

Landkreis. Pastor Gerd Rühlemann geht in den Ruhestand. Bei Anderland und im Klinikum Lilienthal fand er Aufgaben, die zu seinem Verständnis von Seelsorge passen: zuhören, Menschen ernst nehmen und ihnen Raum für ihre eigenen Wege lassen.
Wenn Gerd Rühlemann über seine Arbeit bei Anderland und im Klinikum Lilienthal spricht, braucht er nicht lange nach einer Erklärung zu suchen. „Hier schlägt mein Herz“, sagt der Pastor. Seit Jahren begleitet er dort Menschen in Situationen, in denen vieles ins Wanken gerät.
Am 23. August wird Rühlemann in einem Gottesdienst in der Martinskirche Lilienthal verabschiedet. Zum 1. September beginnt sein Ruhestand. Mit 66 Jahren empfindet er den Zeitpunkt als richtig. „Es ist gut jetzt. Auch für eine neue Generation.“
Seine Arbeit passt zu einem Satz, der sich durch sein Berufsleben zieht: „Ich wollte immer Seelsorger sein.“ Zuhören und beraten, Menschen ein Stück ihres Weges begleiten – das habe ihm schon früh gelegen. Als Jugendlicher leitete er Kindergruppen in der Kirchengemeinde.
Eigentlich wollte Rühlemann Mathematik und Religion auf Lehramt studieren. Mathematik verlor auf dem Weg zum Abitur ihren Reiz. Die Religion blieb. Er studierte in Bethel und Marburg, absolvierte sein Vikariat in Uetze bei Celle und kam über Stationen im Emsland nach Melle. Dort teilte er sich elf Jahre eine Pfarrstelle mit seiner damaligen Ehefrau. Schon damals lagen ihm Beerdigungen besonders am Herzen. „Die Lebensgeschichte zu erzählen, das war mir immer sehr wichtig.“ In Melle engagierte er sich zudem beim Aufbau einer Hospizgruppe.
Später führte ihn sein Weg nach Osterholz-Scharmbeck. Rühlemann bildete sich zum Schulpastor fort und arbeitete zunächst in Schwanewede, anschließend 13 Jahre am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck.
„Jeder findet seinen eigenen Weg“
Dann kam Anderland. Zunächst sprang er für eine erkrankte Kollegin ein. Aus der Vertretung wurde eine Aufgabe, die ihn über viele Jahre begleiten sollte. Rund 200 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren und ihre Familien hat er dort nach eigener Schätzung in 13 Jahren begleitet. Warum ihm diese Arbeit so nahe ist, erklärt sich auch aus seiner Kindheit. Seine Großmutter starb, als er sechs Jahre alt war. „Es kribbelt heute noch im Bauch, wenn ich davon erzähle.“ Kurz vor seiner Konfirmandenzeit starb auch sein Großvater.
Rühlemann möchte Kindern die Trauer nicht abnehmen. Er will ihnen einen Ort geben, an dem sie ihren eigenen Umgang damit finden. Manche reden, andere spielen oder toben. Niemand bewertet, wie Trauer auszusehen hat. „Jeder findet seinen eigenen Weg“, sagt Rühlemann.
Genau dort berühren sich für ihn Anderland und die Seelsorge im Krankenhaus. Seit 2019 arbeitet Rühlemann zusätzlich als Krankenhausseelsorger im Klinikum Lilienthal. In beiden Bereichen gehe es darum, Menschen zu sehen, ihnen Zeit zu geben und sie erzählen zu lassen.
Im Krankenhaus sei Zeit ein entscheidender Teil seiner Arbeit. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiten unter hohem Druck. Der Seelsorger dagegen setzt sich ans Bett und hört zu. „In der Klinik hat keiner Zeit. Nur ich als Seelsorger.“
Dieses Zuhören versteht Rühlemann nicht als Vorstufe zu fertigen Antworten. Es geht um die Lebenswelt seines Gegenübers, nicht um seine eigene. Manchmal führt ein Gespräch zu religiösen Fragen, manchmal nicht. „Raum zu schaffen, alles auszusprechen“, beschreibt er einen Kern seiner Arbeit.
„Ich wollte immer Seelsorger sein, Menschen begleiten, weil ich mich von Gott begleitet weiß“, sagt Rühlemann. Deshalb empfindet er auch seinen Abschied nicht als Bruch. „Deswegen bin ich gerade an der richtigen Stelle. Und deswegen ist jetzt zu gehen auch der richtige Zeitpunkt.“
Kein Stundenplan
Große Pläne für den Ruhestand hat er nicht. Zunächst soll das Arbeitszimmer aufgeräumt werden. Danach dürfte es musikalischer werden. Vor einem Jahr kaufte sich Rühlemann ein gebrauchtes Akkordeon. Passend dazu beginnt sein Ruhestand am 1. September mit dem Besuch eines Akkordeonkonzerts.
Auch Familie und Freunde sollen mehr Raum bekommen. Einen Stundenplan für den neuen Lebensabschnitt hat er nicht geschrieben. „Ansonsten schaue ich mal, was kommt.“



