Alfons Volmer

Freiheit gibt es nicht geschenkt

Osterholz-Scharmbeck (avol). Zu seiner jüngsten Benefizveranstaltung holte der Lions Club Osterholz die Sozialwissenschaftlerin und beliebte Rednerin Annelie Keil ins Rathaus.

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Annelie Keil (83) kam zu einem Vortrag ins Rathaus.

Annelie Keil (83) kam zu einem Vortrag ins Rathaus.

120 Gäste waren der Einladung zu einer Benefizveranstaltung gefolgt und Gabriele von Lessel-Drettmann, Präsidentin des ausrichtenden Lion Clubs Osterholz, schickte in der Begrüßung voraus, dass es gelungen sei, durch verschiedene Aktionen über eine Million Euro für Menschen zur Verfügung zu stellen, denen der Staat nicht helfen kann oder möchte. Eine besondere Freude sei es ihr daher, Prof. Annelie Keil als Rednerin begrüßen zu dürfen, die sich ebenfalls sehr stark und vorbildlich in sozialen Bereichen engagiere.
Dann wurde der Rathaussaal bei Wind Nord-Ost plötzlich zur Startbahn Null-Drei und die Zuhörer:innen fanden sich nostalgisch lächelnd und innerlich leise mitsingend über den Wolken wieder, wo die Freiheit bekanntlich wohl grenzenlos sei. Wer sich nun jedoch genüsslich zurücklehnen wollte, war im falschen Film, denn nachdem Reinhard Mey ausgesäuselt hatte, enterte eine vitale 83-Jährige das Rednerpult, erklärte kurz und krass, dass und inwiefern sie schon von Kindheit an vom Schicksal nicht gerade verwöhnt worden sei. Dem Auditorium wurde schnell klar, dass es weder um eine weichgespült-plätschernde Lesung noch eine trocken-wissenschaftliche Abhandlung gehen würde.
 
Milliardäre sollen im Weltraum bleiben
 
Hier wurde dann auch tatsächlich trotz des Sträußchens auf dem Tisch nichts durch die Blume gesagt und - als ob der Name Programm wäre - so manches Tabu aufgebrochen. Keil sprach noch kurz die eindeutig in Unterzahl anwesenden Männer als Pioniere an und kam sofort zum Thema: Freiheit, die wir meinen, Bindung, die wir brauchen, biografische Herausforderungen (der Friedfertigkeit) im Wandel der Lebenszeit: „ Mit der Freiheit unter den Wolken sieht es ja nicht ganz so gut aus. Unser Anfang und Ende sind nämlich nicht von Freiheit, sondern Abhängigkeiten bestimmt und zwischendurch gibt es dann auch noch Kriege und Pandemien, die unsere Freiheit massiv bedrohen und uns nachhaltig in der Entwicklung hemmen.“ Manche strebten an, wenn sie schon nicht selbstbestimmt zur Welt gekommen sind, diese zumindest so verlassen zu wollen. „Aber haben sie denn überhaupt selbstbestimmt gelebt? Und was ist, wenn ein alter Mensch erneut die Pubertät durchläuft, ohne es selbst zu bemerken oder sogar wieder Windeln tragen muss?“
„Jeder muss für sich selbst seinen Freiheitsdurst ermessen und zu stillen versuchen, geschenkt wird die Freiheit niemandem. Freiheit, die ich meine, ist nicht unbedingt auch Deine“, sinnierte Keil. Von den innovativen Milliardären, die gerade ihre Freiheit im Weltraum auslebten, wünsche sie sich übrigens, dass diese am besten gleich oben blieben und als Quartiermeister für die irgendwann nachfolgende Menschheit fungierten. „Aber frei ist nicht, wer am meisten hat, sondern am wenigsten braucht.“
 
Altern will gelernt sein
 
Bindungen, die wir brauchen - auch diese wollten von uns abgewogen werden und Experimente - die natürlich schiefgehen können - seien dabei unerlässlich, meinte die Rednerin. Dazu zitierte sie in lockerer Folge eine Menge Sprüche, hier zwei Beispiele: „Otto, seit Du gestorben bist, ist unsere Beziehung viel besser geworden. Mama, ich muss später doch gar nicht heiraten, ich will Witwe werden.“
So ging es munter weiter und recht offensiv zur Sache. Wer leben wolle, müsse zwangsläufig älter werden, und das sei wegen häufiger damit einhergehender Einschränkungen nicht immer angenehm. „Die schwierige Akzeptanz zunehmender Langsamkeit, allerlei Gebrechen und dazu die noch latente Missstimmung der jungen Generation, welche eine riesige demografische Welle auf sich zurollen sieht, lassen bei vielen nicht gerade Lust aufs Älterwerden aufkommen.“ Auch das Altern sei also ein variationsreicher, dynamischer Prozess und wolle gelernt sein. „Es zu meistern erfordert Geduld, Vertrauen, Toleranz und Fantasie.“
 
Verbales Dauerfeuer mit kreativen Gedankensprüngen
 
Ein fast 90 Minuten andauerndes verbales Dauerfeuer mit kreativen Gedankensprüngen erwies sich als gefühlsmäßige Achterbahnfahrt mit einer kritischen, aber fairen, eloquenten und feinsinnigen Wortakrobatin am Steuerpult, die dem gebannt lauschenden Publikum wahrlich keine Atempause gönnte. Umso moderater dann das Fazit der faszinierenden und lebenserfahrenen Rednerin: „Leben ist immer ein Changieren zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine friedliche und würdevolle Existenz ist bei weitem nicht selbstverständlich, Ehrfurcht vor dem Leben dazu unerlässlich. Es gilt, eine widerstandsfähige und realisierbare Idee zum eigenen Leben zu machen. Es kommt sprichwörtlich oft anders als man denkt, aber immer, wenn man denkt.“
Der gerade hochaktuelle Heinrich Vogeler, welcher seinerzeit den Wunsch hatte, „die vielen Fesseln abzustreifen und den Weg eines ehrlich Suchenden zu beschreiten“, hätte diese kurzweilige und lehrreiche, dabei aber nie belehrende sowie spannende und oft sehr nachdenklich stimmende Veranstaltung bestimmt auch genossen.


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