Benjamin Moldenhauer

Rezension: "Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung"

Richard Schuberth liefert eine entspannte, humorvolle Kritik der Identitätspolitik und ihrer Kritiker:innen.

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Nur wenige Dinge setzten Kommentarspalten auf Twitter oder Facebook so in Flammen wie Diskussionen über die sogenannte Identitätspolitik. Das gilt insbesondere, wenn der Streit um kulturelle Aneignung kreist. Der Vorwurf: Nach ein paar Jahrhunderten Kolonialgeschichte, in denen die Menschen des globalen Südens ausgebeutet und - wenn sie sich widersetzten - in Massen abgeschlachtet wurden, werde jetzt im Nachgang noch ihre Kultur zur Ware gemacht.

Zwei aufgeregte Fraktionen

Wer sich in die Debatte begibt, bekommt es mit zwei aufgeregten Fraktionen zu tun. Die Kritiker:innen der Identitätspolitik, die als Stimmen von Liberalität, Toleranz und Freiheit wahrgenommen werden wollen, agieren mitunter noch ideologischer als die Gegenseite. Und sie produzieren auch gerne mal Fake News: Nach wie vor sind viele fest davon überzeugt, die Bücher von Karl May seien mitsamt den Verfilmungen verboten worden. Der eigentliche Vorgang – ein Verlag zieht nach Kritik ein Buch zum neuen „Winnetou“-Film zurück – war ungleich banaler.

Wie soll man sich zu all dem verhalten, wenn man weder Lust auf identitäre Verhärtungen noch auf die selbstgefällige Kritik an der Identitätspolitik hat? Der Band „Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung“ des österreichischen Schriftstellers und Satirikers Richard Schuberth wirkt hier ungemein klärend. Die in den letzten Jahren entstandenen Beiträge – Kritiken, Glossen, Interviews, Radiotexte, Aphorismen, Facebook-Postings, dazu noch Cartoons und Bildcollagendazu – nehmen beide Seiten kritisch auseinander.

Die Identitätspolitik krankt demnach daran, dass sie Ungleichheit und Diskriminierung zu Fragen der Moral und zum Beispiel Rassismus zu einer essenziellen Eigenschaft des weißen Mannes erklärt. Geschichte wird dann, kritisiert Schuberth, nicht mehr analysiert, sondern nach Gut und Böse sortiert. Alles wird „nach bösen Haltungen abgescannt“. Widersprüche und Ambivalenzen würden im identitätspolitischen Denken nicht mehr begriffen, sondern sollen sozusagen ungeschehen gemacht werden – durch die richtige Haltung heute.

Die Kritiker:innen der Identitätspolitik kommen bei Schuberth allerdings noch schlechter weg. Die nämlich würden sich den Gegner so zurechtstutzen, wie sie ihn brauchen, wenn zum Beispiel – siehe das Beispiel „Winnetou“ – eine allmächtige Zensorenfront mit großer medialer Macht herbeigeredet wird, gegen die man sich als heldenhafter Liberaler zur Wehr setzen müsste.

Damit aber werden die berechtigten Anliegen der Identitätspolitik – Anti-Rassismus, Feminismus, Kritik an Ungleichheit – gleich mit verabschiedet. Diese Anliegen gilt es laut Schuberth zu bewahren, aber eben ohne, dass eine kollektive Identität die Instanz sein muss, auf die man sich beruft. Denn das identitäre Denken ist nach Schuberth prinzipiell reaktionär, weil es Menschen in Kollektiven vereinheitlicht. „Freiheit heißt, dass einer viele werden kann, nicht viele einer.“

 

Alle baden in der selben Suppe

 

Alles das entwickelt Richard Schuberth nicht in abstrakten Thesentexten, sondern mit reichlich Humor und bösem Witz an den Gegenständen, die er sich vornimmt. Zum Beispiel in einer fulminanten Analyse der Komödie „Der Partyschreck“, die, obwohl schon 1968 erschienen, für Peter Sellers Darstellung eines unbeholfenen Inders in Hollywood scharf kritisiert worden ist. „Kulturelle Aneignung“ heißt in diesem Fall: britischer Schauspieler macht sich über Kolonisierte lustig. Schuberth schaut genauer hin: „Alle Charaktere sind Karikaturen ihrer gesellschaftlichen Rollen; der Inder bloß die menschlichste und sympathischste, noch dazu mit dem dramaturgischen Geheimauftrag, die Karikaturhaftigkeit der anderen bloßzustellen.“

Am Ende des Films findet man ein Bild, in dem Schuberth ein utopisches Moment sieht, das die Identitätspolitik wie auch die Kritik von rechts hinter sich lässt, weil in ihm die Ungleichheit nicht abgemildert, sondern grundlegend aufgehoben worden ist: Alle Partygäste baden kulturen- und ständeübergreifend im selben Schaumbad. „Alles versinkt in diesem seinerzeit beliebten Symbol sinnlich-feuchter Entgrenzung (…). Und alle baden von nun an in derselben Suppe. So muss Identitätspolitik!“

Man muss nicht mit allen Thesen und Verknüpfungen einverstanden sein, die in „Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung“ formuliert werden, um dieses Buch mit Gewinn lesen zu können. Eine genauere, entspanntere und vielfältigere Kritik an der Identitätspolitik und ihren Kritiker:innen wird man zurzeit kaum finden.

„Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung“ ist im Drava Verlag erschienen. 452 Seiten, 21 Euro.


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