Lena Stehr

Gewalt an Frauen: Weder ein kleines noch entferntes Problem

Landkreis. Jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren wurde bereits einmal in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Lebensgefährten misshandelt. Der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ am 25. November rückt das immer noch tabuisierte Thema in den Fokus.

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Foto: Ievgen Chabanov

„Auch auf dem Land ist die Welt nicht in Ordnung“, sagt Simone Malz, Geschäftsführerin des Landfrauenverbands Weser-Ems, und meint damit die Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen „kein Problem von wenigen und weit weg“, sondern überall präsent ist. Gemeinsam mit den knapp 30.000 Landfrauen im Weser-Ems-Raum will sie sich künftig noch mehr dafür einsetzen, dass betroffene Frauen wissen, wohin sie sich wenden können und dass Beratungs- und Anlaufstellen besser ausgestattet werden.
 
Anlaufstelle Frauenhaus ist anonym und kostenlos
 
Eine wichtige Anlaufstelle für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, ist das Frauenhaus in Rotenburg. Rund 30 Frauen finden dort durchschnittlich im Jahr Zuflucht, berichtet die Leiterin der vom Landkreis getragenen Einrichtung, die namentlich nicht genannt werden möchte. Anonymität spielt eine große Rolle im Frauenhaus, das für alle Betroffenen kostenlos zur Verfügung steht und dessen Adresse nicht öffentlich ist.
„Manche Frauen kommen nur für ein oder zwei Nächte, manche bleiben länger, bis wir gemeinsam eine neue Unterkunft gefunden haben“, so die Leiterin, die mit ihrem Team auch bei allen nötigen Formalien hilft. Rund die Hälfte der Frauen habe Kinder dabei. Einige kämen auf eigene Initiative, andere fänden den Weg ins Frauenhaus, nachdem sie einen Fall von häuslicher Gewalt bei der Polizei angezeigt haben. In diesem Fall kontaktiert die Polizei das Frauenhaus, das wiederum in Kontakt mit der betroffenen Frau tritt und proaktiv Hilfe anbietet. Leider wüssten immer noch zu wenige Frauen, dass sie jederzeit Hilfe und Schutze bekommen können - auch in der Coronazeit, so die Frauenhausleiterin.
 
Ein Drittel der Frauen kehrt zum Partner zurück
 
Rund ein Drittel der Frauen schaffe es nicht, sich von dem gewalttätigen Partner zu lösen. Die Frauen hätten meist große Angst, dass sie ihre Kinder oder ihr Zuhause verlieren, hätten sprachliche Barrieren oder seien einfach schon zu lange in der Situation gefangen und fürchteten sich vor einem ungewissen Neuanfang.
Einen Anstieg der Zahl an Hilfesuchenden habe das Frauenhaus in der zweiten Jahreshälfte 2020 - also nach dem Lockdown verzeichnet, insgesamt 43 Frauen fanden im vergangenen Jahr Unterschlupf in Rotenburg.
 
Digitale Gewalt
 
Eine Zunahme der digitalen Gewalt stellt Andrea Vogelsang, Gleichstellungsbeauftragte in Ritterhude und Dozentin für EDV und Internetkriminalität, seit Beginn der Pandemie fest. Das Thema wird im gesamten kommenden Jahr im Fokus des lokalen Aktionsbündnisses der Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis Osterholz stehen.
Es sei „unerträglich“, wie im Netz miteinander umgegangen werde. Häufig seien es Frauen, die von vulgären Pöbeleien und verletzenden Kommentaren betroffen seien, sagt Vogelsang, die das auch schon am eigenen Leib erfahren hat. So müsse sie nicht nur häufiger abfällige Kommentare über ihr Aussehen von Menschen, die ihre Meinung nicht teilen, aushalten. Zudem sei sie auch schon einmal auf ihrer privaten Telefonnummer von einem AfD-Mitglied angerufen worden, nachdem sie sich in sozialen Netzwerken an einer Diskussion zum Thema Rechtsradikalität beteiligt hatte. „Ganz klar ein Einschüchterungsversuch und eine Form des Stalkings und der Bedrohung“, so die Gleichstellungsbeauftragte.
Auch das unaufgeforderte Zusenden sogenannter Dickpics (Penisbilder) sowie die - häufig heimliche - digitale Überwachung Zuhause oder mit Hilfe von Handytrackern seien Formen der Gewalt gegen Frauen, denen man entgegen treten müsse.
 
Hilfe rund um die Uhr
 
Hilfe und Beratung rund um die Uhr gibt es am „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ unter der kostenlosen Telefonnummer 08000116016. Seit Pandemie-Beginn seien die Anrufe dort laut der Gleichstellungsbeauftragten deutlich gestiegen. Obwohl die Isolation ein Grund dafür sein könne, dass die Gewalt in den Haushalten zugenommen habe, sehen Mitarbeitende beim Hilfetelefon auch die vermehrte Bekanntheit der Telefonnummer als Grund für die starke Zunahme an Anrufen.


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