Ulla Ingenhoven

„Berührungen“ berührt - Ilka Mahrt stellt Malerei und Installationen aus

Worpswede (ui). In der Galerie Altes Rathaus in Worpswede ist derzeit die außergewöhnliche Ausstellung „Berührungen“ von Ilka Mahrt zu sehen. Viele Besucher/innen kamen zur Eröffnung, um sich von ihren Installationen und Bildern berühren zu lassen. Im Rahmen eines künstlerischen Projektes für die Ausstellung stellte Ilka Mahrt über 30 Menschen im Alter von 25 bis 80 Jahren zwei Fragen: Welche Worte, Texte und Gedichte haben dich ganz besonders berührt und welche Musik, Töne und Lieder berühren dich noch immer in deinem Leben.
Die Künstlerin Ilka Mahrt (links) im Gespräch mit einer Ausstellungsbesucherin.  Foto: ui

Die Künstlerin Ilka Mahrt (links) im Gespräch mit einer Ausstellungsbesucherin. Foto: ui

Die Antworten sind im großen Raum zu sehen und in einer kleinen abgetrennten Ecke über Kopfhörer zu hören. „Das sind Texte, die unter die Haut gehen“, sagte eine Ausstellungsbesucherin. Zu lesen sind leichte, aber auch tiefsinnige Gedichte und Gedanken.
Ein Gemeinschaftsprojekt
Im Namen von Bürgermeister Stefan Schwenke hieß Klaudia Krohn, Kulturbeauftragte der Gemeinde Worpswede, die Gäste herzlich willkommen und wünschte der Künstlerin Ilka Mahrt eine erfolgreiche Ausstellung, die noch bis zum 12. Januar besucht werden kann.
In die Ausstellung führte Gabi Anna Müller mit sehr warmen und einfühlsamen Worten ein. Sie berichtete von den ersten Ideen und Gedanken, die Ilka Mahrt schon vor zehn Jahren hatte und damals noch mit ihrem vor drei Jahren verstorbenen Mann Paul teilte. „Nun ist es so weit, heute ist die Geburtsstunde“, sagte Gabi Anna Müller und sprach von einem Gemeinschaftsprojekt, an dem etliche Menschen mitgewirkt hätten. Als die Ausstellung noch im Werden war, schaute sie sich diese an. Ihr erster Impuls war: „Ich möchte verstummen, ich habe keine Worte, bin sprachlos.“ Ja, diese Ausstellung gehe ihr nahe.
Sinnes-Wandeln
Berührungen seien ein wichtiger Teil unseres Lebens, könnten aber auch verletzend sein. Und dann gebe es noch eine andere Ebene des Berührtwerdens: „Was trifft mich tief in meiner Seele?“ In dieser Ausstellung von Installationen und Malerei werde diese Bedeutung spür- und fühlbar. „Diese Kunstwerke appellieren an alle Sinne des Menschen, sie laden ein zum Sinnes-Wandeln. Das ist das Wesen dieser Ausstellung.“ Der Künstlerin gehe es auch um Kontraste. Da ist zum einen ein schwarzes Federkleid zu sehen, Federn von einem einzigen Strauß; gegenüber ein helles Nagelkleid, in dem sie 35.000 Reißzwecken verarbeitet hat. Beide Gewänder haben die Form eines Kimonos. „Majestätisch wirkt das eine, verspielt das andere“, sagte die Laudatorin. Und beide Gewänder wollten berührt werden.
Ist Überleben Schuld?
In einem anderen Raum fällt der Blick auf das Porträt von Grete Weil, einer jüdischen Schriftstellerin, die 1906 als Tochter eines angesehenen jüdischen Rechtsanwalts geboren wurde. Die letzten zwei Kriegsjahre habe sie, hinter einer Schrankwand versteckt, in Amsterdam überlebt. Um sich selbst und das Leben ihrer Mutter zu retten, habe sie als Fotografin und Sekretärin beim Judenrat in der berüchtigten Schouwburg gearbeitet, einem ehemaligen Theater in Amsterdam, das in der Zeit der deutschen Besetzung als Sammelplatz diente. „Eine Zeit, die sie später sehr bereute“, informierte Gabi Anna Müller die aufmerksamen Zuhörer. Von diesem Platz aus wurden die Juden in Vernichtungslager gebracht. Zeitlebens quälte Grete Weil die Frage: „Ist Überleben Schuld?“ Auf einem Stuhl liegt ihre späte Autobiografie „Leb ich denn - wenn andere leben?“ An der Wand kann man das Wort Vergebung lesen.
Ein weiteres Objekt ist eine Wand aus Stacheldraht mit vielen Papierstreifen, die Gabi Anna Müller an Stofffetzen erinnern „und damit an den Tod von unzähligen Menschen, von Namenlosen, die im Stacheldraht in den Todesfabriken im Dritten Reich hängen blieben und dort ihr Leben lassen mussten“.
Am Ende des Rundgangs steht der Betrachter vor einer Bilderserie, die eine, wie Ilka Mahrt sagte, künstlerisch gestaltete Mohnkapsel darstellt. Gabi Anna Müller konnte beim Betrachten zur Ruhe kommen, den eigenen Herzschlag hören und die Spur der Mohnkapsel im Sand verfolgen.
„Ilka Mahrt versucht, eigene Grenzen auszuloten, sie reizen Brüche, Gegensätze, Widersprüche. In diesem Sinne ist diese Ausstellung fast eine Art Selbstporträt.“
Die Künstlerin bedankte sich namentlich bei all den Menschen, die bei der Ausstellung mitgewirkt haben. Ohne sie wäre dieses Projekt nicht entstanden.


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