen einander gegenüber in einer Welt, in der verschiedene Zeitmessungen nebeneinander stehen, die amtliche Zeit, die Fabrikzeit und noch weitere. Vielleicht ist es das, was an diesem Film, der zuerst vielleicht wirken mag wie ein filmisches kopflastiges Experiment, sehr berührt: „Unruh“ zeigt Bilder einer Welt, in der die Entscheidung für eine vor allem anderen marktförmig organisierte Gesellschaft noch nicht unwiderruflich gefallen ist. Was Zeit ist, wie Arbeit organisiert werden soll, das ist hier noch offen. „Unruh“ ist ein analytischer Film, der mit einer bezaubernden Leichtigkeit sowohl die oft bleierne Schwere des politischen engagierten Essayfilms wie auch die Flunkereien und Suggestionen des Erzählkinos umschifft. Und damit wie nebenbei einen wirklich neuen, bislang ungekannten Ton findet.

 

The Quiet Girl

 

Irland, Anfang der Achtzigerjahre. Die Mutter der neunjährigen Cáit bekommt ein weiteres Kind, und ohne, dass Cáit groß über die Gründe informiert würde, muss das Mädchen den Sommer auf dem Land bei Eibhlín Cinnsealach, der Cousine ihrer Mutter, verbringen. Sie und ihr Mann sind kinderlos und nehmen Cáit bei sich auf. Dort entdeckt sie ein sehr trauriges Geheimnis, dann geht es wieder zurück. Die Kamerafrau Kate McCullough findet für diesen irischen Sommer sagenhaft schöne Naturbilder, die aber, wieder, nichts Großes oder gar Erhabenes haben, sondern einfach und klar wirken. In der Welt, in der Cáit einen entscheidenden Sommer verbringen darf, finden sich Bilder des Glücks, und trotzdem ist sie keine Idylle. Eibhlín und ihr Mann bringen ihren eigenen Schmerz mit. Die Rückkehr in die Herkunftsfamilie ist umso bedrückender. Aber sie ist in „The Quiet Girl“ verbunden mit der Andeutung und also auch der Hoffnung, dass Cáit etwas mit hinübernehmen kann.

 

Infinity Pool

 

Brandon Cronenbergs „Infinity Pool“ beginnt wie ein Film über die erlahmte Ehe zweier Wohlstandsverwahrloster, James und Em, die gerade noch wach genug sind, um die Widersprüche und Falschheit ihres Urlaubsortes wie auch des eigenen Lebens zu erkennen, aber zu schwach, um irgendwas zu ändern. Dann die Katastrophe: James überfährt einen Einheimischen, aber entgeht dem Knast. Die Regierung des Landes La Tolqa hat mit den Herkunftsstaaten der Touristen was eingedealt. Straftäter aus dem Westen werden nicht weggesperrt oder umgebracht, sondern geklont. Und der Klon wird dann hingerichtet, vor den Augen des Beschuldigten - Fall erledigt. Ab der Verhaftung hebt „Infinity Pool“ ab und will den Boden auch nicht mehr wiederfinden. James (oder sein Klon) wird Teil einer dekadenten Gruppe von Touristen, die amoralisch durchs Land marodieren, im Wissen darum, dass ihnen außer einer weiteren Verdoppelung plus Hinrichtung des Doppelgängers nichts geschehen kann. „Infinity Pool“ steht in einer jüngeren Reihe von Filmen und Serien wie „Triangle of Sadness“, „The White Lotus“ oder „The Menu“, die pathologisch anmutenden Luxus zum Ausgangspunkt für ein zur Kenntlichkeit entstelltes Bild von Gesellschaft nehmen.


UNTERNEHMEN DER REGION