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Tote gibt‘s hier genug

Worpswede (eb/pvio). Nachdem Worpswede zum „frauenOrt“ wurde, zeigt eine Ausstellung im öffentlichen Raum, was die Ernennung bedeutet: eine Verlebendigung der Gegenwartskunst von Künstlerinnen in der Kunstkolonie.

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Im März 2021 wurde Worpswede offiziell zum „frauenORT Paula Modersohn-Becker Worpswede“ ernannt. Damit gehört er zu den 43 „frauenORTEN Niedersachsen“, wie sie seit 2008 vom Landesfrauenrat Niedersachsen e. V. initiiert werden. Aber was ist eigentlich ein „Frauenort“? Was bedeutet es für Frauen, an einem solchen Ort zu leben und zu arbeiten? Fühlen Frauen in einem „Frauenort“ besondere Anerkennung? Paula Modersohn-Becker, die (tote) Patin des neuen „Frauenorts“ lebte hier in einer Zeit, als Frauen kaum wahrgenommen wurden. Heute ist sie omnipräsent, aber ist sie auch ein Vorbild?
Gisela Eufe, Anja Fußbach, Annegret Maria Kon, Claudia Piepenbrock und Rima Radhakrishnan gehen mit der Ausstellung „Tote gibt’s hier genug! Fünf lebendige Positionen“ diesen Fragen in der Galerie Altes Rathaus (voraussichtlich ab Sommer 2021) entlang der Bergstraße nach. Ab dem 5. Mai werden ihre Arbeiten im öffentlichen Raum von Worpswede zu sehen sein. Dabei treffen drei Generationen von Künstlerinnen aufeinander, deren Konzepte kaum verschiedener sein können. Obwohl die fünf Künstlerinnen in Worpswede oder Bremen leben und arbeiten, haben sie die unterschiedlichsten Blickwinkel auf den „Frauenort Paula Modersohn-Becker“. Der Titel der Ausstellung weist daraufhin, dass alle Patinnen der niedersächsischen Frauenorte seit mindestens 10 Jahren verstorben sind und es keine Lebende Patronin eines dieser Frauenorte ist. Außerdem ist er ein Plädoyer für zeitgenössische und junge Kunstpositionen in den Ausstellungen der Künstler:innenkolonie.
 
Eine Allegorie
 
Gisela Eufe ist ihrem Hauptthema der starken und zugleich filigranen Frauenfigur treu geblieben: Mit ihrer Arbeit „Allegorie“ greift sie zudem eines der ältesten Themen der Menschheit auf. Ihre nackte Frau mit Apfel erinnert den Betrachter auf den ersten Blick an die Urmutter und erste Frau Eva aus dem Alten Testament. Der Fokus liegt dabei aber nicht auf der biblischen Geschichte, sondern auf der Eva alleine, denn sie ist losgelöst von Adam als ihrem Pendant oder der sie in Versuchung führenden Schlange.
Die Weise, wie die junge Frau den Apfel präsentiert, macht deutlich, dass es sich bei ihr nicht um eine Eva handelt, sondern um eine Allegorie - eine Verkörperung. In dem Moment des Apfels greifen Gedankenstränge zum Thema Weiblichkeit, Verantwortung und Wachstum komplex ineinander.
 
Was zerrt an Frauen
 
Anja Fußbach beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Esther“ mit dem Spazierengehen im Allgemeinen und der Spazierkultur in Worpswede im Besonderen. Wir sehen eine promenierende Dame, die von einer unsichtbaren Kraft gezogen wird. Durch den Zug verbiegt sich ihr Körper in eine elegante und unhaltbare Pose, wie sie direkt aus den Hochglanzfotostrecken der Modezeitschriften aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen könnte. W er an der Leine zieht, ist nur durch die Leinen selbst angedeutet. So wirft die Skulptur weitergehende und das Thema betreffend spezifischere Fragen auf wie z. B.: Was sind die Grundthemen und Diskurse, die heute an Frauen „zerren“?
 
Zwischen Blende und Tradition
 
Claudia Piepenbrock konzipierte für die Ausstellung in der Bergstraße eine Skulptur, die sich mit verschiedenen Aspekten des Sujets der Tradition und ihrer Deformation auseinandersetzt. Mit „Rosé déformée, zwischen Blende und Tradition“ denkt die Bildhauerin darüber nach, wie gesellschaftliche und persönliche Auffassungen durch Traditionen sowie Konventionen nicht nur beeinflusst, sondern auch überblendet werden.
Ansatzpunkte sind dabei die historischen Begebenheiten der Künstlerkolonie und ihre Auswirkungen auf Ortsansässige und Besucher, inklusive dem Spannungsfeld zwischen tradierten und aktuellen künstlerischen Handlungsansätzen und Begriffen. Piepenbrock arbeitet nicht nur inhaltlich ortsbezogen, sondern sie integriert einen der Betonsockel, die für das Projekt eigens produziert wurden, als festen Bestandteil ihrer Skulptur. Er bildet sinnbildlich das traditionelle Fundament für die vorgesetzte Blende und die deformierte Gummimasse im Raum dazwischen.
Auch die Arbeiten von Annegret Maria Kon und Rima Radhakrishnan beschäftigen sich im weitesten Sinne mit der Klassifikation und Deformation von Frauen und ihrer Körper in der und durch die Öffentlichkeit.
Kuratiert wird „Tote gibt’s hier genug! Fünf lebendige Positionen“ von Mirjam Verhey-Focke (Kustodin am Gerhard-Marcks-Haus, Bremen.


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