Benjamin Moldenhauer

Der Tod in der norddeutschen Provinz

Die Ritterhuder Lichtspiele zeigen mit „Sophia, der Tod und ich“ eine der schönsten deutschsprachigen Komödien der letzten Jahre.

Bilder
Das kann nur komisch werden: Unterwegs mit dem Tod in die norddeutsche Provinz zur Mutter.

Das kann nur komisch werden: Unterwegs mit dem Tod in die norddeutsche Provinz zur Mutter.

Foto: dcm/S. Rabold

Der Norddeutsche (m/w/d) hat es gern knochentrocken, vielleicht auch, weil es sehr viel regnet. Weitgehend regungslos wird mimisch, gestisch und verbal auf Fährnisse und Schicksalsschläge reagiert. Oder einfach auch gleich gar nicht. Das kann natürlich bei Menschen, die von Haus aus etwas expressiver und emotionaler gebaut sind, zu Verzweiflung führen. Der sie dann, mitunter lautstark, Ausdruck verleihen. Während der Norddeutsche äußerlich regungslos danebensteht. Und guckt.

„Sophia, der Tod und ich“, das Spielfilmdebüt des Schauspielers Charly Hübner, bezieht seinen Witz vor allem aus diesem liebevoll ins leicht Groteske übertriebenen Klischee. Der Altenpfleger Reiner, Anfang dreißig circa, ist der norddeutschen Tiefebene entronnen und hat es bis nach Berlin geschafft. Glücklich hat es ihn nicht gemacht. Er schreibt Postkarten an seinen siebenjährigen Sohn, zu dem er ansonsten keinen Kontakt hat, und trinkt viel und etwas zu routiniert Weißwein. Ein wenig Bewegung kommt in sein Leben, als es gerade zu Ende geht.

Es klingelt, zuerst sind es drei Zeuginnen Jehovas, und in der Szene führt der Film zum ersten Mal seinen Dialogwitz und zeigt quasi die Instrumente:

 

- „Ich glaub nicht so richtig an Gott.“

- „Schade.“

- „Ja, find ich auch.“

- „Und warum nicht?“

- „Ich hab mal an Gott geglaubt, nach meiner Konfirmation. Aber dann hat ein Klassenkamerad von mir Krebs bekommen, hab ich gebetet, dass er überlebt, ist er gestorben, also hab ich nicht mehr geglaubt.“

- „Die, die Gott liebt, nimmt er als erstes zu sich.“

- „Ja? Dann liebt Gott die Sahel-Zone ja mal so richtig.“

 

Die Dialoge sind das Beste an Hübners Film, der an dem Punkt sehr nah an der Romanvorlage von Thees Uhlmann gebaut ist. Nebenbei bemerkt, ist letzteres eins der wenigen Bücher von deutschsprachigen Pop-Sänger:innen, die sich wirklich lohnen, und das auch dann, wenn man die Musik von Uhlmann grauslig findet.

 

Witz mit Durschlagskraft

 

Es klingelt, und vor der Tür steht Morten de Sarg, der sich als der persönliche Tod von Reiner vorstellt. Und jetzt sei es eben Zeit zu sterben, Herzfehler, unerkannt, wie bei Reiners Vater auch schon. Reiner reagiert verhalten. Es gibt eine Rangelei, der Tod muss in der Welt der Lebenden bleiben, und gemeinsam mit Reiners Freundin Sophia geht es dann zurück in die norddeutsche Provinz, zu Reiners Mutter Lore, die feiert nämlich Geburtstag.

„Sophia, der Tod und ich“ wird zum Roadmovie und der trockene Witz, der seine Durchschlagskraft aus der Abgeklärtheit und emotionalen Reserviertheit aller norddeutschen Figuren (unter anderem Rocko Schamoni als in die Mutter verliebter Nachbar) bezieht, zieht sich durch bis kurz vor Schluss. Auf dieser Ebene macht Hübners Film großen Spaß, der Rhythmus stimmt (außer in den steif inszenierten Raufszenen), und hinter dem ganzen Humor verbirgt sich eine große Skepsis gegenüber der Normalität und ihren Glücksversprechen. Denn es ist ja nicht so, dass Reiner, so phlegmatisch er auch ist, nicht versuchen würde, glücklich zu werden.

Leider ist es dafür schon zu spät, und es ist schade, dass „Sophie, der Tod und ich“ die Kurve, die er am Ende Richtung Tragik und Drama zu nehmen versucht, nicht hinbekommt. Anders als der an diesem Punkt konsequentere Roman. Der Ton des Films verliert sich im Ungefähren, aber man sieht zumindest wie es gedacht war. Sehr sympathisch wirkt das alles trotzdem, so oder so. Auch mit den letzten nicht ganz so gelungenen Minuten ist „Sophia, der Tod und ich“ eine der schönsten deutschsprachigen Komödien der letzten Jahre. Wobei die Konkurrenz in der Hinsicht auch überschaubar ist.

 

Sophia, der Tod und ich (Dienstag, 20.02., und Mittwoch, 21.02., um 20.15 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen.


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