

Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit lassen sich bis heute nur eingeschränkt eindeutig beziffern. Auf das Referendum vom Juni 2016 folgten mehrere externe Schocks, die sich zeitlich überlappten und nicht nur die Entwicklung der britischen Volkswirtschaft beeinflussten: 2020 traf die Corona-Pandemie das Land besonders hart, ab 2022 verschärften der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, steigende Energiepreise und hohe Inflation die Lage. Ökonomen verweisen deshalb darauf, dass sich der spezifische Brexit-Effekt nur schwer von anderen Einflussfaktoren trennen lässt.
Unmittelbar nach dem Referendum kursierten sehr pessimistische Einschätzungen: In einem Kurzbericht aus dem Jahr 2018 prognostizierte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass das reale Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens zwischen 2016 und 2020 kumuliert rund acht Prozentpunkte langsamer wachsen würde als noch in den Vorausschätzungen von 2015. Als ein zentrales Warnsignal galten die Investitionen: Die Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen fielen 2017 auf rund 15 Milliarden US-Dollar zurück, nachdem sie seit 2010 im Jahresdurchschnitt bei mehr als 65 Milliarden US-Dollar gelegen hatten. Die anhaltende Unsicherheit über die künftigen Beziehungen zur EU wirkte damit früh als Investitionsbremse.
Handel, Dienstleistungen und Wechselkurs als Belastungsfaktoren
Deutlicher messbar sind die wirtschaftlichen Einschnitte inzwischen im Außenhandel. Zwischen 2021 und 2023 sanken die britischen Warenexporte in die EU um 27 Prozent, während die Importe aus den EU-Staaten um 32 Prozent zurückgingen. Zwar sieht das Handels- und Kooperationsabkommen zwischen Großbritannien und der EU (TCA) grundsätzlich einen zollfreien Warenverkehr vor, doch neue nichttarifäre Handelshemmnisse belasten den Austausch: Unternehmen müssen seither umfangreiche Ursprungsregeln erfüllen, zusätzliche Dokumente vorlegen und sich auf Grenzkontrollen einstellen. Zollfreiheit gilt nach dem TCA nur für Waren, die aus Großbritannien kommen oder dort unter bestimmten Voraussetzungen hergestellt wurden. Das nachzuweisen, kostet Geld und Zeit. Besonders problematisch sind die Vorgaben für Firmen mit komplexen Lieferketten oder geringen Margen.
Stark betroffen ist der Dienstleistungssektor, der vor dem Brexit zu den wichtigsten Exportstützen der britischen Wirtschaft zählte und eng in den EU-Binnenmarkt integriert war. Die British Chambers of Commerce beziffern den Rückgang der Dienstleistungsexporte in EU-Märkte auf 15,8 Prozent und berufen sich dabei auf Studien. Die gesamten britischen Dienstleistungsausfuhren bis 2025 liegen vier bis fünf Prozent unter dem Niveau, das ohne Brexit erwartet worden wäre. Eine Verlagerung der Exporte in andere Weltregionen konnte die Verluste im EU-Markt bislang nicht vollständig ausgleichen. Die Entwicklung deckt sich mit den Erwartungen des Office for Budget Responsibility (OBR): Die Behörde rechnet langfristig mit 15 Prozent niedrigeren Importen und Exporten aus und nach Europa (verglichen mit einem hypothetischen Verbleib in der EU). Das OBR vertritt ebenfalls die Einschätzung, dass neue Handelsabkommen mit Nicht-EU-Ländern das fehlende Handelsvolumen nicht ausgleichen werden.
Konjunkturdaten sprechen keine klare Sprache
Auch die Finanzmärkte reagierten früh: Das britische Pfund wertete unmittelbar nach dem Referendum deutlich gegenüber dem US-Dollar ab und hat sich seitdem auf einem dauerhaft niedrigeren Niveau eingependelt.
Dennoch ergibt sich aus aktuellen Konjunkturdaten ein komplexes Bild: Frühere Annahmen, die britische Volkswirtschaft habe sich nach der Pandemie langsamer erholt als andere Industrienationen, beruhten teilweise auf fehlerhaften Daten und wurden revidiert. Tatsächlich fiel die Erholung stärker aus als etwa in Deutschland. Für 2025 wird dem Vereinigten Königreich ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent attestiert – das zweitstärkste innerhalb der G7 hinter den USA. Britische Ökonomen rechnen allerdings damit, dass sich das Wachstum in den kommenden Jahren verlangsamt.
Das sagen britische und deutsche Unternehmen
Wie Unternehmen selbst die Folgen des Brexit bewerten, zeigen unter anderem Umfragen der British Chambers of Commerce (BCC). Danach überwiegt weiterhin die Skepsis. In einer aktuellen Erhebung geben 54 Prozent der befragten exportorientierten Unternehmen an, dass das Handels- und Kooperationsabkommen (TCA) mit der EU ihnen nicht dabei geholfen hat, ihr Geschäft wachsen zu lassen. Nur eine Minderheit sieht im Abkommen einen klaren Vorteil. Besonders häufig genannte Handelshemmnisse sind zusätzliche Bürokratie, höhere Kosten und größere Unsicherheit im grenzüberschreitenden Geschäft. Rund zwei Drittel der exportierenden Unternehmen berichten von gestiegenem Verwaltungsaufwand, etwa durch Ursprungsnachweise, Zollformalitäten oder unterschiedliche regulatorische Anforderungen. Viele kleine und mittlere Betriebe hätten ihre EU-Aktivitäten reduziert oder ganz eingestellt, weil sich Exporte wirtschaftlich nicht mehr rechneten. Nicht nur der Umfang, sondern auch die Vielfalt der britischen Ausfuhren hat abgenommen.
Auch im Dienstleistungsbereich bleibt die Stimmung gedrückt: Fehlende gegenseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen, Visafragen und eingeschränkte Marktzugänge gelten laut BCC als zentrale Wachstumshemmnisse. Entsprechend deutlich fallen die politischen Forderungen aus. Die British Chambers of Commerce drängen auf eine praktische Weiterentwicklung des TCA, insbesondere auf Vereinfachungen bei Ursprungsregeln, digitale Zollverfahren und branchenspezifische Abkommen für Dienstleistungen. Zudem fordern sie eine stärkere regulatorische Kooperation mit der EU sowie gezielte Unterstützungsprogramme für exportorientierte Unternehmen.
Trotz eines insgesamt anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds bleibt Großbritannien für viele deutsche Unternehmen ein relevanter Absatz- und Investitionsmarkt. In einer Umfrage der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer bewerteten im Herbst 2025 39 Prozent der befragten Firmen ihre Geschäftslage im Vereinigten Königreich als positiv, weitere 40 Prozent als stabil. Die Erwartungen an die konjunkturelle Entwicklung bleiben jedoch gemischt: 14 Prozent rechnen mit einer wirtschaftlichen Belebung, während 42 Prozent einen negativen Trend erwarten. Langfristig überwiegt vorsichtiger Optimismus. Nach Angaben der britischen Handelskammer in Deutschland plant rund ein Drittel der deutschen Unternehmen, bis 2030 mehr als fünf Millionen Euro in Großbritannien zu investieren. Schwerpunkte liegen dabei auf Zukunftsbranchen wie Digitalisierung, Verteidigung, Life Sciences und Clean Energy. Diese Einschätzung spiegelt sich auch in konkreten Projekten wider: So investiert das Biotechnologieunternehmen BioNTech bis zu 1,2 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, während MVV Energie in Wisbech eine 575 Millionen Euro teure Müllverwertungsanlage errichtet. Rheinmetall wiederum baut für rund 460 Millionen Euro ein Werk zur Produktion von Artillerierohren in Telford.
In unserer kommenden Ausgabe erfahren sie im zweiten Teil, welche Spuren der Brexit auf dem Arbeitsmarkt und in Politik und Gesellschaft hinterlassen hat. Der Artikel erscheint auch online am 7. Februar 2025.




