

22:53 an der Bar eines Theaterrestaurants, nach der Opernvorführung lassen sich hervorragend die Gespräche anderer Leute belauschen. Diesmal gibt es einen etwas aufgeblasen wirkenden, aber vielleicht nur Begeisterung ausdrückenden Monolog über die Chöre bei Wagner. Besonders wird die Vielstimmigkeit gelobt. Seit diesem Moment störe ich mich am Begriff der Vielstimmigkeit. Aber warum?
Musiktheoretisch ist es sicherlich korrekt, bei Wagners Chören von Vielstimmigkeit zu sprechen, Polyphonie ist sein Ding. Der Chor singt mit so vielen ineinander verschränkten Stimmen und fügt sich mit dem Orchester, Bühnenbild und Solisten zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Schon klar. Also warum erscheint mir das so unangemessen?
Wie eine deutsche Sarah Jessica Parker sitze ich später rauchend am Fenster und kam nicht umhin mich zu fragen, ob sich hier eine Art Leerstelle in unseren deutschen Köpfen zeigt? Nämlich das Fehlen eines sozialen oder demokratischen Begriffs von Vielstimmigkeit. Was ich damit konkret meine ist eine demokratische Kultur in all unseren Köpfen, in unserem Denken von Welt und gesellschaftlichem Miteinander. Das erscheint im ersten Moment sehr groß, deshalb machen wir schnell einen Schritt zurück.
Bleiben wir bei Wagner. Wagners Chöre sind vielstimmig, viele verschiedene Gruppen singen miteinander, um ein großes Ganzes zu erschaffen. Aber diese Vielstimmigkeit ordnet sich einem großen Ziel unter. Die einzelnen Gruppen haben keine eigenen Ziele oder Interessen. Das geht auch anders, nur eben nicht in deutschen Köpfen.
Nehmen wir zum Beispiel Italien, nehmen wir Verdi. Bei Verdi spricht der Chor zwar mit einer Stimme, das Orchester nimmt sich zurück, damit der Chor gehört werden kann. Aber er hat seine eigenen Melodien und Lieder und verfolgt seine eigenen Ziele. Oft sind es unterlegene soziale Gruppierungen, die ins Geschehen eingreifen und damit verändern und gestalten.
Bei Wagner sind es nicht Stimmen mit eigenen Interessen, deren Widerstreit die Handlung vorantreibt. Es ist ein Held im Ringen mit den mythischen Kräften und am Ende sind am besten alle für die große Sache gestorben. Der Chor hat keine eigenen Ziele, es sind mythische Repräsentationen von Gralsrittern, Zwergen oder Riesen. Manchmal eine folgsame Masse. Undenkbar bei Verdi.
Und hier wird deutlich, in welche Richtung sich mein Gedanke bewegt: Fehlt es uns allen nicht ein wenig an einer Vorstellung von Vielstimmigkeit, die eben nicht darin besteht, dass alle zusammen etwas wollen? Sondern dass es verschiedene gesellschaftliche Gruppen gibt, die ihre eigenen Interessen verfolgen, aus denen sich dann eine Kultur, ein Land, eine Bevölkerung, zusammensetzt? Wäre das nicht eine wirklich demokratische Vielstimmigkeit, die wir irgendwie erstmal vergessen haben zu entwickeln und deren Fehlen bis heute verlässlich nur Platz macht für klebrigen Gemeinschaftsfimmel.
Denn wenn wir Deutschen versuchen diese Art von Vielstimmigkeit zu denken, dann wird so eine kitschige Multikulti Vorstellung daraus. Die nicht nur weltfremd und geschmacklos ist, sondern in die sich wieder der Mangel an Vielstimmigkeit eingeschlichen hat: Alles ist supidupi harmonisch. Auch hier gehen die einzelnen Gruppen wieder zusammen in etwas auf. Also auch unangenehm.
Irgendwie scheint es mir so, als hätten wir da historisch einen wichtigen Schritt verpasst. Woran es genau liegt, darüber sollen lieber Historiker Abhandlungen schreiben, das ist zu viel für eine Kolumne. Wagner allein ist es sicherlich nicht. Nur findet sich auch dort diese Leerstelle, die unsere Nachbarländer so nicht haben. Selbst Italien, dass ja auch erst spät Nation wurde, hat Verdi.
In Deutschland haben wir nur Wagner oder Multikulti. Beides verfehlt die eigentlich gesellschaftliche Dimension, in der wir eine demokratische Vielstimmigkeit als eine gewisse Selbstverständlichkeit von Kultur begreifen könnten.
Kolumne von Sarah Lenk
Sarahs Nachtgeschichte




