Marcel Foltmer

Hühner, Ponys und Erinnerungen

Die Stiftung Maribondo plant in Worpswede ein innovatives Projekt für Demenzkranke. Nicole Klein möchte hier mit tiergestützter Therapie Betroffenen Selbstständigkeit zurückgeben.

Nicole Klein möchte demenzkranken Menschen mithilfe von Tieren nicht nur erfüllende Aufgaben geben, sondern auch alte Erinnerungen wieder aufleben lassen.

Nicole Klein möchte demenzkranken Menschen mithilfe von Tieren nicht nur erfüllende Aufgaben geben, sondern auch alte Erinnerungen wieder aufleben lassen.

Bild: Mf

Worpswede. „Wir sind davon überzeugt, Menschen eine echte Aufgabe zu geben.“ Wenn Nicole Klein über ihr Projekt spricht, wird sofort klar: Es geht ihr um mehr als Pflege. In einer alten Villa unweit des Worpsweder Ortszentrums entsteht ab Oktober ein Zuhause für Menschen mit Demenz – mit Hofleben, Tieren und viel Raum für Selbstbestimmung.

Für die Bewohner gibt es keinen starren Tagesplan und keine künstlichen Beschäftigungen. „Pseudoaufgaben“ wie Kreuzworträtsel, sagt Klein, sollen nicht den Alltag füllen. Stattdessen werden Hühner gefüttert, Eier fürs Frühstück gesammelt oder Ponys und Schafe versorgt. In rollstuhlgerechten Hochbeeten wird gepflanzt, im Herbst steht die Apfelernte samt Verwertung an. „Jeder leistet, was er kann und worauf er Lust hat“, beschreibt Klein das Prinzip.

Pflege ohne Hierarchien

Ein zweiter Grundsatz ist ihr ebenso wichtig: Pflege darf nicht von Hierarchien geprägt sein. „Nur weil ich Pflegefachkraft bin, stehe ich nicht an anderer Stelle als die Bewohner“, betont sie. Es gehe nicht darum, Aufgaben zuzuweisen, sondern Menschen zu ermöglichen, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Das weitläufige Grundstück von 40.000 Quadratmetern bietet dafür ideale Bedingungen. Tiere gehören zum Alltag, nicht als Dekoration, sondern als Mitbewohner. Für Klein ist das selbstverständlich: „Tiere haben die Kraft, Menschen zu erreichen, wo Worte nicht mehr hinkommen.“

Von der Idee zum Projekt

Nicole Klein ist seit 2018 Fachkraft für tiergestützte Therapie. Ab 2021 absolvierte sie bei der Bremer Heimstiftung ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft. Dort entwickelte sie gemeinsam mit anderen Auszubildenden ein Betreuungskonzept, das Tiere ins Zentrum stellte – und überzeugte damit die Leitung. Wenig später entstand der Kontakt zur Stiftung Maribondo da Floresta, die ihr die Umsetzung ermöglicht.

Mit Unterstützung der Stiftung wird aus der Idee Realität: eine Wohngruppe mit zwölf Plätzen, in der Menschen mit Demenz Aufgaben übernehmen, die Sinn stiften. Finanziert wird das Projekt durch die Deutsche Fernsehlotterie, die über 315.000 Euro bereitstellt.

Erinnerungsarbeit mit Tieren

Die Tiere sind nicht nur Teil der täglichen Versorgung, sondern auch Brücke zur Vergangenheit. Für viele Bewohner, die auf dem Land aufgewachsen sind, können Begegnungen mit Schafen, Ponys oder Hühnern Erinnerungen an Kindheit und Jugend wachrufen. Diese Form der Erinnerungsarbeit sei besonders wertvoll, erklärt Klein. Künftig sollen auch andere Einrichtungen aus dem Landkreis Ausflüge nach Worpswede machen können, um von diesem Ansatz zu profitieren.

Flexible Wohnformen

Das Wohnmodell selbst ist flexibel. Wer einzieht, mietet ein Zimmer oder ein Apartment; auch Angehörige ohne Demenz können mit einziehen. Je nach Bedarf lassen sich Zusatzpakete mit mehr Unterstützung buchen.

Jeden Sonntag lädt die Stiftung im Blauen Haus in der Findorffstraße in Worpswede von 14 bis 18 Uhr zu einem offenen Café ein. Dort können Interessierte das Konzept kennenlernen. Einige Plätze in der Wohngruppe sind noch frei.

Eine Überzeugung, die trägt

Was bleibt, ist der Eindruck einer Frau, die einen neuen Weg in der Pflege beschreiten will – pragmatisch, aber auch mutig. Für Nicole Klein ist entscheidend, dass Menschen mit Demenz nicht als Patienten betrachtet werden, sondern als Teil einer lebendigen Gemeinschaft. „Nur weil jemand eine Diagnose hat, heißt das nicht, dass er nichts mehr beizutragen hat.“


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