

Worpswede. So viele Vernissage-Besucher passten gar nicht ins Alte Rathaus, wie Menschen da waren, um den Beginn der Ausstellung der Künstlerinnengruppe „material girls“ mitzuerleben. Drinnen eröffnete Bürgermeister Stefan Schwenke wohl eine seiner letzten Ausstellungen als amtierender Bürgermeister vor der anstehenden Kommunalwahl am 13. September.
Mehr als ein zeitgenössischer Bildrahmen
Das Material fungiere bei den Künstlerinnen Ulrike Brockmann, Claudia Christoffel, Christine Huizenga, Edeltraut Rath, Sabine Schellhorn, Ute Seifert und der Gastkünstlerin Rebekka Kronsteiner als Ideengeber und zentrale Grundlage ihrer kooperativen künstlerischen Praxis. In den Arbeiten der Ausstellung „Material Girls für Paula“ begegneten die Material Girls einer Frau, an der man in Worpswede ohnehin kaum vorbeikomme, sagte Stefan Schwenke in seiner Begrüßungsrede: Am 8. Februar wäre Paula Modersohn-Becker 150 Jahre alt geworden. Ausprobiert, provoziert, Grenzen verschoben – Paula Modersohn-Becker habe sich damals nicht besonders darum gekümmert, was man von ihr erwartete. „Die material girls nehmen Modersohn-Becker nicht einfach als historisches Vorbild und hängen ihr einen zeitgenössischen Bilderrahmen um“, beschrieb es Schwenke. Sie setzten sich auch mit ihren schriftlichen Nachlässen auseinander und transformierten ihre Kunst, experimentierten und entwickelten weiter.
Er fand es beeindruckend, in der Ausstellung so viele unterschiedliche Ausdrucksformen zu finden. „Die Stärke dieser Ausstellung ist die Brücke, die geschlagen wurde zwischen Paula Modersohn-Becker und unserer Gegenwart, zwischen Geschichte und Experiment, zwischen Material und Idee, zwischen Kunst und den gesellschaftlichen und ökologischen Fragen unserer Zeit.“ Überraschung, Irritation, neue Gedanken und vielleicht auch ein klein bisschen Widerspruch wünschte der Bürgermeister den Besuchern der Ausstellung, ganz wie es Modersohn-Becker wohl gefallen hätte.
Angela Tietze von der Städtischen Galerie Bremen sprach von Paula Modersohn-Becker als Ikone, als Malerin der Welt, die verehrt, bewundert, aber eben auch vermarktet wurde – und wird. „Das Vermarktende kann etwas Abstoßendes haben, aber hier im Alten Rathaus wird Paula bei den material girls zu einer der ihren, die ohne Vermögen mit Material arbeiten.“ Edeltraut Rath verwandelte Modersohn-Beckers Stillleben mit Orange in etwas Kosmisches, in einen Himmel voller Elementarteilchen in Tapetengröße. Das Leuchten dieses Werkes zieht sich hier durch die Ausstellung, fand Tietze. Sabine Stellhorn schuf einen abgedunkelten Raum, in dem Licht speicherndes Material zu sehen ist. Leuchtende Siegel, je eines zwischen Geburts- und Todestag habe sie als Langzeitprojekt entworfen. Das Zitat aus Modersohn-Beckers Tagebuch „Habe den festen Willen und Wunsch etwas aus mir zu machen, das das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht. Und selbst ein wenig zum Strahlen zu bringen“ habe sie dazu inspiriert.
Bewusstsein schaffend und ergreifend poetisch sind die seismografisch wirkenden zahlreichen Darstellungen eines zu hörenden Herzschlages im Wort „jetzt“ von Ute Seifert, die von Claudia Christoffel entworfenen Stofftaschentücher trösten mit dem aufgestickten Zitat „Traurigsein ist wohl etwas Natürliches. Es ist wohl ein Atemholen zur Freude, ein Vorbereiten der Seele dazu.“ Ulrike Brockmann konzentrierte sich auf die Farben in den Gemälden der Malerin und vereinfachte sie derart, dass sie sie allein in digitale Streifen anordnete. Die Gastkünstlerin Rebekka Kronsteiner ließ zwei Modersohn-Becker-Zitate in Wachstafeln ein und rahmte sie. „Darf Liebe nehmen?“ und „Es ist gut, sich aus Verhältnissen zu lösen, die einem die Luft zum Atmen nehmen“ wurden aus dem Kontext gerissen aus den Briefen an eine Freundin. „Historisch wird aktuell, in Darstellung und Inhalt“ nannte das Angela Tietze. Christine Huizenga wollte mit ihrer Arbeit auf die Körperlichkeit von Paula Bezug nehmen, indem sie ihren eigenen Körper objektifiziert und als Druckstock einsetzt.
Die Ausstellung „material girls für Paula – Kunst ist doch das Allerschönste“ in der Galerie Altes Rathaus ist dienstags bis freitags von 14 Uhr bis 18 Uhr und samstags und sonntags zwischen 11 Uhr und 17 Uhr zu sehen. Die Werke sind käuflich zu erwerben.



