

Bis zur Schwangerschaft meiner Freundin begegnete ich Hebammen mit Skepsis. Für mich waren sie ein die brutale Natur als Mutter romantisierender und Carearbeit weiblich naturalisierender antifeministischer Zirkel Leinentücher tragender und an Homöopathie glaubender Frauen.
Und die erste Hebamme, die meine Freundin und ich zum Kennenlerngespräch einluden, bestätigte nach ein paar Sätzen meine skeptische Haltung. Sie halte nichts davon, Babys zu impfen. Ihre Begründung war so stichhaltig wie in Wasser aufgelöster Zucker wirksam gegen Krankheiten ist: Babys zu impfen sei unnatürlich. Da hatte sie recht. Tetanus und Polio sind hingegen ganz natürlich. Dass ungeimpfte Baby daran sterben können auch.
Anthroposophisch überdrehte Geburtshelferinnen sind aber nicht einfach nur meschugge. Zum einen setzen sie Frauen durch ihre ideologische Gleichsetzung von „natürlich“ und „gut“ enorm unter Druck. Ihr Mutterbild und ihr Natürlichkeitswahn vermitteln Frauen, dass nur eine „natürliche“, sprich eine vaginale Geburt unter Schmerzen eine gute sei und nur der gemeinsame existenzielle Kampf von Mutter und Kind eine wahrhaftige Bindung zwischen ihnen stifte. Wer Betäubungsmittel braucht, gar einen Kaiserschnitt hat, hat schon am Anfang direkt als Mutter versagt.
Zum anderen sind Spiri-Hebammen eine unreflektierte Gegenreaktion auf ein reales Problem, auf das unter anderem die Feministin Silvia Federici hingewiesen und das in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit erhalten und zum Glück Eindämmung erfahren hat: Krankenhäuser und die in ihnen praktizierte Medizin bildeten bis in die 2010er Jahre einen von an Männerkörpern geschulten Männern und Effizienzkriterien beherrschten technokratischen Komplex. Ihm durch die Geburt ausgeliefert zu sein, bedeutete für die meisten Frauen eine traumatische Gewalt- und Entmündigungserfahrung. Geburt galt rein als zu beherrschendes Risikoereignis. Die Gebärenden hatten in die standardisierte, auf die Gefühle und Wünsche der Frau keine Rücksicht nehmende Art der Beherrschung nicht hineinzureden. Die Entscheidungsgewalt lag ganz bei den Ärzten.
Hier hat sich in den letzten Jahren jedoch viel geändert, sodass Frauen sich nicht mehr zwischen einer naturromantisch-lebensgefährdenden oder einer technokratisch-traumatisierenden Option entscheiden müssen. Nicht zuletzt deshalb, weil Hebammen – bewusst oder nach bestem Wissen im Sinne Federicis – stärker als professionelle Vermittlerinnen zwischen technisierter Medizin und der Subjektivität der gebärenden Frau auftraten und Frauen fortan das Gefühl gaben, ihr Körper werde nicht beherrscht, sondern ihre Selbstbeherrschung werde sicher, mit technischem Backup, begleitet.
So kam es auch dazu, dass ich meine Skepsis, mein Vorurteil gegenüber Hebammen ablegte. Sowohl unsere Hebamme, die die Schwangerschaft begleitete und die Nachsorge übernahm, als auch die Beleghebammen im Krankenhaus waren technisch-wissenschaftlich wie emotional-empathisch versierte Fachkräfte, die uns, vor allem aber meiner Freundin, in der Schwangerschaft, während der Geburt und in der Nachsorge die widersprüchlichen Bedürfnisse nach Autonomie und Sicherheit erfüllten.
Meine Freundin hat im Krankenhaus entbunden. Und die Hebamme, die die Geburt begleitete und meinen Jungen mit auf die Welt holte, agierte auf eine meine Freundin und mich als selbstbestimmte Wesen anerkennende und durch medizinisches Fachwissen Sicherheit vermittelnde Art und Weise, sodass das Krankenhaus für die Zeit der Geburt seinen kalten apparaturtechnokratischen Charakter verlor und wir uns angesprochen und gut aufgehoben fühlten.
Ich bin nun davon überzeugt, dass Hebammen, die empathisch, psychologisch geschult und medizinisch kompetent sind, genau jene Verbindung von Erfahrungswissen und Technik verkörpern, die von der männlich dominierten Medizin systematisch zerstört wurde. Sie praktizieren eine vernünftige, Technik nicht regressiv verteufelnde feministische Kritik an einer Medizin, die nur emotional stillgelegten Männern Sicherheit verleiht und Frauen entmündigt und objektifiziert.
Dass der neue Hebammenhilfevertrag diesen Frauen, die sich vernünftig um Frauen kümmern, die Arbeit und das Leben erschwert, und eine Hebammenunterversorgung verursachen könnte, erweist den Vertrag nicht nur als Ausdruck einer patriarchalen Herabwürdigung von Sorgearbeit und feministischen Errungenschaften. Dieser Vertrag zeigt auch, dass es für einen frauenfeindlichen Rollback keine AfD an der Macht braucht. Auch neoliberale Sparpolitik kassiert errungene weibliche Autonomie ein und erweist die marktwirtschaftliche Gesellschaft einmal mehr als eine, die sich von naturhafter Gewalt nicht emanzipiert hat. Für die Zukunft, in der laut Söder gerecht sein soll, was auch wettbewerbsfähig macht, sollte man hoffen, dass es mehr Frauen in der Union wie Laura Hopmann gibt, die einen Konservatismus vertreten, der nicht nur rhetorisch den Schutz von Familie und Frauen bemüht, sondern praktisch Bedingungen schaffen will, die die meisten Familien und Frauen nicht an den Rand der Verzweiflung bringen.




