Lena Stehr

Kein Thema für den Schulhof

Landkreis. Im Rahmen der bundesweiten „Woche der Seelischen Gesundheit“ stellt Diplom-Psychologe Henner Spierling das Projekt „KIDSTIME“ vor und schildert, wie mehr Offenheit in Bezug auf psychische Erkrankungen betroffenen Familien helfen kann.

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Nach aktuellen Schätzungen leben rund 3,8 Millionen Kinder unter 18 Jahren in Deutschland, deren Eltern von psychischer Erkrankung betroffen sind. „Runter gebrochen auf Rotenburg und Osterholz sind das etwa 6.000 Kinder und Jugendliche pro Landkreis“, sagt Diplom-Psychologe Henner Spierling, der am Sozialpädiatrischen Zentrum des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg tätig ist und das Projekt „Kidstime“ leitet.
„Kidstime“ ist ein niedrigschwelliges, präventives Angebot in Form eines Workshops für Kinder psychisch kranker Eltern und ihre Familien. Das Projekt, das seinen Ursprung in London hat, gibt es seit 2015 in Rotenburg und inzwischen auch in Zeven, Bremervörde und in Osterholz-Scharmbeck (der Anzeiger berichtete). 2016 wurde es mit dem Niedersächsischen Gesundheitspreis ausgezeichnet.
 
Kinder aus der Isolation holen
 
Ziel sei es, die Kinder in den Fokus zu rücken und sie aus ihrer Isolation zu holen sowie ihnen Orientierung und Entlastung zu bieten, so Spierling. Er beobachte häufig, dass Kinder psychisch kranker Eltern schon früh viel Verantwortung Zuhause übernehmen, sich weniger Zuhause mit Freund:innen verabreden, sich sozial zurückziehen und Konzentrationsprobleme hätten.
Insbesondere in ländlichen Regionen, wo es meist gar keine oder kaum Hilfsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche gebe, sei das Thema psychische Erkrankungen zusätzlich auch noch ein größeres Tabu als im Großstadtmilieu.
Eine Depression - sei es die eigene oder die eines Angehörigen - sei einfach etwas anderes als ein Gipsverband, von dem man mal eben so erzählen könne und vielleicht sogar noch stolz vorzeigen könne, so Spierling. Nach wie vor seien psychische Erkrankungen und alles was damit zusammenhänge kein Thema für den Schulhof.
 
Angst, dass es jemand erfährt
 
„Die Kinder sind oft sehr allein mit dem Thema und haben Angst, jemanden aus dem Dorf oder aus der Nachbarschaft zu treffen, wenn sie zu uns kommen“, sagt Henner Spierling.
Es sei sogar schon vorgekommen, dass sich bei den monatlichen, dreistündigen Treffen, an denen durchschnittlich sechs bis zwölf Familien teilnehmen, Klassenkamerad:innen oder Bekannte getroffen hätten, so Spierling. Häufig entstünden nach anfänglicher Skepsis daraus aber sogar Freundschaften. Die Beteiligten seien in jedem Fall erleichtert, zu wissen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Situation und hätten Spaß daran, auf spielerischem Weg (zum Beispiel über Rollenspiele) Emotionen auszudrücken und Erfahrungen auszutauschen.
 
Schulen und Kitas in der Verantwortung
 
Henner Spierling wünscht sich vor allem eine höhere Selbstverständlichkeit im öffentlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen und sieht dabei insbesondere auch Schulen und Kitas in der Verantwortung. Themen wie Prüfungsängste oder Panikattacken und wie man damit umgehen könne, sollten offen kommuniziert und besprochen werden und zum Allgemeinwissen dazugehören, findet der Psychologe.
 
Weiter Weg zur Enttabuisierung
 
Grundsätzlich sei zu beobachten, dass heute mehr und mehr über psychische Erkrankungen geredet würde und dass dabei auch Aktionswochen wie die der „Seelischen Gesundheit“ einen Beitrag leisten. Bis das Thema aber vollkommen enttabuisiert sei und Betroffene keine Stigmatisierung mehr fürchten müssten, sei es noch ein weiter und steiniger Weg.
Nähere Informationen und regionale Ansprechpartner:innen für das „Kidstime“-Projekt gibt es auf www.kidstime-netzwerk.de.


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