Lena Stehr

Auslaufmodell Einkaufsmeile

Niedersachsen.  Auf dem Innenstadtgipfel diese Woche wurden kreative Entwicklungsimpulse zur Rettung der Innenstädte gesetzt und vor Ort laufen erste Projekte an.

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Shop an Shop. Das muss sich ändern, wollen Innenstädte überleben. Foto: adobestock/C.Schwier

Shop an Shop. Das muss sich ändern, wollen Innenstädte überleben. Foto: adobestock/C.Schwier

Foto: Christian Schwier

Mutig sein, Innenstadt neu denken, auf eine „Inszenierung und Emotionalisierung“ des öffentlichen Raums setzen und das Zentrum als multifunktionalen Raum entwickeln: Das sei laut der aktuellen IHK-Publikation „Zukunft Innenstadt“ unumgänglich, wenn der Standort als solches gestärkt werden soll. Oder anders gesagt - wenn die vielerorts auch schon vor Corona im Sterben liegenden Innenstädte noch mal erfolgreich reanimiert werden sollen.
Die Attraktivität hänge schon lange nicht mehr von einzelnen Geschäften, sondern von der Identität und Ausstrahlungswirkung als Ganzes ab. Neben Einzelhandel und Gastronomie sollten laut IHK ganz klar auch andere Nutzungen ins Auge gefasst werden.
 
Innovativ und kreativ
 
Kollektiv bewirtschaftete Flächen („urban gardening“), innovative Gewerbemietmodelle wie temporäre Pop-up-Geschäfte, Kreativwirtschaft, also Mischbetrieben aus Handwerk und Verkauf (Industrie zum Anfassen) und neue Orten zum Erholen und Verweilen wie begrünte Dächer sind Ideen, die wieder Leben in die Innenstädte bringen sollen.
Auch öffentliches WLAN, Ladestationen für Handys und Laptops sowie großzügige Spielplätze und Sportangebote wie Kletterwände an öffentlichen Gebäuden könnten einen innovativen Beitrag zur „Innenstadt von morgen“ leisten, so weitere Vorschläge der Handelskammer. Denkbar seien auch saisonabhängige Events, wie Eislaufflächen im Winter (Beispiel Braunschweig) oder Swimming-Pools im Sommer wie es Wien vormacht.
 
„Es ist fünf nach zwölf“
 
Für die Innenstädte in der Coronakrise sei es „fünf nach zwölf“ sagt der Präsident vom Niedersächsischen Städtetag, OBM Ulrich Mädge aus Lüneburg. Der kommunale Spitzenverband fordert deshalb vom Land Niedersachsen ein Sofortprogramm in Höhe von mindestens 70 Millionen Euro zur Stärkung der Innenstädte.
Nach dem Innenstadtgipfel, den der Verband mit der IHK Niedersachsen sowie Wirtschaftsminister Bernd Althusmann und Bauminister Olaf Lies am 16. Februar abhielt, wurde das Positionspapier „2021 - Schicksalsjahr der Innenstädte“ vorgelegt. Der Städtetag schlägt darin unter anderem einen Grundstücksfonds mit einem Volumen von rund 100 Millionen Euro vor. Daraus sollten Kommunen Grundstücke erwerben, entwickeln und zielgerichtet vermarkten können, um Leerstände zu vermeiden. Gefördert werden sollten außerdem Zentrums- oder Innenstadtmanager:innen, die lokale Interessenlagen, Bedarfe und Rahmenbedingungen wie das Mietniveau zwischen Vermieter:innen, Gründer:innen, Unternehmer:innen oder Mieter:innen und Anwohner:innen koordinieren. Das waren auch die grundlegenden Themen beim Innenstadtgipfel des Niedersächsichen Städte- und Gemeindebundes am vergangenen Donnerstag. Hier wurden praktische Hilfsmöglichkeiten für die Mitglieder aufgezeigt und die Initiative „Innenstadt 5.0. gestartet, in dessen Rahmen die Digitalisierung in den Städten vorangetrieben werden soll. Aber auch flexiblere Öffnungszeiten des Einzelhandels - auch an Sonntagen - sei eine notwendige Perspektive, soll Corona sich nicht wie ein Großflächenbrand auf die Innenstädte auswirken. Zudem wird für eine Förderung kommunaler Modellprojekte wie Microhubs (Annahme- und Abholstelle für Onlinebestellungen) plädiert, die auf eine Verkehrsreduktion abzielen. Im Spannungsfeld zwischen stationärem und Onlinehandel regen zudem sowohl Städtetag als auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund eine Produktversandsteuer an.
Die Grünen-Landesvorsitzende Anne Kura wies im Vorfeld des Gipfels daraufhin, dass leer stehende Einzelhandelsimmobilien nicht mehr zu „Spekulationsobjekten“ werden dürften, da hiermit „Entwicklung über Jahre blockiert werden.“
Minister Althusmann hat nun eine Unterstützung der Landesregierung in „zweistelliger Millionenhöhe“ zugesagt.
 
Entwicklung in Bremervörde und Osterholz-Scharmbeck
 
Auch in den beiden Städten Bremervörde und Osterholz-Scharmbeck ist die Innenstadtentwicklung Thema. Beide Städte befinden sich im Städtebauförderungsprogramm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“ des Landes. In beiden Städten gibt es bereits freies WLAN und es herrscht grundsätzlich Konsens darüber, dass es einen Mix aus Handel, Wohnen und Freizeit geben muss.
„Wir müssen weg vom Image als reine Einkaufsstadt und uns als Erlebnisstadt begreifen“, sagt auch Bärbel Hensel vom City- und Stadtmarketingverein in Bremervörde. Sie plädiert unter anderem für Klettermöglichkeiten und Pop-up-Stores, die vorübergehend und für wenig oder gar keine Miete in leer stehenden Geschäftsräumen betrieben werden und insbesondere jungen Leuten die Chance geben könnten, sich unternehmerisch auszuprobieren.
In Osterholz-Scharmbeck läuft derzeit gerade der erste von insgesamt drei geplanten städtebaulichen Wettbewerben. Im März rechnet Baudezernent Manuel Reichel mit ersten Ergebnissen zur Umgestaltung des Bereichs „rund um die Kirche“. Inzwischen gibt es auch einen Sanierungsbeirat, dem auch drei stimmberechtigte Schülervertreter:innen angehören. „Wir wollen, dass die Menschen aktiv mitgestalten und entscheiden können“, betont Reichel.
Wichtig sei, dass es mehr Angebote für junge Familien, zum Beispiel einen Wasserspielplatz, im Zentrum gebe.
Ob die verantwortlichen Akteure am Ende mutig genug mit ihren Ideen waren und es tatsächlich gelingt, wieder mehr Menschen für einen Innenstadtbesuch zu begeistern, bleibt abzuwarten.
 


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