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Ralf G. Poppe

Für mehr Reichweite

Viele politisch Aktive sind auch im Netz präsent

Bremervörde. Jana Basilon (Grüne), Dirk-Frederik Stelling (CDU) und Marco Prietz (CDU) aus Bremervörde, die alle noch U40 sind, nutzen gezielt auch soziale Medien, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Jana Basilon zog vor zwei Jahren aus Wentorf in die Ostestadt. Dirk-Frederik Stelling und Marco Prietz engagieren sich eben dort bereits seit ihrer Jugend erfolgreich politisch. Unter anderem auch deshalb, weil sie in der kommunalpolitischen Öffentlichkeitsarbeit permanent neue Medien nutzen.

Basilon wurde im November 2023 zur zweiten Sprecherin des Ortsvereins Bündnis 90/Die Grünen in Bremervörde gewählt. Sie ist noch keine 40 Jahre alt, zählte in Wentorf zu den ältesten, in Bremervörde zu den jüngsten Mitgliedern des jeweiligen Ortsvereins. Stelling ist mit seinen 31 Jahren bereits CDU-Fraktions- und Gemeindeverbandsvorsitzender sowie Ortsbürgermeister, Prietz mit 35 gar schon Landrat im Landkreis Rotenburg (Wümme) – wahrscheinlich der Jüngste in der gesamten Bundesrepublik.

 

Für mehr Reichweite

 

Trotz ihrer verschiedenen Wege zum Erfolg eint die Drei, dass sie die sozialen Medien in ihrer politischen Arbeit für sehr wichtig halten, weil diese Reichweiten generieren, die man „früher“ nie hätte erreichen können. Obwohl die individuelle Herangehensweise unterschiedlich ist, sind sich alle bewusst, dass die sich ständig weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten der sozialen Medien nicht nur Vorteile haben.

„Wenn man politisch etwas bewegen möchte, muss man gewählt werden. Dazu benötigt man aus meiner Sicht alle Wahlberechtigen. Sowohl die, die noch Papier-Zeitungen lesen, als auch jene, die das nicht mehr tun“, findet Dirk-Frederik Stelling. Weil aufgrund der Kostenentwicklung sowie des Fachkräftemangels kommunal jedoch längst nicht mehr alle politischen Veranstaltungen direkt vor Ort von der Print-Presse begleitet werden könnten, müsse man als Kommunalpolitiker zwangsläufig selbst mehr tätig werden, ist der CDU-Fraktionsvorsitzende überzeugt. Wenn man ehrenamtlich, ohne teure Anzeigenkampagnen arbeiten müsse, sei die Nutzung der sozialen Medien eine Pflicht. Er habe aus privaten Gründen mit der Nutzung der für ihn relevanten Plattformen Facebook, Instagram und WhatsApp begonnen, u.a., um mit Freunden in Kontakt bleiben zu können.

Diese Medien müsse man mittlerweile auch für die politische Arbeit nutzen. Obwohl genau diese Vermischung von privaten und politischen Inhalten häufig schwierig sei, da sich nicht alle Nutzer:innen für die gleichen Inhalte interessierten. Andererseits würden ihm die neuen Medien keinen Spaß bereiten, wenn er ein reines Politiker-Profil nutzen müsste.

 

Privates und Politisches trennen

 

„Ich möchte die Politik aus meinem persönlichen WhatsApp-Status heraushalten“, sagt hingegen Jana Basilon. Dort teile sie lediglich für einen ausgewählten Personenkreis private Inhalte, wie z.B. Urlaubsfotos. „Das ist privat, und das würde ich gern privat halten. Doch wer weiß schon, was noch kommt“, so die Sprecherin der Grünen weiter. Sie sehe es allerdings als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, auch junge Menschen für ihre Partei zu gewinnen. Und die sind eher über soziale Medien erreichbar. „Junge Leute dürfen bitte gern auch einfach mal `so´ persönlich bei den Treffen des Ortsverbands dabei sein, um mitzugestalten“, wünscht sich Basilon. Natürlich könne man alle Informationen posten. Dennoch halte sie das direkte Gespräch für viel wichtiger. Dabei könne man ein besseres Gefühl dafür bekommen, was die Leute in der Stadt bewege.

Trotzdem müsse der Vorstand regelmäßig die eigenen politischen Aktivitäten auf den sozialen Accounts ihres Ortsvereins kommunizieren. „Wir haben einen Instagram- und einen Facebook-Account. Leider hinkt die Aktualität hier noch ein wenig“, räumt Basilon ein. Sie würde sich sehr freuen, wenn sich ihr Ortsverein stärker online präsentieren könne. „Bei Instagram ist unser Auftreten bereits besser als noch vor einem Jahr. Bei Facebook werden wir das hoffentlich bald ebenso hinbekommen. „Die Frage, ob wir jetzt noch einen Tiktok-Kanal eröffnen sollten, würde ich allerdings erst einmal verneinen.“

 

Kein Tiktok-Kanal

 

Einen Tiktok-Kanal möchte auch Landrat Marco Prietz nicht betreiben. „Eine Zeit lang habe ich mir das Medium angesehen. Doch ich finde, dafür bin ich zu alt“, bemerkt Prietz schmunzelnd. Er habe zudem einmal die Telegram-App getestet. „Als das Adressbuch mit der App synchronisiert wurde, war ich erschrocken, wie viele Kontakte diesen Service nutzen. Ich habe rund 800 Telefon-Nummern gespeichert und plötzlich hatte ich gleich 200 Telegram-Kontakte, die u.a. z.B. nicht bei WhatsApp registriert sind. Ich habe das Medium dann gleich wieder deinstalliert“, so Prietz. Die Signal-App habe er ebenfalls nach einem Tag wieder herausgenommen. Zeitungen lese er aktuell nur noch elektronisch. Entweder per Handy oder auf dem Tablet. „Der Bremervörder Anzeiger ist eine Ausnahme. Ihn lese ich noch in Papierform, weil er automatisch bis ans Haus gebracht wird“, sagt der Landrat.

 

Jeder lebt in seiner Filterblase

 

„Letzten Endes geht es um die Information, nicht um das Medium.“ Durch die Vielzahl von Online-Plattformen gebe es den Sinn für gemeinschaftliche Themen jedoch nicht mehr, da jeder in seiner eigenen Realität, in einer eigenen Filterblase, lebe. „Bei den sozialen Medien ist das Praktische zugleich das Gefährliche – die Algorithmen merken sich, was man interessant findet. Dadurch können Themen selektiert, dadurch so weit verstärkt werden, dass das Ergebnis nicht mehr gut ist.“ Wer sich über Schlagworte wie „Umwelt“ oder „Flüchtlingskrise“ informiere, bekäme nach und nach immer mehr News nur noch zu diesem Themenfeld, was die Wirkung dessen ungleich verstärken könne. „Man hatte noch nie so viele Möglichkeiten, an jedem Ort auf der Welt an so viele Informationen zu kommen.“ Dennoch würde man trotz der Vielfalt der Informationsquellen eben sehr viel in dem Netzwerk aktiv, in dem man mit politisch ähnlich denkenden Menschen kommuniziere. „Eigentlich separiert sich die Welt dadurch stärker, als das sie vielfältiger wird,“ sagt Prietz.

Andererseits könnten die sozialen Medien hilfreich sein, Distanzen abzubauen. Traditionell, so Prietz weiter, sei es so gewesen, dass, wenn jemand etwas von einem Landrat wolle, ein Brief geschrieben werden musste, oder telefonisch durch das Sekretariat ein Termin vereinbart wurde. „Durch die modernen Medien kann ich nun direkt Informationen über Instagram, oder persönlich Feedback über WhatsApp, per SMS, E-Mail oder Sprachnachrichten erhalten.“

Es gebe heutzutage sehr viele Möglichkeiten für Interessierte, um direkt mit ihm in Kontakt treten zu können. All das bereite zwar viel Arbeit, um alle Informationen so zu koordinieren, dass jede Anfrage eine Antwort bekomme, doch eben genau das erde ihn enorm. Ebenso wie die Bürgersprechstunden. „Man bekommt von allen Seiten von allen möglichen Medien alle möglichen Informationen. Dennoch ist der persönliche Kontakt wichtig. Ich versuche weiterhin, zu allen Mitarbeitenden im Landkreis einen möglichst direkten Draht zu haben. Daher habe ich begonnen, ihnen stets am Monatsanfang per Mail mitzuteilen, was mich gerade bewegt, oder was mich in den nächsten Tagen beschäftigen wird. Das kommt gut an, und ist von niemandem vorformuliert.“

 

Kurze Aufmerksamkeitsspannen

 

Stelling gibt zu bedenken, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei den Konsumierenden jedoch leider immer kürzer werde. Wurden vor zehn Jahren noch längere Texte auf Facebook eingestellt, müsse heute ein aussagekräftiges Fotomotiv mit ein, zwei Statements ausreichen. Kurze Schlagworte ohne Hintergründe dienten dabei leider eher den Populisten, während fachlich gut ausformulierte Antworten zu komplexen Fragestellungen oft nicht mehr richtig wahrgenommen würden. „Man dringt mit vielen Beiträgen einfach nicht mehr durch“, bedauert Stelling. Diesbezüglich stießen die neuen Medien oft an ihre Grenzen. Da die politische Arbeit in den elektronischen Medien eh bereits viel Zeit beanspruche, nutze er persönlich die Möglichkeit, eigene Videos zu kommunizieren, nicht. Denn diesbezüglich gute Beiträge zu erstellen, benötige noch mehr Aufwand.

Aufgrund des oft fragwürdigen Umgangstons hat sich Prietz bereits vor einem Jahr von Twitter (heute X) zurückgezogen. Auch Stelling empfindet die Nutzung von X für die Kommunalpolitik als unpassend. „Das ist eher etwas für Bundes- und Landespolitik.“ Facebook sei eben doch mehr als die anderen Formate auf Wortbeiträge ausgelegt. „Wobei ich viele Dinge, die ich dort lese, erschreckend finde. Es schreiben oftmals scheinbar dieselben Leute Kommentare zu verschiedenen Sachverhalten. Darunter befinden sich leider viele User, die sich zuvor nicht dezidiert über den richtigen Sachverhalt informiert haben. So werden manchmal Inhalte kommuniziert, die man den Leuten bei einem persönlichen Gespräch nicht ins Gesicht sagen würde“, bedauert der Bremervörder Ortsbürgermeister.

 

Persönlich ins Gespräch kommen

 

Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Auch Basilon empfindet den persönlichen Kontakt als sehr wichtig: „Ich halte es auch für sehr wichtig, dass wir persönlich ansprechbar und sichtbar sind. Denn wir sind keine U-Boot-Politiker, die immer nur rauskommen, wenn Wahlen anliegen. Wir sind vor Ort aktiv. Man kann direkt mit uns reden. Extra dafür haben wir sogar einmal monatlich einen Stammtisch in einem Bremervörder Lokal eingerichtet. Da darf jeder hinkommen, um uns anzusprechen.“ Kurz: Sowohl Basilon, Stelling als auch Prietz halten die sozialen Medien für unverzichtbar, sofern sie nicht ausschließlich zur Meinungsbildung und Übermittlung von Informationen genutzt werden.

Auf Instamgram findet man Stelling unter dirk.stelling, Prietz als marcoprietz, den Ortsverein der Grünen unter gruenebremervoerde.


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