Ulrich Evers

Hoffen auf weitere Annäherung -Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestages des Überfalls auf Polen

Parnewinkel/Sandbostel. 1. September 1939: Morgens um 4.45 Uhr eröffnet das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf polnische Einrichtungen auf der Westerplatte bei Danzig. Der Zweite Weltkrieg beginnt, und mit ihm eine völlig neue Art der industrialisierten Kriegsführung und Menschenvernichtung.

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Foto: ue

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Zum 80. Jahrestages des Überfalls deutscher Truppen auf das Nachbarland Polen fand an der Kriegsgräberstätte in Parnewinkel eine Gedenkveranstaltung der Stiftung Gedenkstätte Lager Sandbostel statt.
Nach kurzen einführenden Worten des Stiftungsvorsitzenden Günther Justen-Stahls gab Ines Dirolf in einem kurzen Rückblick die Geschehnisse um den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wider. Die wissenschaftliche Volontärin der Gedenkstätte Lager Sandbostel erinnerte daran, wie Hitler einen vermeintlichen Kriegsgrund inszenierte - ein Vorgehen, wie in so vielen Kriegen vor- und nach dem Zweiten Weltkrieg.
Als polnische Soldaten verkleidete Männer der SS griffen den deutschen Sender in Gleiwitz an. Nach dieser Inszenierung sprach Hitler vom „Zurückschießen“ und gaukelte dem deutschen Volk somit die Rechtmäßigkeit des Kampfes gegen Polen vor.
Dessen ungeachtet war der Überfall auf das Nachbarland ein klarer Eroberungs- und Vernichtungskrieg zur Ausbreitung der nationalsozialistischen Ideologie. Der hochgerüsteten deutschen Wehrmacht hoffnungslos unterlegen, musste die polnische Armee nach wenigen Wochen kapitulieren, zumal wenig später sowjetische Truppen nach Vereinbarung des Hitler-Stalin-Paktes den Osten des Landes okkupierten.
Was die Aufteilung Polens unter Deutschland und der Sowjetunion für die Bevölkerung bedeutete, liegt auf der Hand: Systematisch verfolgte und vernichtete man die polnischen Juden, Intellektuelle und Andersdenkende. „Von den 3,3 Millionen polnischer Juden überlebten nur zehn Prozent den Krieg“, erinnerte Ines Dirolf.
Schon im September 1939 kamen die ersten 3.000 polnischen Kriegsgefangenen nach Sandbostel. Hier wurden sie registriert und Arbeitskommandos unterstellt. Nach Worten Dirolfs gehörten sie sehr schnell zum Bild der Öffentlichkeit im Elbe-Weser-Raum.
Nach dem bewaffneten Aufstand im Warschauer Ghetto kamen 5.500 Polen nach Sandbostel. Ines Dirolf erinnerte daran, dass der Überfall auf Polen in der deutschen Bevölkerung weitgehend ausgeblendet wurde. Lange Zeit bestand das Bild der „sauberen“ Wehrmacht. Doch nach ihren Ausführungen seien neben der SS auch Wehrmachtsteile an Gräueltaten während des Einmarsches in Polen und der anschließenden Besatzungszeit beteiligt gewesen.
Ines Dirolf erhofft sich nach eigenen Worten als Resümee aus den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges eine kritische und offene gesellschaftsweite Diskussion rund um Themen wie Rassismus und Nationalismus.
Im Anschluss sprach der Vizekonsul der Republik Polen in Hamburg Adam Borkowski an der Kriegsgräberstätte. Auch er ließ die geschichtlichen Ereignisse zunächst Revue passieren. „Die Polen nahmen den Krieg gegen die Nazis an allen Fronten auf und trugen zum Sieg der alliierten Seite bei“, so Borkowski. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass es als Lehre aus dem Krieg weiterhin eine Annäherung von Polen und Deutschen geben möge.
Im Anschluss erinnerten die beiden Jugendlichen Claas Both und Shorouk Abd Al Rahman in einem vorgetragenen Dialog an das Verbrechen gegen das polnische Volk, das von deutschem Boden ausging. Claas Both begann am 1. September sein Freiwilliges Soziales Jahr an der Gedenkstätte Sandbostel. Die Schülerin Shorouk Abd Al Rahman aus Zeven erhielt einen Förderpreis für ihren Beitrag zur Entstehung der Gedenkstätte beim diesjährigen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.
Beide zitierten unter anderem die Erinnerungen eines polnischen Kriegsgefangenen, der die Schrecken des Lagers Sandbostel, Hunger, Krankheit und Tod, kennenlernen musste, und schlugen über Flucht und Vertreibung die Brücke in die Gegenwart: Auch heute seien Menschen vor Krieg und Verfolgung auf der Flucht: „Aber heute können die Menschen in Europa helfen.“
Ein Gebet mit dem Kaplan der polnischen katholischen Mission in Bremen Karol Jaruzel und eine gemeinsame Kranzniederlegung schlossen die Gedenkfeier ab. Umrahmt wurde die Veranstaltung musikalisch von Jana-Marie Kensik (Geige) und ihrem Vater Fred Kensik (Akkordeon).


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