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Vortrag zu türkisch-russischen Beziehungen

Dr. Daria Isachenko bezeichnet die Türkei und Russland als „gute Feinde“, deren Kooperation nicht auf Freundschaft basiere, sondern auf Notwendigkeit.

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Bremervörde (eb). Die türkisch-russischen Beziehungen stellen viele Beobachter im Westen vor ein Rätsel, nicht selten verbunden mit großen Zweifeln, auf welcher Seite Ankara politisch steht. Die Bremervörder Sektion Elbe-Weser der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) hat Frau Dr. Daria Isachenke, Wissenschaftlerin am Centrum für angewandte Türkeistudien (CATS) der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, gewinnen können, um über diese Frage zu sprechen. Die Anzahl der Besucher:innen im Kundenzentrum der EWE bestätigte das große Interesse in der Ostestadt an diesem Thema.

 

Komplexes Beziehungsgeflecht

 

Um etwas Ordnung in das komplexe Beziehungsgeflecht zu bringen, das das türkisch-russische Verhältnis kennzeichnet, beschrieb Dr. Isachenko einerseits den Blick des Westens von außen auf die türkisch-russische Liaison und andererseits die grundlegende Basis, auf der beide ihre Politik betreiben.

Während man im Westen den Fokus auf die persönlichen Beziehungen zwischen Putin und Erdogan richte, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten hervorhebe und den „Schatten der Geschichte“ zwischen beiden Staaten zu beleuchten versuche, sei die Partnerschaft zwischen Moskau und Ankara vielmehr von einer interessengeleiteten Pragmatik geprägt. Die Wissenschaftlerin des SWP beschrieb anhand des Bürgerkrieges in Syrien und des Konfliktes um Bergkarabach sehr anschaulich und fundiert, wie die Türkei und Russland aus der Not eine Tugend machten, die im Westen für manche Verwunderung sorge. Indem sie begonnen haben, ein regionales Konfliktmanagement zu betreiben, hätten sich drei Maxime in den bilateralen Beziehungen etabliert: das Verhältnis sei ein dynamisches, es gebe keinen Standard-Modus. Zweitens gehe es nicht um Vertrauen, sondern um Vertrautheit, und drittens handele es sich um eine problemlösende Partnerschaft.

 

Reine Interessenpolitik

 

Das, was Russland in Syrien und um Bergkarabach betreiben, sei also reine Interessenpolitik, sei es im Falle Moskaus zur Vermeidung eines Regimewechsels in Damaskus oder zur Errichtung bzw. Aufrechterhaltung eines Einflussbereiches im Südkaukasus im Falle der Türkei. Es möge in Washington, Paris oder Berlin merkwürdig erscheinen, wenn die Türken Aserbaidschan als ihren besten Freund bezeichnen, aber es gehe dort für Ankara um Energiepolitik und eine Brücke nach Zentralasien.

Die Türkei wähne sich wirtschaftlich und in Energiefragen abhängig von Russland und zeige sich daher wenig engagiert, wenn es um Sanktionen ginge. Aber auch Russland habe ein Interesse daran, mit der Türkei zusammenzuarbeiten, wie nicht nur das Beispiel Syrien zeige, sondern auch die Interessen Moskaus an dem Erfolg der Turk-Stream-Erdgaspipeline.

 

„Gute Feinde“

 

Die Türkei habe nicht vor die NATO zu verlassen, beruhigte Isachenko, sie brauche sie, um mit Russland auf Augenhöhe verhandeln zu können. Vor diesem Hintergrund könne man von beiden Staaten auch von „guten Feinden“ reden, deren Kooperation nicht auf Freundschaft basiere, sondern auf Notwendigkeit. Hier liege auch eine Art Blaupause auf dem Tisch, an der sich der Westen in seinem Verhältnis zur Türkei orientieren könne.

Wo liegen die Gründe für die Probleme miteinander und gibt es Möglichkeiten für eine beiderseits akzeptable oder gar vorteilhafte Lösung? Auch Dr. Isachenko bescheinigte Russland in ihrem Vortrag eine Strategie der Bedrohung, von der sich auch die Türkei betroffen fühle, was sie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum NATO-Beitritt bewogen habe, und noch immer sei Russland für die Türkei keineswegs ein Ersatz für den Westen.


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