Lena Stehr

Es wird brenzlig für die Feuerwehr

Landkreis. Ehrenamtliche fürchten Mangel an qualifizierten Einsatzkräften

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Wenn es brennt oder ein Unfall passiert, sind es immer die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren, die als Erstes vor Ort sind, um zu helfen. Doch es könnte brenzlig werden für die insgesamt 3.242 Ortsfeuerwehren in Niedersachsen. Denn die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen haben auch auf die wichtige Arbeit der 126.596 ehrenamtlichen Retter*innen gravierende Auswirkungen und lösen Zukunftsängste aus, weil womöglich bald qualifizierte Feuerwehrleute bei wichtigen Einsätzen fehlen werden.
 
Trainingsrückstände
 
„Es finden momentan deutlich weniger Lehrgänge statt, sodass viele angehende Feuerwehrleute ihre Grundausbildung nicht absolvieren und nicht in den aktiven Dienst wechseln können“, sagt Stadtbrandmeister Jörg Bernsdorf aus Osterholz-Scharmbeck.
Weil zudem nur noch wenig oder gar keine Übungsdienste und auch keine Alarmübungen mehr stattfinden, komme es zu Trainingsrückständen. Es verlerne natürlich keiner so schnell, wie man sich beim Einsatz zu verhalten habe, dennoch würden bestimmte Abläufe und Handgriffe länger dauern, wenn sie nicht regelmäßig geübt würden.
 
Kaum Kinder- und Jugendarbeit
 
Besonders schade sei, dass die Kinderfeuerwehren - darunter zwei am Jahresanfang neu gegründete - sich seit Beginn der Pandemie nicht treffen konnten. Auch die Jugendfeuerwehren korrespondierten hauptsächlich online mit ihren Betreuer*innen und konnten nur kleine theoretische Unterrichte absolvieren. Spannender Feuerwehralltag, der aus kleinen Feuerwehrleuten später mal große Brandlöscher*innen macht, sehe anders aus.
„Wir befürchten, dass das Interesse schwindet, wenn es nicht vorangeht und zudem auch noch die Kameradschaft zu kurz kommt“, sagt Jörg Bernsdorf. Denn die Geselligkeit und der gemeinsame Spaß an der Sache sei der „Kit, der alles zusammenhält“.
Ähnlich sieht es auch Stefan Krohn, Ortsbrandmeister der Gemeinde Beverstedt (Landkreis Cuxhaven). Er berichtet, dass man von einem Drittel der Mitglieder in den Jugendfeuerwehren nichts mehr höre, seit es keine regelmäßigen Treffen mehr gebe. „Die suchen sich andere Beschäftigungen, kommen womöglich auch nicht wieder und fehlen uns dann künftig in der aktiven Wehr“, fürchtet Krohn.
Dadurch, dass auch alle Veranstaltungen ausfallen, auf denen sich die Feuerwehr sonst im Dorf präsentieren und vorstellen könne, gehe auch der wichtige Kontakt zur Bevölkerung verloren, sagt Krohn. Und damit eben auch die Möglichkeit, junge wie ältere, zum Beispiel durch das Vorführen von Löschübungen oder mit einer Tour im Feuerwehrauto, für den Feuerwehrdienst zu begeistern.
 
Fachkräftemangel programmiert
 
Langfristige Probleme sieht der Ortsbrandmeister auf die Feuerwehren zukommen, weil sich nicht nur bei den Grundausbildungslehrgängen, sondern auch bei allen weiterbildenden Lehrgängen viel aufstaue. Normalerweise fänden 40 bis 60 Lehrgänge pro Quartal statt. Die Ehrenamtlichen würden dabei unter anderem zu Atemschutzgeräteträger*innen, Maschinist*innen oder Sprechfunker*innen ausgebildet, damit sie bei Einsätzen diese speziellen Aufgaben übernehmen können. Durch die coronabedingten Ausfälle und Verschiebungen würden bald viele qualifizierten Kräfte in den Ortswehren fehlen.
 
Kalender rückt Feuerwehr in den Fokus
 
Einen besonders kreativen Weg, die Feuerwehr in Coronazeiten in den Fokus zu rücken und zum Mitmachen anzuregen, haben die Feuerwehrfrauen der Ortswehren aus Beverstedt gefunden - und es damit sogar in die überregionale Presse geschafft. Auch mehrere Fernsehsender waren schon vor Ort, um über den Kalender zu berichten, in dem knapp die Hälfte der insgesamt 62 weiblichen Brandschützer*innen in feuerwehrtypischen Posen - aber gleichzeitig auch betont weiblich - zu sehen ist. Zum Beispiel beim Aufbrechen einer Scheunentür, am Wasserhydranten oder am Autowrack.
 
Frauenquote erhöhen
 
„Man soll sehen, dass wir Frauen sind, deshalb haben wir bewusst Helme und Jacken weggelassen“, sagt Feuerwehrfrau Saskia Ullrich. Sie und ihre Mitstreiter*innen hoffen, mit der Aktion noch mehr Frauen für das Ehrenamt begeistern zu können. Die Resonanz sei jedenfalls überwältigend gewesen, sodass es den Kalender jetzt nicht nur in der Gemeinde zu kaufen, sondern auch online unter www.nord24.de zu bestellen gibt. Die Hälfte des Verkaufserlöses kommt den Feuerwehrfrauen der Gemeinde Beverstedt zugute.
Der Frauenanteil in den Niedersächsischen Ortsfeuerwehren liegt derzeit bei 12,4 Prozent und hat sich damit laut des Jahresberichts der niedersächsischen Feuerwehren weiter erhöht. Genauso wie der Anteil der Jugendlichen. Mehr als 44.800 Mädchen und Jungen waren 2019 in den Kinder- und Jugendfeuerwehren aktiv - ein neuer Höchststand. Bleibt abzuwarten, wie der Bericht im kommenden Jahr ausfallen wird.


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