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Projekt Kidstime startet demnächst im Landkreis Osterholz

Landkreis Osterholz (jm). Sich nicht allein zu fühlen, ist wohl für jeden Menschen wichtig - ganz besonders gilt das für Kinder, die einen psychisch kranken Elternteil haben. Das Projekt Kidstime soll betroffenen Familien im Landkreis ein Stück Halt geben.

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Erfahrungswerte aus Rotenburg: Klaus Henner Spierling (Mitte) stellte dem Landkreis Osterholz und seinen Kooperationspartnern gemeinsam mit ehemaligen Teilnehmerinnen das Projekt Kidstime vor. Foto: jm

Erfahrungswerte aus Rotenburg: Klaus Henner Spierling (Mitte) stellte dem Landkreis Osterholz und seinen Kooperationspartnern gemeinsam mit ehemaligen Teilnehmerinnen das Projekt Kidstime vor. Foto: jm

„Erleichtert“ habe sie sich gefühlt, als sie zum ersten Mal zu einem Kidstime-Workshop im Landkreis Rotenburg gegangen sei, sagt Celina. Ganz besonders habe sie sich gefreut, einen Mitschüler aus ihrer Klasse dort zu treffen. Da wusste sie ganz sicher, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine ist, berichtet die junge Frau.
Celinas Mutter leidet an Depressionen, die beiden besuchen die monatlichen Workshops inzwischen seit mehreren Jahren. Im Landkreis Rotenburg (Wümme) gibt es Kidstime seit 2015 - eine Premiere in Deutschland. Das Konzept stammt aus England und wurde in den 90er-Jahren etabliert, berichtet Klaus Henner Spierling. Der Psychologe und Multifamilientherapeut lernte das Vorbild aus dem Vereinigten Königreich bei einer Fortbildung im Jahr 2014 kennen und half beim Aufbau des Projekts im Landkreis Rotenburg. Bis heute ist Spierling bei den monatlichen Treffen als einer von vier Trainer:innen dabei.
 
Monatliche Workshops
 
Vergangene Woche stellte er das Projekt, das bald auch im hiesigen Landkreis starten soll, im Kreishaus vor. Im Zentrum stehen die rund dreistündigen Workshops für Kinder und Eltern, die einmal im Monat stattfinden und einer festen Struktur folgen: Nach einem spielerischen Auftakt zur Begrüßung gibt es zunächst einen kurzen Seminarteil, in dem die Fachleute über Gesundheitsthemen informieren. Oft geht es dabei beispielsweise auch um Anlaufstellen für verschiedene Probleme vor Ort.
Im Anschluss werden die Gruppen aufgeteilt. Während die Kinder sich spielerisch mit der Situation in ihrer Familie auseinandersetzen und einen Film dazu drehen, gibt es in der Elterngruppe Raum für Gespräche mit dem Team. „Auch in der Elterngruppe stehen die Kinder stets im Fokus“, erklärt Spierling. Nach einer gemeinsamen Mahlzeit schauen alle Teilnehmer:innen gemeinsam den Film und es gibt die Gelegenheit, Rückmeldungen zu geben - auch anonym per Fragebogen.
 
Gute Erfahrungen aus Rotenburg
 
Die Erfahrungen aus dem Landkreis Rotenburg seien sehr positiv, berichtet Henner Spierling. Für die Kinder erfülle das Kidstime-Projekt drei essenzielle Bedürfnisse: altersgerechte Erklärungen für die Krankheiten ihrer Eltern, das Erleben von Gemeinsamkeit und Kontakt zu stablien Ansprechpartner:innen. Ehemalige und aktuelle Teilnehmer:innen betonen vor allem den Gemeinschaftsaspekt. Die Erkrankung der Eltern sei eben „kein Thema für den Pausenhof“, sagt Sylvia, die Kidstime in Rotenburg mit ihren beiden Söhnen besucht hat. Mitten in der Pubertät hatten die beiden ihren Vater verloren, dazu kamen die Depressionen der Mutter. Kidstime habe geholfen, das zu verarbeiten. „Eine verrückte Zeit und dann auch noch eine verrückte Mutter, das war nicht so einfach“, scherzt Sylvia heute. Doch nicht nur die Kinder hätten vom Austausch in der Gruppe profitiert, auch für sie selbst sei es eine Erleichterung gewesen, unter anderen Betroffenen zu sein. „Man muss sich nicht ständig erklären, die anderen wissen, wie es einem geht, die haben selbst solche Phasen erlebt.“
 
Start im September geplant
 
Das erste Treffen im Landkreis Osterholz soll im September stattfinden. Die Planungen sind schon weit fortgeschritten. Der Landkreis kooperiert mit dem SOS-Kinderdorf Worpswede und dem Diakonischen Werk des Kirchenkreises. Ein Raum für die Workshops wird von der Stadt Osterholz-Scharmbeck im Haus der Kulturen bereitgestellt. Finanziert wird das Projekt, das jährlich zwischen 13.000 und 15.000 Euro kostet, durch Fördermittel vom Bund der Krankenkassen (GKV). Die zukünftigen Trainer:innen werden von Klaus Henner Spierling mit einer Fortbildung auf ihre Arbeit vorbereitet. Familien, die sich angesprochen fühlen, können sich ab sofort vertrauensvoll an Ulla Heuter aus dem Gesundheitsamt wenden. Sie ist erreichbar unter 04791 930-2931 oder ulla.heuter@landkreis.osterholz.de.


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