Patrick Viol

Wenn Hilfe 7000 Kilometer reist

Der Verein Lachende Kinder in Nepal e.V. aus Osterholz-Scharmbeck unterstützt seit über 20 Jahren Kinder und Jugendliche in Nepal. Vorsitzender Norbert Romahn hat die Projekte vor Ort besucht.

Wenn die Kinder einen anlächeln oder in den Arm nehmen, dann weiß man, warum man das alles macht: Nobert Romahn mit Mädchen, die das Mädchenhaus bereits verlassen haben.

Wenn die Kinder einen anlächeln oder in den Arm nehmen, dann weiß man, warum man das alles macht: Nobert Romahn mit Mädchen, die das Mädchenhaus bereits verlassen haben.

Bild: Kaho

Wenn Norbert Romahn von Nepal erzählt, spricht er selten zuerst über Berge oder Tempel. Er spricht von Kindern. Von Mädchen, die ihm schüchtern die Hand reichen. Von ehemaligen Bewohnerinnen eines Kinderhauses, die fast 600 Kilometer im Nachtbus zurücklegen, nur um ihre alten Freundinnen wiederzusehen. Und von Eltern, die in einer Teppichfabrik arbeiten und hoffen, dass ihre Kinder einmal ein anderes Leben führen können als sie selbst.

Diese Begegnungen sind der Grund, warum der Vorsitzende des Vereins „Lachende Kinder in Nepal“ immer wieder die lange Reise auf sich nimmt. Im April ist er von seinem jüngsten Besuch zurückgekehrt – mit vielen Eindrücken, Fortschritten in Projekten und der Gewissheit, dass die Hilfe aus Osterholz-Scharmbeck in Nepal tatsächlich ankommt.

Die Geschichte beginnt 2002. Damals nimmt sich Romahn eine längere Auszeit, reist mehrere Monate durch Nepal und das Himalaya-Gebirge. Während einer Trekkingtour wird er krank. Kinder kümmern sich rührend um ihn. „Dafür wollte ich etwas zurückgeben“, erinnert er sich im Gespräch. Dass daraus einmal mehr als zwei Jahrzehnte ehrenamtliches Engagement werden würden, hätte Romahn zu dem Zeitpunkt wohl selbst noch nicht gedacht.

Von einer Reise zur Lebensaufgabe

Nach seiner Rückkehr lässt ihn das Erlebte nicht mehr los. Zwei Jahre später gründet er gemeinsam mit einigen Mitstreitern den Verein „Lachende Kinder in Nepal“. Das Ziel ist bis heute unverändert: Kindern vor allem durch Bildung eine Perspektive geben.

Der Verein ist bewusst klein geblieben. Gerade einmal acht Mitglieder gehören ihm an. Statt einer großen Vereinsstruktur setzt Romahn auf einen festen Kreis von Sponsoren, viele Ehrenamtliche und Aktionen wie den Osterholzer Modellbahntag. „Wir sind klein und schlagkräftig“, sagt er lachend.

Erstmals waren diesmal auch Romahns Kinder Noah und Clémence dabei. Beide helfen schon lange bei Vereinsaktionen mit und schreiben Briefe an Mädchen im Kinderhaus. In Nepal konnten sie ihre Brieffreundinnen nun zum ersten Mal persönlich treffen. „Das war natürlich etwas ganz Besonderes“, sagt Romahn. Für die Jugendlichen sei Nepal zunächst ein kleiner Kulturschock gewesen – der dichte Verkehr, die Armut, die völlig andere Lebensweise. Gleichzeitig seien sie beeindruckt gewesen von der Herzlichkeit der Menschen und der Lebensfreude der Kinder.

Herzstück Mädchenhaus

Der erste Weg nach der Landung in Kathmandu führt traditionell in das Mädchenhaus „Chhahari“ im Stadtteil New Baneshwor. Dort leben rund 20 Mädchen, die ohne die Unterstützung des Vereins kaum eine Chance auf Schulbildung hätten. „Das ist unser Herzensprojekt“, sagt Romahn.

Für die Kinder ist der Besuch aus Deutschland jedes Mal etwas Besonderes. Einige der jüngeren Mädchen kannten Romahn und seine Frau bislang nur aus Erzählungen. Entsprechend zurückhaltend verliefen die ersten Minuten. „Am Anfang sind sie immer etwas schüchtern“, erzählt Romahn. „Aber das legt sich ganz schnell. Irgendwann greifen sie einfach nach deiner Hand.“

Was folgt, sind Tage voller gemeinsamer Erlebnisse. Es wird gekocht, gespielt, gelacht und gesungen. Für einen Ausflug mietet der Verein eigens einen Bus. Die Mädchen hatten sich den Botanischen Garten von Godawari gewünscht. Schon während der Fahrt herrscht ausgelassene Stimmung. Die Kinder singen traditionelle Lieder aus ihrer Heimatregion im Westen Nepals, erzählen Geschichten und lachen miteinander. Nach dem Ausflug geht es gemeinsam in ein Restaurant. Auf den Tisch kommen Momos – die gefüllten nepalesischen Teigtaschen, die zu den beliebtesten Gerichten des Landes gehören. Für viele Mädchen ist schon ein solcher Restaurantbesuch alles andere als selbstverständlich. „Alle hatten einfach einen wunderschönen Tag, einmal abseits des Alltags“, sagt Romahn.

Briefe und Gänsehautmomente

Mitgebracht hatte die Reisegruppe nicht nur kleine Geschenke, sondern auch Briefe von Schülerinnen und Schülern aus Osterholz-Scharmbeck. Was dann geschieht, überrascht selbst den erfahrenen Vereinsvorsitzenden. Kaum sind die Briefe verteilt, bilden die Mädchen einen großen Kreis. Jede möchte sofort lesen, was ihre Brieffreundin oder ihr Brieffreund geschrieben hat. Gleichzeitig wird neugierig verfolgt, welche Nachrichten die anderen erhalten haben.

„Mir war vorher überhaupt nicht bewusst, welchen Stellenwert diese Briefe für die Kinder haben“, erzählt Romahn. Aus einer vermeintlich kleinen Geste wird ein Ereignis, das den ganzen Nachmittag prägt. Anschließend geben die Mädchen Antworten mit zurück nach Deutschland – oft zusammen mit kleinen Überraschungen oder Süßigkeiten.

Wiedersehensfreude nach 600 Kilometern

Besonders bewegend wird die Reise, als zwei ehemalige Bewohnerinnen des Mädchenhauses eintreffen. Manisha und Kalapana leben inzwischen mehrere hundert Kilometer entfernt. Weil sie sich die Anreise nicht leisten können, übernimmt der Verein die Kosten. Rund 600 Kilometer legen beide im Nachtbus zurück – fast einen ganzen Tag lang.

Eine Woche verbringen die jungen Frauen noch einmal mit ihren ehemaligen Mitbewohnerinnen. Für den Vereinsvorsitzenden ist dieses Wiedersehen der Beweis dafür, dass das Mädchenhaus weit mehr ist als nur eine Unterkunft. „Man sieht einfach, wie sich die Mädchen entwickelt haben. Das macht einen stolz.“

Die Reise geht weiter

Nach den Tagen in Kathmandu führt die Reise weiter nach Dolakha. Auf der Landkarte sind es gerade einmal 130 Kilometer. Tatsächlich benötigt die Gruppe siebeneinhalb Stunden mit dem Jeep. Regen, Hagel, Schlaglöcher und schlammige Straßen machen die Fahrt zu einer Geduldsprobe. „Man merkt dort erst, wie schwierig Infrastruktur sein kann“, sagt Romahn.

An der Gaurishankar English Medium School wartet dafür ein herzlicher Empfang. Schülerinnen und Schüler führen traditionelle Tänze auf, Eltern bedanken sich für die langjährige Unterstützung und auch die Gäste aus Deutschland müssen selbst ein paar Tanzschritte wagen. Der Verein finanziert dort weiterhin die Schulbildung von 120 Kindern. Zusätzlich beteiligt er sich an der Erneuerung der Dächer sowie am Bau eines Lagergebäudes.

Ein weiterer Programmpunkt führt Romahn nach Budhanilkantha. Dort besucht er Familien, deren Kinder ebenfalls durch den Verein unterstützt werden. Viele Eltern arbeiten in Teppichfabriken. Sie leben und arbeiten auf engstem Raum. „Die Wohnungen sind oft kleiner als 15 Quadratmeter für ganze Familien“, berichtet Romahn im Interview. Trotzdem hätten ihn viele Eltern herzlich empfangen und immer wieder betont, dass sie für ihre Kinder eine bessere Zukunft wollten. „Sie möchten, dass ihre Kinder später einmal einen anderen Beruf ausüben als sie selbst.“ Genau deshalb setze der Verein auf Bildung statt kurzfristiger Hilfe.

Projekte vorantreiben

So emotional die Begegnungen sind – ein großer Teil der Reise besteht aus organisatorischer Arbeit. Gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort begutachtet Romahn Gebäude, spricht mit Behörden und entscheidet, welche Investitionen notwendig sind.

Wer glaubt, der Verein überweise lediglich Spendengelder nach Nepal, irrt. Wenn neue Möbel, Computer oder andere Dinge benötigt werden, kauft Romahn sie gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort ein. Auch bei größeren Bauprojekten müssen die Partner in Nepal grundsätzlich einen Eigenanteil übernehmen. „Wir wollen gemeinsam Verantwortung übernehmen“, erklärt er. „Wir können Projekte anschieben, aber wir können nicht alles allein finanzieren.“

Diesmal stehen wichtige Beschlüsse an. Das Mädchenhaus erhält einen neuen Mietvertrag über fünf Jahre. Außerdem finanziert der Verein den Bau von zwei zusätzlichen Zimmern, zwei weiteren Toiletten sowie weitere Sanierungsarbeiten am Gebäude. Rund 2.000 Euro kostet das Projekt. „Das mussten wir zusagen. Sonst hätte das Haus die Auflagen nicht mehr erfüllt“, erklärt Romahn.

Für einen kleinen Verein ist das keine Selbstverständlichkeit. Jede neue Zusage bedeutet auch neue Verantwortung. Allein für den laufenden Betrieb der Projekte müssen künftig jährlich mehrere tausend Euro zusätzlich eingeworben werden. Aus diesem Grund ist der Verein „Lachende Kinder in Nepal“ auch stets auf der Suche nach neuen Sponsoren.

Nach zwei intensiven Wochen kehrt Familie Romahn erschöpft nach Deutschland zurück. „Das war kein Urlaub“, sagt Norbert Romahn und lacht. „Danach hätte ich eigentlich noch eine Woche Urlaub gebraucht.“ Und doch steht für ihn längst fest, dass er 2028 wieder nach Nepal fliegen möchte. Denn keine Videokonferenz könne ersetzen, was ein persönlicher Besuch bewirke. Besonders dann nicht, wenn sich Jahre später ehemalige Schützlinge melden, um einfach Danke zu sagen. Vor einiger Zeit erhielt Romahn einen Anruf eines inzwischen erwachsenen Mannes, dessen Schulbesuch der Verein einst finanziert hatte. Er bedankte sich dafür, dass er dadurch seinen eigenen Lebensweg habe gehen können. „Wenn die Kinder einen anlächeln oder in den Arm nehmen, dann weiß man, warum man das alles macht“, sagt Romahn. „Das ist der Lohn für die ganze Arbeit.“

Wer mithelfen und den Verein unterstützen möchte, kann sich an Norbert Romahn wenden – telefonisch unter 0172-1361446 oder per E-Mail an lakinepal@gmail.com, weitere Infos unter www.kinder-nepal.org.

 


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