Patrick Viol

Sehnsucht nach Unbeschwertheit

Junge Menschen blicken nach 15 Monaten auf ihr Leben in der Pandemie zurück.

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Hoffentlich bald wieder ohne Sorge möglich: Junge Menschen vermissen vor allem ihre Freund:innen, sie zu umarmen und die unbeschwerte Zeit mit ihnen.

Hoffentlich bald wieder ohne Sorge möglich: Junge Menschen vermissen vor allem ihre Freund:innen, sie zu umarmen und die unbeschwerte Zeit mit ihnen.

Dass Treffen seit Montag bei einer Inzidenz unter zehn ohne Haushaltsbegrenzung möglich sind, freut vor allem die Jugend, deren Leben eben nicht nur Lernen, sondern vor allem Freud:innen treffen und Feiern bedeutet. Höchste Zeit, ihnen Raum für einen persönlichen Rückblick auf die letzten 15 Monate Pandemie zu geben.
Derzeit fühle sich Neles Leben sehr „eintönig und kräftezehrend an“. Sie hoffe zwar, dass alles irgendwann wieder wie vorher werde, aber die Ungewissheit mache die Situation auch nicht besser. Nele ist 20 und Studentin und hat die Uni vor allem online kennengelernt. Sie hofft darauf, dass sie im Herbst die Universität auch physisch besuchen kann. Denn das Lernen nur durch Onlineseminare sei ihr deutlich schwerer gefallen. Den ganzen Tag allein im Zimmer auf einen Bildschirm zu blicken, sei sehr anstrengend und eintönig gewesen. Schüler:innen und Studierende seien teilweise „stark vernachlässigt“ worden, findet Nele.
 
Note: Mangelhaft
 
Auch Marcel bewertet den politischen Umgang mit Schüler:innen und Student:innen als „mangelhaft, um es diplomatisch auszudrücken.“ Er ist Abiturient am Osterholzer Gymnasium. Es sei zu viel nach Gefühl Hin und Her entschieden worden, wie er seine Notenvergabe begründet. Erst gab es einen Stufenplan, der nie an gewendet wurde, dann kam die Bundesnotbremse, dann wieder ein Stufenplan. Ein ähnliches Hin und Her habe es auch bei der Testpflicht für die Abschlussprüfungenen gegeben. Erst Pflicht, dann wieder freiwillig. Warum? „Nach 15 Monaten hätte man ja erwarten können, dass es ausgefeiltere Pläne als „Fenster auf“ gibt und dass Entscheidungen ausnahmsweise auch bundeseinheitlich getroffen werden.“ Auch das Homeschooling war für Marcel nicht der Hit. An einem Gerät zu lernen, an dem man aufgrund der Pandemie gezwungenermaßen auch die meiste Freizeit hocke, sei eher kontraproduktiv gewesen.
 
Gewöhnung ans Pandemielife
 
Für Berenike war es etwas anders. Die 16-jährige aus der Gemeinde Gnarrenburg habe die Aufgaben, die sie zu Hause zu bearbeiten hatte, besser lösen können. Auch habe sie sich mittlerweile daran gewöhnt, ihre Zeit nur zu Hause zu verbringen.
Eine Gewöhnung ans Pandemieleben hat auch bei Amelie, 18 und Schülerin aus Lilienthal, eingesetzt. Sogar so stark, dass es ihr teilweise schwerfiele, in das „normale Leben“ zurückzukehren. Für sie habe das Homeschoolung Vor- und Nachteile gehabt: Einerseits habe sie sich nicht wirklich angesprochen gefühlt und eine mündliche Beteiligung sei schwer gewesen, dafür habe sie sich zu Hause gut konzentrieren und sich ihre Zeit selbst einteilen können. Entsprechend denkt Amelie nicht, dass es der Jugend unbedingt schlechter ging als anderen gesellschaftlichen Gruppen. Aber es sei wichtig, zu verstehen, dass „alle leiden und krank werden können.“
Auch für Bufti Lion liegen „harte Monate hinter uns allen, die vermutlich bei vielen von Antriebslosigkeit und Ängsten bestimmt waren.“ Für ihn sei - wie für Marcel - schwer verständlich gewesen, dass „die verschiedenen Bundesländer teilweise total unterschiedliche Strategien gefahren sind.“ Er habe das Gefühl gehabt, dass jedes Land seinen eigenen Weg durchsetzen wollte und kaum miteinander gesprochen wurde. Auch für Amelie waren die ständigen Änderung „sehr anstrengend“. Wohingegen sich beim Thema Wirtschaft alle einig waren, hält Marcel fest: Die hatte bei allen Uneinigkeiten stets „die größte Priorität.“ Für ihn war das nicht nachvollziehbar.
 
Licht am Ende des Tunnels
 
Insgesamt sind die jungen Menschen aber - auch wenn einige Maßnahmen widersprüchlich, manche zu kurz, andere wie z. B. die Kontaktregeln zu weit griffen - zufrieden mit dem staatlichen Handeln in dem Sinne, dass wirklich versucht worden sei, die Pandemie im Rahmen der Sachzwänge und Möglichkeiten zu bekämpfen. „Mittlerweile weiß ich, dass es uns geholfen hat und ich finde die Maßnahmen auch sehr gut“, so Berenikes abschließendes Urteil. Lion sieht gar „Licht am Ende des Tunnels.“
 
Junge Sündenböcke
 
Etwas ambivalenter fällt ihr Urteil über den Umgang der Gesellschaft mit jungen Menschen in der Pandemie aus: Marcel und Lion kritisieren, dass junge Menschen und ihr Bedürfnis nach Freiheit und Feiern schnell zum Sündenbock gemacht wurden. Auch Nele sieht wenig Solidarität der Älteren mit den Jungen. „Viele denken, dass es doch eine ganz einfache Zeit für uns wäre und wir nur zuhause entspannen würden. Dass viele aber unter diesen neuen Umständen auch psychisch sehr zu leiden haben und dass man von morgens bis abends ein großes Aufgabenpensum zu bewältigen hat und welcher Druck auf einem lastet, sieht niemand.“
Und wenn man sich über betrunkene Jugendliche auf öffentlichen Plätzen aufregt, sollte man sich fragen, was zu einem solchen Verhalten geführt hat. Wahrscheinlich ein Mangel an Alternativangeboten, so Amelie. Sie findet solche Ansammlungen zwar auch nicht gut, glaubt aber, dass es vielen jungen Menschen einfach reicht und bei vielen in der Pandemie auch die Unterstützung von zu Hause gefehlt hat. Das sollte man auch sehen, betont Amelie, die sich mit ihren Eltern gut verstehe. Das sei aber nicht bei allen jungen Menschen vorauszusetzen.
Auch Lion betont, dass er - auch wenn er sich mit seiner Familie gut verstanden und ein paar neue Interessen entwickelt habe - den „Drang, mal wieder rauszukommen und etwas mit Freunden zu erleben, total nachvollziehen kann.“ Müsse ja nicht gleich von 0 auf 100 sein, so Lion.
Nun sollten aber - in Anbetracht der gegen Null laufenden Inzidenzwerte - auch den ängstlichsten Älteren Ansammlungen von fröhlichen Jungendlich keinen Anstoß mehr für Entrüstung liefern. Ja vielleicht verschaffen sie ihnen sogar einen Moment der glücklichen Erinnerung an eine Zeit, in der Zeit mit Freund:innen einem das Schönste und Wichtigste war, wie Nele, Berenike, Amelie, Lion und Marcel bestätigen. Denn das, was ihnen am meisten in den letzten 15 Monaten gefehlt habe, das waren Treffen mit ihren Freund:innen. Und die Unbeschwertheit dabei, wie Amelie betont. Die wünschen sich mit Sicherheit die meisten von uns zurück - egal welchen Alters.


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