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Gedenken des Vernichtungsfeldzuges

Der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wird in Sandbostel mit einer Kranzniederlegung und einem Vortrag über sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter begangen.

Vollkommen entrechtet und dem Tod geweiht: sowjetische Kriegsgefangene auf dem Weg in das Stalag X B Sandbostel.

Vollkommen entrechtet und dem Tod geweiht: sowjetische Kriegsgefangene auf dem Weg in das Stalag X B Sandbostel.

Bild: unbekannt, 1941 (Archiv Gedenkstätte Lager Sandbostel)

Sandbostel. Am Montag, 22. Juni, jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Mit diesem Tag begann ein völlig neuartiger und bis dahin nie dagewesener Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg gegen die vermeintlichen „Untermenschen“ und den „jüdischen Bolschewismus“. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zeigte sich nicht nur in den Kampfhandlungen, sondern auch im erbarmungslosen Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen.

In der besetzten Sowjetunion wurden die Kriegsgefangenen zunächst hinter der Front in großen Sammelstellen auf freiem Feld untergebracht. Politkommissare und jüdische Soldaten wurden bereits dort selektiert und von der Wehrmacht ermordet. Von den mehr als drei Millionen sowjetischen Soldaten, die 1941 in Gefangenschaft gerieten, starben bis zum Frühjahr 1942, also innerhalb weniger Monate, etwa zwei Drittel. Bis zum Kriegsende sollten es insgesamt etwa 5,7 Millionen Gefangene werden, von denen mindestens 2,6 Millionen, wahrscheinlich jedoch bis zu 3,3 Millionen Menschen ums Leben kamen. Eine kaum vorstellbare Zahl.

Für die Behandlung der Kriegsgefangenen war allein die deutsche Wehrmacht verantwortlich. Bewusst verweigerte sie den sowjetischen Soldaten jegliche völkerrechtlichen Standards. Der Tod durch strukturelle Gewalt wie Nahrungsmittelentzug und Mangelversorgung oder durch direkte Gewalt der Wachmannschaften war dabei nicht nur einkalkuliert, sondern wurde bewusst herbeigeführt. Generalstabschef Franz Halder gab die Richtlinie vor: „Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad“. Dementsprechend wurden den sowjetischen Kriegsgefangenen mit einer fadenscheinigen Begründung jegliche Rechte nach der Genfer Konvention vorenthalten. Der für das Kriegsgefangenenwesen zuständige Generalquartiermeister Eduard Wagner präzisierte am 13. November zudem: „Nicht arbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern“. Diese systematische Missachtung der auch vom Deutschen Reich ratifizierten Genfer Konvention und der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen gelten heute als eines der größten Kriegsverbrechen der Geschichte.

Kranzniederlegung auf dem Lagerfriedhof

Die Gedenkveranstaltung anlässlich des 85. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion beginnt am Montag, 22. Juni, um 17 Uhr auf dem ehemaligen Lagerfriedhof an der Bevener Straße o. Nr. in Sandbostel. Wie in jedem Jahr soll an diesem Tag der im Stalag X B gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht werden. Sie stammten aus allen sowjetischen Teilrepubliken und ruhen gemeinsam anonym in Massengräbern.

Aufgrund des unvermindert andauernden völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine wird die Stiftung Lager Sandbostel der im Stalag X B gestorbenen Kriegsgefangenen in kleinem Rahmen gedenken und einen Kranz niederlegen. Interessierte sind herzlich eingeladen, an der Veranstaltung teilzunehmen.

Vortrag über Zwangsarbeit auf einem Bremer Müllplatz

Im Anschluss hält der Historiker Joshua Mathis Härtel einen Vortrag über ein sowjetisches Arbeitskommando in Bremen.

Ab Herbst 1941 wurden sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter auf einem Müllabladeplatz an der Bremer Duckwitzstraße eingesetzt. Dort mussten sie im Dienst der nationalsozialistischen „Altmaterialverwertung“ Schwerstarbeit verrichten. Mehrere von ihnen starben in der Folge. Der Vortrag nimmt die Vorgänge in diesem besonderen Arbeitskommando in den Blick und verortet den hohen Stellenwert von Müllsammlungen und Müllsortierung im Kontext der Kriegswirtschaft.

Der Vortrag „Zwangsarbeit zwischen Abfall und Aussortierung: Sowjetische Kriegsgefangene auf einem Bremer Müllplatz“ beginnt am Montag, 22. Juni, um 18 Uhr im Kinosaal/Seminarraum 2, Greftstraße 5, in Sandbostel.

Joshua Mathis Härtel ist Historiker und recherchiert zum Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen. Er studiert im Master „Public History“ an der Universität Bremen.


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