Bis hierher lief‘s noch ganz gut: Der verdruckste Affekt
Es ist ein Rätsel, warum Menschen, die sich übervorteilt, gegängelt und gekränkt fühlen, mit traumwandlerischer Sicherheit nach unten treten statt nach oben. Wenn man darauf hinweist, dass 42 Prozent der Rentner in diesem Land weniger als 1.000 Euro Rente im Monat erhalten, jeder dritte Haushalt 30 bis 40 Prozent seines Gesamt-Nettoeinkommens für Kaltmiete und Heizkosten ausgeben muss (nach den drohenden Wohngeldkürzungen werden das noch mehr werden) und Alleinerziehende wegen der drohenden Streichung des staatlichen Unterhaltsvorschusses bald in Vollzeit arbeiten müssen, sind die Reaktionen meist eher verhalten.
Mehr Affektresonanz bekommt, wer über das Geflüchtetenheim spricht, das in der Nachbarschaft gebaut werden soll, die Statistik der Angriffe mit Messern anführt und die Frage, ob man gendern soll oder nicht, in den Raum stellt.
Warum sind die einen Themen aufgeladen, die anderen nicht?
Zur Frage, wie das jeweils epochentypische Untertanendenken zu beschreiben ist, sind Hunderte Studien angestellt und Bücher geschrieben worden, angefangen bei Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“. Für eine Kolumne, die nicht mehr vorhat, als den freien Fall der Gesellschaft zu beschreiben, genügt da auch ein sprechendes Bild: Der Kabarettist Uwe Steimle trat im Juli bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in Dessau-Roßlau auf und ließ den begeisterten Zuhörern eine Handvoll Bestrafungsphantasien da, bevor die versammelte Mannschaft die DDR-Nationalhymne anstimmte. In Richtung Bundeskanzler Friedrich Merz sagte Steimle, es brauche einen Stauffenberg. Und zum kürzlich fertiggestellten Porträt der Ex-Kanzlerin Angela Merkel sagte Steimle, dass das Porträt jetzt noch an der Wand hänge. Doch wenn der Nagel breche, dann „stellen wir sie an die Wand“, so Steimle.
Das Ganze lief wie nach Drehbuch: routinierte Empörung bei den demokratisch und liberal gesinnten Kommentatoren, feixende Gesichter im Publikum, drei Tage Aufregung in den sozialen Medien, Kunst- und Meinungsfreiheitsdebatte. Was bei dem medialen Tumult immer wieder verschwindet, ist der unaufgeregte Blick auf die ernüchternde Wurstigkeit der Vorgänge. Es sieht nämlich schlecht aus. Den Kindern wird es schlechter gehen als den Eltern, das Aufstiegsversprechen ist nicht mehr glaubwürdig, die Versprechen des Kapitalismus realisieren sich für das Kleinbürgertum in Zeiten der rasenden Umverteilung von unten nach oben nicht mehr.
Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey diagnostizieren ein Gefühl des „blockierten Lebens“, um den Aufstieg der AfD in diesem Rahmen zu erklären. Der zugrunde liegende Affekt ist demnach schlicht Zerstörungslust. Es soll einer klar Schiff machen, Merkel soll sterben, die Ausländer und die Schwulen mit ihrem Gender-Gaga sollen weg, veganer Fleischersatz ist keine Wurst, und die neuen Flaschenverschlüsse (EU-Beschluss) verleiden einem sogar noch das Trinken bei – Klimawandel auch weg – 40 Grad im Schatten. Dann wird das schon wieder mit dem guten Leben im Spätkapitalismus.
Aber klar, wird es natürlich nicht.
Es gibt keinen als positiv verstandenen Entwurf, nicht mal mehr das Bild einer virilen Volksgemeinschaft, im Diskurs der neuen Rechten. Die Volksgemeinschaft war nie ohne Gewalt zu haben und immer schon Fiktion. Aber diese Fiktion erschöpft sich nun nur noch im – wieder: vergleichsweise verdrucksten – Affekt.
Alles das ist eben kein „Aufbegehren“ oder Ähnliches, es geht nie darum, die ökonomische Macht in Frage zu stellen. Das Untertanendenken erschöpft sich in betrüblichen Ressentiments und autoritär-verdrucksten Fantasien („an die Wand stellen“). Flankiert von einer Wirtschaftspolitik, die spätestens seitdem die CDU unter Merz regiert, alles tut, um das explosive Gemisch zu befeuern. Das Programm für Wirtschaft und Arbeit, das die AfD im Gepäck hat, würde dann aber die, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, vollends über die Klippe schubsen (und massenhafte Abschiebungen sind volkswirtschaftlich auch eher Quatsch). Aber bis hierher lief‘s noch ganz gut.

Konzert im Rathausgarten




Zurück
Nach oben









