Patrick Viol

Kommentar: Soziale Gerechtigkeit verwirklicht Ungleichheit

Zum internationalen Tag der sozialen Gerechtigkeit in der Pandemie erinnert Patrick Viol daran, dass der Begriff der Gerechtigkeit nicht nur auf gleiche Verteilung von Gütern, sondern auf die Einrichtung eines guten Lebens zielt.

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Ungleiche Teile bilden ein versöhntes Ganzes. Kurt Schwitters, France 1946/ wiki commons

Ungleiche Teile bilden ein versöhntes Ganzes. Kurt Schwitters, France 1946/ wiki commons

Je länger die Pandemie uns gefangen hält, desto mehr klagen die Menschen die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft an, die das um sich greifende Virus zwar nicht geschaffen, aber für viele sichtbarer und vielfach verstärkt hat. Um ein paar Beispiel zu nennen:
Relativ früh im letzten Jahr zeigte sich, dass vor allem Mütter die meiste Arbeit mit Homeschooling leisten. Auch dann, wenn ihr Partner mit im Homeoffice arbeitet. Die Doppelbelastung von Frauen in Familien wurde verstärkt. Am selben Phänomen zeigte sich auch, dass Homeschooling für Kinder ganz Unterschiedliches bedeutet: Die einen haben ein eigenes Zimmer samt Laptop und ein Elternteil, das die Kraft und Muße hat, das Lernen Zuhause zu begleiten. Andere Kinder hingegen teilen sich mit zwei Geschwistern ein Zimmer und das Smartphone einer erschöpften Mutter. Konzentriertes Lernen ist für sie unmöglich. Dann gibt es flexible Kurzarbeit und Homeoffice für die einen, während andere weiter am Band stehen müssen und dort Gefahr laufen, sich anzustecken. Dass eine englische Studie zum Ende letzten Jahres zeigte, dass Menschen, die in der verarbeitenden Industrie arbeiten, ein höheres Risiko haben, an Covid-19 zu sterben, illustriert drastisch, was Maloche in der Pandemie bedeutet. Und zuletzt beschweren sich die Menschen verstärkt über die Privilegien, die zum Beispiel Fußballer haben oder - ganz existenziell - darüber, dass großen Betrieben Hilfen in Millionenhöhe ohne langes Warten zukamen, während die kleinen bis zur Pleite vertröstet werden.
An den Beispielen zeigt sich deutlich, wann Menschen soziale Ungerechtigkeit erfahren: Das tun sie dann, wenn sie ohne vernünftigen Grund am eigenen Leib eine ungleiche Behandlung erfahren, während sie in einer Gesellschaft leben, deren Grundsatz die Gleichheit aller Menschen ist. Ungerechtigkeit erfahren die Menschen in unserer Gesellschaft dadurch, dass Arbeit, Belastung, Rechte, Pflichten, Privilegien und Reichtum ungleich verteilt werden.
Heute, am 20. Februar, ist der internationale Tag der sozialen Gerechtigkeit. Und weiter von ihr entfernt schienen wir die letzten 50 Jahre nicht. Doch erreichen lässt sich soziale Gerechtigkeit nicht dadurch - und an diesen Gedanken der politischen Philosophie möchte ich zu diesem Tag gerne erinnern -, dass Arbeit, Chancen, Rechte und Reichtum einfach gleich verteilt und alle Menschen gleich behandelt werden.
Zielte der Begriff der sozialen Gerechtigkeit immer auf die Idee eines guten Lebens, so drängt er über die Verteilung von Gütern hinaus auf vernünftige Beziehungen zwischen den Menschen. Und in solchen würden sie weder zur ungerechtfertigten Bereicherung anderer arbeiten müssen, noch würden sie bloß als abstrakt-gleiche Güterempfänger behandelt. Sondern ihnen widerführe als sich selbstentfalten wollende Wesen; als einander nicht gleiche Individuen mit verschiedenen Bedürfnissen und Fähigkeiten Gerechtigkeit.
Das heißt, soziale Gerechtigkeit wird nicht nur dadurch erreicht, dass die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums so verläuft, dass niemand von ihm ausgeschlossen ist. Sondern dadurch, dass dessen Produktion zugleich die individuelle Selbstentfaltung ermöglicht. Und das bedeutet, dass soziale Gerechtigkeit nicht dann verwirklicht ist, wenn alle Menschen wirklich gleich sind, sondern wenn sie frei und ohne Angst verscheiden sein können. Bloße Gleichheit zu fordern, ist nichts anderes als die Adelung des Zustands eingeschränkter Selbstentfaltung.
Soziale Gerechtigkeit herrscht dann, wenn sich Fragen gerechter Verteilung erübrigt haben und die Ungleichbehandlung von Menschen der Modus ihres Glücks geworden ist.


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