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Erinnerungen an einen Europäer

Helmut Schmidt gilt vielen als herausragender Politiker und überzeugter Europäer. Der fünfte deutsche Bundeskanzler war unserer Region besonders verbunden.

Landrat Bernd Lütjen (Osterholz) zeigt das Kirchenbuch der St. Cosmae und Damiani-Kirche in Hambergen, in dem die Hochzeit von Helmut und „Loki“ Schmidt am 1. Juli 1942 festgehalten wurde.

Landrat Bernd Lütjen (Osterholz) zeigt das Kirchenbuch der St. Cosmae und Damiani-Kirche in Hambergen, in dem die Hochzeit von Helmut und „Loki“ Schmidt am 1. Juli 1942 festgehalten wurde.

Hambergen/Deinstedt. Helmut Schmidt gilt vielen als herausragender Politiker und überzeugter Europäer. Der fünfte deutsche Bundeskanzler war außerdem unserer Region besonders verbunden.

Bereits als Student engagierte Schmidt sich für das Zusammenwachsen der europäischen Staaten. Auch als Kanzler dachte er die europäische Dimension mit, brachte gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsidenten Giscard d‘Estaing die Einrichtung eines Europäischen Währungssystems voran.

Bei der Europawahl werden zeitnah nun wieder die Abgeordneten des Europäischen Parlaments gewählt. In Deutschland wird dafür am 9. Juni gewählt. Politiker:innen aller demokratischen Parteien rufen dazu auf, an diesem Tag das Stimmrecht wahrzunehmen, um die Demokratie(n) zu stärken. Helmut Schmidt engagierte sich für ein vereintes Europa. Weniger bekannt ist allerdings, dass Schmidt sich auch im Verbreitungsgebiet des Anzeigers vielfältig engagierte – und hier sogar heiratete.

 

Hochzeit in Hambergen

 

Am 16. Mai 1974 wurde Helmut Schmidt (*23. Dezember 1918 † 10. November 2015, jeweils in Hamburg) im Bundestag zum Bundeskanzler ernannt. Fortan sollte er über acht Jahre, bis zum 1. Oktober 1982, in sehr schwierigen Zeiten die Bundesrepublik Deutschland regieren. Verheiratet war Helmut mit Hannelore „Loki“ Schmidt, geborene Glaser (*3. März 1919 † 21. Oktober 2010, jeweils in Hamburg). Sie war die Mutter der gemeinsamen Kinder Walter (*1944 † 1945) und Susanne (*1947) und fand durch ihre Leidenschaft für Biologie und die Natur, auch als Botanikerin, Natur- und Pflanzenschützerin viel Bestätigung. Zudem arbeitete sie mehr als 30 Jahre als Lehrerin. In den frühen 1940er Jahren beispielsweise in Hambergen zwischen Osterholz-Scharmbeck und Beverstedt. Eben dort fand am 1. Juli 1942 in der St. Cosmae und Damiani-Kirche die kirchliche Trauung der Eheleute statt, nachdem sie standesamtlich am 27. Juni in Hamburg geheiratet hatten. Die Erinnerungen an Hambergen blieben zeitlebens lebendig. Dazu der in Hambergen lebende SPD-Landrat des Landkreises Osterholz und ehemaliger Bürgermeister Hambergens Bernd Lütjen: „Ich habe Helmut Schmidt anlässlich der Renovierungsarbeiten der Kirche einmal persönlich angeschrieben. Er hat daraufhin eine großzügige Spende getätigt, wollte jedoch nicht großartig erwähnt werden. Er hat allerdings Wert daraufgelegt, dass im Glas eines neuen Kirchenfensters ein Spruch von seinem Vorgänger als Bundeskanzler Willy Brandt verewigt wird. Wenig später habe ich Schmidt auf einem Parteitag in Berlin persönlich kennengelernt. Dort habe ich ihn auch auf Hambergen angesprochen, und er wusste sofort Bescheid.“

 

Besuche in Deinstedt

 

Angelika und Uwe Baumert pflegten gar jahrelang persönliche Beziehungen zum Ehepaar Schmidt. Uwe Baumert arbeitete von 1965 bis 1994 für die Bundeswehr. Er hatte Schmidt 1983 ebenfalls im Verlaufe einer Bahnfahrt von Bonn über Hamburg und Rendsburg nach Flensburg kennengelernt: „Ich arbeitete für die NATO in Rendsburg, war auf einer Konferenz in Bonn. Zufällig reisten Helmut Schmidt und Egon Bahr im selben Zugabteil wie ich zurück. In unserer Unterhaltung fiel dann die Bemerkung, dass ich mich stark für Soldaten im Harz eingesetzt hatte, damit sie an ihrem Standort Duschen bekamen.“ Schmidt erinnerte sich an die Geschichte. Baumert war es im Winter 1969/70 als Oberleutnant gelungen, den damaligen Bundesminister der Verteidigung (ab 22. Oktober 1969; ab dem 07. Juli 1972 Finanz- und Wirtschaftsminister, nach der Bundestagswahl 1972 Bundesminister der Finanzen) direkt ans Telefon zu bekommen. „Bis zum 3-Sterne-General hatte es niemand geschafft, Duschen in unserer Unterkunft in einem ehemaligen Hotel an der innerdeutschen Grenze im Harz zu organisieren.“ Das Quartier hatte für die dort stationierten Soldaten lediglich eine Badewanne, die nicht genutzt werden durfte, wenn in der Küche heißes Wasser gebraucht wurde. „Ich habe in Bonn angerufen“, erinnert sich Baumert, „bin sogar bis in sein Vorzimmer gekommen. Dort sagte man mir, der Minister sei nicht zu sprechen, weil er auf einer Konferenz in Kassel war.“ Der Vorzimmer-Kontakt gab Baumert die entsprechende Telefonnummer für das Hotel, in dem Schmidt sich befand. „Der Minister ist in einer Konferenz. Worum geht es denn?“ Baumert entgegnete, es handele sich um eine Entscheidung, die nur der Minister treffen könne.

 

„Hier Schmidt, worum geht‘s?“

 

Man versprach, dass der Minister den Oberleutnant zurückrufen solle. Das passierte gegen Mittag dann tatsächlich: „Hier Schmidt. Worum geht´s?“ Baumert beschrieb die Mängel. Schmidt sorgte innerhalb einer Woche für Abhilfe. Diese gemeinsame Erfahrung war der Eisbrecher. Man unterhielt sich, und tauschte Kontaktdaten aus. Die Baumerts erzählten jedoch niemandem von dem Kontakt: „Wir wollten nicht angeben, sondern die Freundschaft pflegen. Es war zwar keine enge, doch es war eine Freundschaft.“ Um der Geheimhaltung wegen wurden auch nie Erinnerungsfotos gemacht. Man traf sich mal hier, mal dort. Als die Baumerts 1997 nach Deinstedt bei Bremervörde zogen, kamen auch dort die Schmidts mehrmals zu Besuch – Angelika und Loki hatten sich aufgrund ihrer Leidenschaften für Natur und Kunsthandwerk besonders angefreundet. Allerdings ging man auch in dem Ort niemals auf öffentlichem Grund gemeinsam spazieren. Das passierte auf dem 8000 Quadratmeter großen Grundstück der Baumerts. Manchmal fuhr man in deren Auto auch zum nahegelegenen Auwald am Flüsschen Bever. Angelika Baumert starb 2008. Uwe Baumert setzt sich seit Jahren für die Reaktivierung der Moorexpress-Bahnstrecke von Bremen über Osterholz-Scharmbeck und Bremervörde nach Stade ein. Weitere Details über Schmidts Beziehungen zu Bremervörde finden sich in dem Magazin „Kult!“, das bundesweit in vielen Zeitschriftengeschäften, oder online erhältlich ist.


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