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Lena Stehr

Pflege- Boomer

Die alternden Babyboomer werden künftig den ohnehin herrschenden Pflegenotstand drastisch verschärfen. Fachkräfte drängen auf Lösungen.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werde laut Statistischem Bundesamt allein durch die zunehmende Alterung bis 2055 um 37 Prozent zunehmen. Das sind etwa 6,8 Millionen Pflegebedürftige.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werde laut Statistischem Bundesamt allein durch die zunehmende Alterung bis 2055 um 37 Prozent zunehmen. Das sind etwa 6,8 Millionen Pflegebedürftige.

Bild: Adobe

Die alternden Babyboomer werden künftig den ohnehin herrschenden Pflegenotstand drastisch verschärfen. Um das Problem in den Griff zu kriegen, braucht es mehr Fachkräfte, aber auch neue Formen gegenseitiger Unterstützung.

Auch im hohen Alter noch fit sein und selbstständig den Alltag meistern - so stellen sich wohl viele ihren idealen Lebensabend vor. Die Realität sieht aber leider oft anders aus. Rund fünf Millionen Pflegebedürftige gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Etwa ein Drittel der Pflegebedürftigen ist hochbetagt und der Frauenanteil überwiegt. Rund vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, meist durch pflegende Angehörige, die von einem ambulanten Pflegedienst unterstützt werden. Bewohner:innen in Pflegeheimen machen rund ein Fünftel der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland aus.

 

Die Babyboomer-Problematik

 

Durch das Ausscheiden der Babyboomer-Generation, also der zwischen 1950 und 1964 Geborenen, wird sich die Situation der beruflichen Pflege in Deutschland künftig massiv verschärfen. Neben erheblichen Finanzierungslücken in der Pflegeversicherung bedrohe die steigende Personalnot zunehmend die Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Das sind Ergebnisse des aktuellen Pflegereports der DAK-Gesundheit. Zudem werden auch viele Babyboomer irgendwann selbst pflegebedürftig.

2023 gab es mehr als 1.140.300 professionell Pflegende in Deutschland. Mehr als 249.500 von ihnen erreichen in den nächsten zehn Jahren das Renteneintrittsalter (21,9 Prozent).

Als Folge würden in fünf Jahren mit Bremen und Bayern die ersten Bundesländer einen Kipppunkt erreichen, an dem der Pflegenachwuchs die altersbedingten Berufsaustritte der Babyboomer nicht mehr auffangen könne. Laut DAK-Pflegereport müssten in den nächsten zehn Jahren fast in jedem Bundesland 20 Prozent Pflegepersonal ersetzt werden.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werde laut Statistischem Bundesamt allein durch die zunehmende Alterung bis 2055 um 37 Prozent zunehmen. Laut den Ergebnissen der Pflegevorausberechnung werde ihre Zahl auf etwa 6,8 Millionen im Jahr 2055 ansteigen. Bereits 2035 etwa 5,6 Millionen (+14 Prozent) erreicht.

Im Rahmen der Vorausberechnung wird eine weitere Variante berechnet, die nicht nur den reinen Alterungseffekt bei konstanter Pflegequote betrachtet, sondern auch sich ändernde Pflegequoten in Erwägung zieht.

Die so vorausberechnete Zahl der Pflegebedürftigen liegt dann 2035 bereits bei 6,3 Millionen Pflegebedürftigen (+27 % gegenüber 2021) und 2055 bei 7,6 Millionen (+53 %), 2070 schließlich bei 7,7 Millionen (+55 %).

Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland, warnt vor diesem Hintergrund vor einer „Katastrophe, auf die wir sehenden Auges zulaufen“ und spricht sich in einem NDR-Interview unter anderem für die Einführung einer Pflegevollversicherung mit einem begrenzten Selbstanteil aus. Die vor 30 Jahren eingeführte Pflegeversicherung sei unterfinanziert und brauche dringend finanzielle Mittel. Das zweite große Problem sei der Fachkräftemangel in der Pflege.

 

Lösungsansatz aus der Region

 

Dem begegnet Sven Mensen, Geschäftsführer des Pflegedienstes Lilienthal, offensiv. „Wir gehen in die Schulen, präsentieren uns bei Berufsorientierungstagen, bieten Praktika an, integrieren Menschen aus anderen Ländern und begleiten auch Quereinsteiger so, dass sie ihren Job gerne machen“, sagt Mensen, der inzwischen rund 400 Angestellte hat, die sowohl im Landkreis Osterholz als auch im Landkreis Rotenburg tätig sind. Davon befinden sich mehr als 35 in Ausbildung.

Mensen weist darauf hin, dass es mittlerweile gute Verdienstmöglichkeiten - auch für Quereinsteiger:innen - gebe, wünscht sich aber auch, dass mehr Geld von den Pflegekassen für eine adäquate Einarbeitungszeit zur Verfügung stünde. Der Pflegeberuf müsse zudem eine höhere Wertigkeit bekommen, damit perspektivisch mehr Menschen in der Pflege arbeiten wollen. Pflegende seien nicht „nur herzlich, fürsorglich und empathisch, sondern kennen sich auch super mit Krankheiten und Medikamenten aus“, so Mensen.

In diese Richtung geht das Pflegekompetenzgesetz. Pflegekräfte sollen künftig – gemäß ihren Qualifikationen in der Versorgung – mehr Kompetenzen erhalten. Der Gesetzentwurf soll laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach noch vor der Sommerpause vorgelegt werden.

 

Neue Formen gegenseitiger Unterstützung

 

Für DAK-Studienleiter Professor Dr. Thomas Klie brauche es auch neue Formen gegenseitiger Unterstützung, um eine solidarische Pflege vor Ort sicherzustellen. Als immer älter werdende Gesellschaft würden Modelle „geteilter Verantwortung“ benötigt, die intelligente Verschränkungen von professioneller Pflege, informeller Sorge und zivilgesellschaftlicher Initiative ermöglichen – wie etwa in ambulant betreuten Wohngemeinschaften praktiziert. Erforderlich seien bürokratische Abrüstung, sektoren- und professionsübergreifende Kooperations- und Versorgungsformen sowie Planung auf kommunaler Ebene. „Eine Mixtur aus nachberuflicher Erwerbstätigkeit und bürgerschaftlichem Engagement könnte vor Ort einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Pflegesituation leisten“, so Klie.

Hans Luettke von der Bremervörder Interessengemeinschaft (IG) Pflege ist ebenfalls überzeugt, dass der Pflegenotstand nur dann irgendwie in den Griff zu bekommen ist, wenn sich die Babyboomer (und alle anderen Menschen ebenfalls) rechtzeitig selber überlegen und sich darum kümmern, wie sie im Alter leben wollen. Es gelte, sich Netzwerke aufzubauen und gemeinsam vorzusorgen, so Luettke, der selbst Babyboomer ist. Möglich wäre zum Beispiel die Gründung einer Genossenschaft, um Bauprojekte für Wohnformen im Alter zu realisieren.

Tatsache sei, dass viele Pflegende, die in den Heimen in der Region arbeiten, vollkommen überlastet seien, was dazu führe, das auch die Pflegebedürftigen oft nicht adäquat versorgt werden könnten. „Wir hören leider viele Klagen von Angehörigen über unwürdige Behandlung in den Heimen“, sagt Luettke. Über die Plattform der IG Pflege können sich Betroffene sowohl austauschen und vernetzen als auch die von den IG-Gründern erfahren, wie diese sich rechtlich gegen Missstände gewehrt haben.

https://www.ig-pflege.de/

 


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