Anna-Sophie Schönfelder

Ruth Klüger ist tot - ein Nachruf

Die Literaturwissenschaftlerin und Lyrikerin schrieb unter anderem über Frauenverachtung und Antisemitismus

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Ruth Klüger schrieb über Frauenverachtung und Antisemitismus

Ruth Klüger schrieb über Frauenverachtung und Antisemitismus

Foto: Das Baleue Sofa/Club Bertelsmann

Die Literaturwissenschaftlerin und Lyrikerin Ruth Klüger ist in der Nacht zum 6. Oktober gestorben. Sie hinterließ ein lesenswertes Werk. Über Kalifornien, wo sie Professorin für Germanistik war, schrieb sie: „Zu Hause bin ich hier nicht, ebenso wenig wie anderswo, aber hier zu leben hat etwas Selbstverständliches.“
Nüchternheit und Lakonie sind typisch für ihr Werk. Sentimentalität war ihr ein Graus und eine ‚Botschaft‘ hatte sie auch nicht, wenn sie über deutsche Literatur, Frauenverachtung oder Antisemitismus schrieb. Nur die Erwartung, dass über diese Themen mit mehr Aufrichtigkeit diskutiert werde. Zu viel rede man über die Betroffenen hinweg. Zu wenig nehme man sie ernst.
Das nirgendwo zu Hause-Sein hatte schon mit dem erstarkenden Antisemitismus in Wien begonnen. Klüger wurde 1931 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren. Mit elf Jahren wurde sie mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, von dort nach Auschwitz, schließlich in das Lager Christianstadt. Auf einem Todesmarsch gelang beiden die Flucht. Sie konnten 1947 nach New York auswandern.
Das Erinnern von Gedichten und Setzen eigener Verse hatten Klüger in den Lagern Halt gegeben. In ihrem Werk setzt sie sich wiederkehrend gegen Versuche ein, die den Nationalsozialismus aus einer primitiven Veranlagung des Menschen erklären wollen: Feigheit oder die Versuchung zum Bösen seien zwar normale menschliche Impulse, doch hätten Menschen ebenso die Freiheit, „es sich immer, zu jeder Zeit, anders zu überlegen“.
Stets unterstrich sie die Verantwortung eines Autors für die Gestaltung von Figur und Handlung. Beim Entwurf eines jüdischen Bösewichts oder Taugenichts dürfe die reale Abneigung gegen Juden nicht ignoriert werden.
Nach wechselnden Stellen an US-amerikanischen Universitäten wurde Klüger ab 1988 ständige Gastprofessorin in Göttingen, und schließlich auch für kurze Zeit in Wien. In der Arbeit an der deutschen Literatur fand sie ein Zuhause, an den Orten ihrer Muttersprache nie.


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